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"Was wir wussten – Risiko Pille": Erst durch den ARD-Film fand ich heraus, wie gefährlich meine Antibabypille war

Der ARD-Film "Was wir wussten – Risiko Pille" stößt die Diskussion um die lebensbedrohlichen Nebenwirkungen der Antibabypille wieder an. Die Story basiert auf wahren Begebenheiten. Durch eine Betroffene findet unsere Autorin heraus: Ihr hätte dasselbe passieren können.

Antibabypille: ARD-Film "Was wir wussten – Risiko Pille" schockiert

Viele Frauen bekommen leichtfertig die Pille vom Gynäkologen verschrieben – obwohl bei vielen Präparaten das Thromboserisiko erheblich erhöht ist

Getty Images

Drospirenon. Ein Wort, das ich heute zum ersten Mal gehört habe. Und das, obwohl ich jahrelang dieses synthetisch hergestellte Gestagen in Form von kleinen weißen Pillen in mich hineingeschmissen habe. Es war nämlich in meiner Antibabypille enthalten, die ich genommen hatte, seitdem ich 15 war.

Klar, viele Patienten kennen die Namen der Wirkstoffe in ihren Medikamenten nicht – aber Drospirenon steht im Verdacht, verglichen mit anderen Pillen, das Thromboserisiko erheblich zu erhöhen. Seit 2009 liegen belastende Ergebnisse vor. Ein Jahr später zeigten zwei Studien: Das Thromboserisiko steigt bei Drospirenon um das doppelte beziehungsweise um das dreifache im Vergleich zu Standardpräparaten mit dem Gestagen Levonorgestrel. 

Antibabypille als Lifestyle-Produkt

Meine Frauenärztin, die mir damals wegen Unterleibsschmerzen während meiner Periode die besagte Pille verschrieb, hatte bei meinem Beratungstermin (wenn man das überhaupt so nennen kann) davon nichts erwähnt. Ich bekam lediglich ein Schmuckkästchen in Form eines Herzens überreicht. Darin meine neue Pille, verpackt in einer pastellfarbenen, ebenfalls mit einem Herz verzierten Schachtel. Wie hübsch!

Diese Masche ist nicht außergewöhnlich. Antibabypillen werden als Lifestyle-Produkt für junge Mädchen und Frauen verkauft: weniger Pickel, schönere Haare, bessere Laune, größere Brüste ... die Liste der Versprechungen ist oft lang. Der eigentliche Grund – die Verhütung – rückt meist in den Hintergrund. Dazu wohlklingende Namen wie Lovelle, Mercilon, Belara, Petibelle, Bellissima, Yasminelle oder Aida, die Pille, die ich damals von meiner Frauenärztin verschrieben bekommen hatte. Wie wichtig das Image für die Pharmakonzerne ist, verdeutlicht der neue ARD-Film "Was wir wussten – Risiko Pille". Die Handlung ist fiktiv, die Hintergründe basieren allerdings auf wahren Begebenheiten.

Ein Pharmaunternehmen will eine neue Antibabypille auf den Markt bringen: Bellacara. Die Marketing-Meetings, die die Mitarbeiter dazu abhalten, sind grotesk – aber wahrscheinlich ziemlich realistisch: Sie wollen das neue Präparat als Lifestyle-Produkt für junge Mädchen verkaufen. Dazu akquirieren sie Zwillings-Influencerinnen (gespielt von Lisa und Lena, die beiden von Musical.ly), die Werbung für Bellacara machen sollen, auf Events, auf Social Media, ohne Rücksicht auf Ethik.

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Die vermeintlichen Vorzüge der neuen Pille kommen mir bekannt vor: reine Haut, praller Busen, schönere Figur und tolle Haare. Dr. Carsten Gellhaus hat die Aufgabe, das "Medical Document" mit allen medizinisch relevanten Daten für die behördliche Freigabe zu erstellen. Er ist der einzige im Pharmateam, der ein Gewissen zu haben scheint. Als er erfährt, dass die Pille das Thromboserisiko erhöht, will er seine Kollegen überzeugen, die Marketingstrategie zu überdenken. Ohne Erfolg. Gellhaus gibt zunächst nach – bis er Bellacara bei seiner eigenen Tochter findet. 

Julia wäre wegen ihrer Pille fast gestorben

Kurz vor dem Abspann werden die betroffenen Frauen gezeigt, auf deren Erfahrungen der Film basiert. Eine von ihnen ist Julia Frenking. Sie hatte einen Herzstillstand und eine Lungenembolie mit 29 – ausgelöst durch eine Antibabypille mit dem Wirkstoff Drospirenon. Ihre Geschichte erzählt sie im ARD-Magazin "plusminus". Sie nahm eine Pille der "Yasmin"-Reihe, die Immer wieder auch in Verbindung mit Todesfällen gebracht wird. Im dazugehörigen Infoheft wird geradezu zynisch mit Vorteilen wie einem "Smile-Effekt", einem "Feel-Good-Faktor" und "Figur-Bonus" geworben. Julia ist Nichtraucherin, sportlich, gehört also nicht zur Thrombose-Risikogruppe. Trotzdem erleidet sie 2014 eine Lungenembolie und stirbt fast, bekommt einen Schlaganfall. Ihre Ärzte vermuten die Pille als Auslöser. 

Im Internet findet sie die Initiative Thrombose-Geschädigter "Risiko Pille". Sie ist kein Einzelfall. Auf der Website finden sich Erfahrungsberichte Hunderter geschädigter Frauen, die verschiedene Pillen genommen haben. Sie wollen über die Risiken aufklären. Mit dabei ist auch die Pille, die ich jahrelang genommen habe: Aida. Ich bin geschockt. Dass mein Präparat eines der vierten Generation ist und damit ein erhöhtes Thromboserisiko hat, hatte meine Gynäkologin mir damals verschwiegen. Sie hatte mir sogar gesagt, es sei ein besonders gut verträgliches. Gerne hätte ich meine Ärztin von damals angerufen und gefragt, wie das passieren konnte – leider praktiziert sie nicht mehr. Wie kann es sein, dass Gynäkologen so leichtfertig die Pille verschreiben?

Warum wird die Pille so leichtfertig verschrieben? 

Dorothee Struck, Gynäkologin und Verfechterin der hormonfreien Verhütung, hat mir in einem Interview gesagt: "Ende der Neunziger war ich auf einem Facharzt-Vorbereitungskurs, dort sagte ein bekannter Professor zu Verhütung: 'Sie sitzen dann in ihrer Praxis, es kommen die Pharmareferenten, die bringen Ihnen die Proben von den Pillen vorbei. Sie brauchen nur zwei Schubladen: die obere für die 20/30µg Ethinylestradiol-Pillen und die untere für alle anderen Pillen. Wenn dann eine Patientin mit der Pille verhüten will, geben Sie ihr eine Musterpackung aus der oberen Schublade. In 80 Prozent der Fälle passt das – und wenn sie nach drei Monaten unzufrieden ist, dann können Sie überlegen, ob sie was anderes braucht.' Das war alles, was wir dort zum Thema Pillenverordnung gelernt haben." (Das ganze Interview lest ihr hier.)

So hat sich das für mich damals auch angefühlt: Meine Frauenärztin machte eine Schublade auf und holte die Aida raus. Ganz nach dem Motto: "Passt schon." Passte übrigens nicht. Mit Einnahme der Pille entwickelte sich bei mir eine Depression. An einen Zufall glaube ich nicht – vor allem, seitdem ich die Pille abgesetzt habe und hormonfrei verhüte. Sobald die Hormone aus meinem Körper waren, bekam ich meine Stimmungsschwankungen wieder in den Griff. Nach zehn Jahren fühlte ich mich endlich wieder wie ich selbst. Trotzdem: Ich hatte Glück. Bei mir kam es nicht zur Thrombose. Zu wissen, dass es aber auch mich mit 15 hätte treffen können, ohne dass ich eine Ahnung davon hatte, ist beängstigend. 

Den Film "Was wir wussten – Risiko Pille" gibt es in der ARD-Mediathek