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"Wisch und weg": Generation Tinder: Wieso es schade ist, dass niemand bei der Sache bleibt

Zwei Millionen Nutzer, unzählige Chancen und die Hoffnung auf den richtigen Partner: Unsere Autorin hat einen Selbstversuch in die Welt des Tinder-Dating gewagt. Ihr Ziel: ein cooler Typ. Ihre Angst: Möchtegerns. Ihr Fazit: Eine Generation, die aus Angst nicht wirklich bei der Sache ist.

Von NEON-Community-Mitglied Nadine Dübbel

Mädchen mit Handy in der Hand

Generation Tinder: Wir opfern nur dann Zeit, wenn wir einen eigenen Vorteil darin sehen (Symbolbild)

Unsplash

Mit über zwei Millionen Nutzern deutschlandweit (Stand 2015) ist die Datingplattform der wohl größte Flirt-Club Deutschlands. Und ähnlich wie im Stadion auch, findet man hier Hooligans, Fans und Gelegenheitsbesucher gleichermaßen. Das Problem: Im Gegensatz zu einem 90-Minuten-Derby scheint das Spiel auf Tinder, Lovoo und Co. nie zu enden. Viele warten jahrelang auf ihre Chance – ein Selbstversuch.

Einige Wochen nach meiner Trennung hatte es meinen Mädels gereicht: "Jetzt meld' dich da halt an. Hast doch nix zu verlieren!" Soweit ihr Standpunkt. Meiner hingehen: "Endpeinlich. Was, wenn mich da jemand sieht, den ich kenne? Dann kann ich mir ja gleich Verzweiflung auf die Stirn tätowieren lassen". Noch am gleichen Abend entschied ich mich dann aber für das metaphorische Stirn-Tattoo. Wieso? Ja, weil neue Umstände eben auch manchmal ein anderes Denken fordern.

Mein Ziel: einen coolen Kerl finden. Meine Angst: Hunderte Chatfenster breitbeiniger Möchtegerns, die in Gym-Klamotten nach erotischen Pics fragen. Oder – noch schlimmer – gar keine Chatfenster. Letzteres blieb mir Gott sei Dank erspart, vorletzteres auch. 

Gar nicht so leicht, bei Tinder den Überblick zu behalten

In den ersten Monaten gab es ein paar Dates. Typen, die in Sachen Humor in mein Raster passten und auch keinen Anschein machten, abends ein sexy Gute-Nacht-Bild zu benötigen. Es lief gar nicht so schlecht. Trotzdem störte mich eine Sache immens: zu viele Chats, zu viele Personen. Ich verlor den Überblick über "Na wie geht's!?", "Was machst?" und "Bist du auch aus München?" Und ja – mir ist bewusst, wie das jetzt auf einen Leser wirken muss. Aber wenn die Partnersuche neben einem Vollzeit-Job abgewickelt werden muss, gilt es, die Sache strategischer anzugehen – und das versuchte ich. 

Um Typen, die kein wirkliches Interesse an einem Beziehungsaufbau und mir als Person hatten, noch vor dem ersten "Hi" herauszufiltern, fügte ich meinem Profil ein gewagtes Add-on hinzu: Es rief die Jungs dazu auf, mir im Falle ernsthaften Interesses, eine Powerpoint-Präsentation zu schicken. Ich weiß, hört sich abgedreht an – retrospektiv betrachtet war es das auch. Ungeachtet dessen war es für mich aber eine Möglichkeit, recht schnell zu erkennen, ob mein Gegenüber ernsthaft daran interessiert ist, Mühe zu investieren. Denn nichts anders ist für mich das Finden, Pflegen und vor allem der anschließende Aufbau einer ernsthaften Beziehung.

Für alle mit ernsthaftem Interesse: Powerpoint-Projekt

Die Resonanz auf mein Powerpoint-Projekt war ambivalent: Es folgten Beleidigungen, für wen ich mich denn hielte, so etwas einzufordern. Erst einmal solle ich doch von mir eine Präsentation erstellen, damit man(n) sähe, ob sich der Hokuspokus überhaupt lohne. Es gab Jungs, die vorsichtig fragten, ob es sich dabei um eine Fangfrage handele und auch jene, die die Challenge sportmännisch annahmen.

In einem von mir extra für das Projekt eingerichteten Mailfach trudelten dann tatsächlich Anfragen rein. Jungs, die sich wirklich Mühe gaben und auf fast zwölf Seiten ihre Persönlichkeit mehr oder weniger ernst gemeint ins rechte Licht zu rücken versuchten. Andere, die sich in einer kurzen Mail dafür entschuldigten, keine Meister im Erstellen von Präsentationen zu sein und deswegen mit einer kleinen schriftlichen Anfrage auf ihr Glück hofften. Eines war sicher: Die Aufmerksamkeit der Jungs hatte ich schon mal – die Tinder-Routine schien durchbrochen.

Nach anfänglicher Freude dann aber der Dämpfer: Die Gespräche gingen weniger als mehr in die Tiefe. Zwar versuchte ich am Ball zu bleiben und dem Love-Game eine Chance zu geben, jedoch frustrierte mich die Tatsache, dass ich anfangs etwas einfordern musste, um das wohl natürlichste der Welt bekommen zu können: einen Partner. Es war deutlich zu spüren, dass die Motivation nach vorangegangener Powerpoint-Euphorie einer Stimmung wich, die dem diesjährigen WM-Aus der Deutschen glich.

Fazit: Die meisten sind nicht wirklich bei der Sache

Nach wenigen Monaten der Nutzung fiel mein Fazit also zwiegespalten aus. Zuerst aber die gute Nachricht: Dass die Partnersuche über Dating-Plattformen funktionieren kann, weiß ich aus meinem persönlichen Umfeld. Plus: Das Schmuddel-Image, mit dem diese Apps seit Jahren zu kämpfen haben, kann ich auch nicht bestätigen. Nicht einmal habe ich mich angegriffen oder unwohl gefühlt. Dennoch: Für mich hat sich aber vor allem eines herauskristallisiert – die meisten sind nicht wirklich bei der Sache. Es wird hin- und hergewischt wie in der Wühlkiste bei TK Maxx. Gespräche übersteigen oftmals nicht die Qualität von Club-Anmachen.

Damit gab mir mein Ausflug in die wilde Welt des Datings auch einen Einblick in unsere Gesellschaft: Generation Tinder, Wisch und weg. Viele opfern nur Zeit, wenn sie darin einen Vorteil für sich sehen. Es wird eben dann getindert, wenn man Zeit und Lust hat: in der Ubahn, in der Mittagspause, sonntagsabends vor Netflix. Fairplay und antworten, wenn der andere schon seit Stunden darauf wartet? No way! Kletten erwartet die rote Karte und Potentialträger werden mittels Benching erst einmal auf die Bank versetzt. Vielleicht passt es ja irgendwann. Und wieso das alles? Zu groß ist der Fokus aufs eigene Leben. Zu groß die Angst, die Komfortzone und bisherige Freiheiten hinter sich lassen zu müssen.

Und das alles bei einem Spiel, das Teamwork fordert. Schade, oder nicht?

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