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Meinung

"Wer wird Millionär?": Warum öffentliche Heiratsanträge einfach gar nicht gehen

Manche mögen es süß finden, aber wenn man unsere Autorin fragt, sind öffentliche Heiratsanträge, wie der von Benjamin Lange bei "Wer wird Millionär?", nichts weiter als emotionale Erpressung. 

Heiratsantrag bei Wer wird Millionär: Benjamin Lange

Benjamin Lange macht seiner Svenja einen Heiratsantrag und wir schütteln uns kollektiv vor Fremdscham

Als wäre ein Besuch auf Günther Jauchs "Wer wird Millionär?"-Stuhl nicht schon nervenaufreibend genug, entschied sich Kandidat Benjamin Lange am Montagabend kurzerhand, sich das Leben selbst noch ein bisschen schwerer und seiner Freundin in der Sendung am Telefon einen Heiratsantrag zu machen.

Und während wir in Fremdscham-Schweiß und nervöses Zittern ausbrechen, erinnern wir uns an einen Moment im September 2018, der ganz ähnliche Emotionen hervorrief. Aus gegebenem Anlass haben wir daher diesen Artikel über die emotionale Erpressung öffentlicher Heiratsanträge noch einmal an die Oberfläche befördert.

Heiratsantrag auf der Emmy-Bühne? Nein, danke.

Auf der Bühne der siebzigsten Emmy-Verleihung, der höchsten Auszeichnung für TV-Produktionen der USA, steht Glenn Weiss. Er hat den begehrten Preis gerade für seine Regieleistung bei der diesjährigen Oscar-Verleihung bekommen. Jetzt steht er also da auf der Bühne, vor einem Saal voller Menschen und Kameras, die das Spektakel in Millionen Haushalte übertragen – und er schwitzt. 

"Meine Freundin ist das Licht in meinem Leben", sagt er, "aber ich will dich nicht mehr meine Freundin nennen, sondern meine Frau." Und die Menge tobt. Jan, so heißt seine Freundin, weint. Ganz schwindelig vor Emotion und gestützt von zahlreichen berühmten Händen, torkelt sie auf die Bühne zu ihrem Liebsten. "Oh my God", haucht sie immer wieder, "oh my God", und schielt nervös Richtung ekstatisch klatschende Menschen, während ihr Freund vor lauter Aufregung die Reihenfolge seines Antrags versemmelt. Erst aufs Knie, dann fragen, dann der Ring, Glenn. Nicht andersrum.

Und während alle, auf die die Kamera gerade gerichtet ist, schockiert tun oder ein kleines Tränchen rausquetschen, versuche ich, meine Nackenhaare wieder zu beruhigen, während ich vorsichtig hinter meiner Hand hervorluschere. Wieso, Glenn? Wieso?

Heiratsantrag bei den Emmys

Gerade hat Glenn Weiss seinen 14. Emmy erhalten – jetzt kniet er auf der Bühne und macht seiner Jan einen Heiratsantrag

Picture Alliance

Ich bin weder verheiratet, noch verlobt, noch überhaupt in einer Beziehung – und trotzdem habe ich schon jetzt echte Panik davor, dass ich mich irgendwann inmitten eines öffentlichen Heiratsantrags wiederfinden werde. Wieso irgendjemand glaubt, dass das mehr als die zwei Menschen angeht, die daran direkt beteiligt sind, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ein paar Freunde oder die Familie dabei – gut, das kann ich sogar noch nachvollziehen. Wär jetzt auch nicht meins, aber ich kann schon verstehen, dass man das ganze Glück direkt mit den Liebsten teilen will. ABER DIE EMMYS, GLENN? DIE EMMYS?

Sollte es beim Heiratsantrag nicht um das Paar gehen?

Es fängt doch schon damit an, dass der Antragsteller (oder die Antragstellerin) in diesem Moment ohnehin so nervös ist, dass das zusätzliche Adrenalin, das durch die MILLIONEN zusehenden Augen produziert wird, nicht unbedingt förderlich sein dürfte. Und unter anderem dazu führt, dass man erst den Ring ansteckt, dann noch einen kecken Witz in die Kamera macht, während die Menge jubelt, dann fragt, ob die Gute das denn überhaupt will und dann aufs Knie geht. 

Würde man hinterher fragen WIESO BEI DEN EMMYS, GLENN? WIESO?, würde Glenn vermutlich antworten, dass er wollte, dass die ganze Welt weiß, wie sehr er seine Jan liebt. Mhm. Schön. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass du das in dem Moment, in dem du ihr diese doch sehr wichtige Frage gestellt hast, vor lauter Aufregung selbst ein bisschen vergessen hast. Wie auch nicht? Und auf einmal geht es nicht mehr nur um euch und diesen Moment, sondern auch noch um alle anderen.

Das gilt nicht nur für Jan und Glenn, sondern auch für alle, die sich auf irgendwelche Fußballfelder knien und in Halbzeitpausen für Fremdscham sorgen, oder bei Adele, John Legend oder sonstigen "romantischen" Konzerten vor tausenden völlig fremden Menschen sehr private Informationen preisgeben.

Und davon mal ganz abgesehen, ist das irgendwie auch emotionale Erpressung. Ich will Glenn und Jan da jetzt überhaupt nichts unterstellen, aber wenn sie den Kerl nicht wenigstens ein bisschen mögen würde, wäre sie nicht mit ihm zusammen. Und wenn man jemanden auch nur ein kleines bisschen mag, dann will man nicht, dass diese Person sich in Grund und Boden blamiert. Weshalb man eigentlich gar keine andere Wahl hat, als Ja zu sagen. Und jemanden nicht heiraten wollen und gar nicht mit der Person zusammen sein wollen, sind zwei sehr verschiedene Dinge.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18. September 2018 und wurde nun in aktualisierter Version veröffentlicht.