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Burn-out-Kolumne: Warum ich meinen Mund nicht halte: Ich war in der Psychiatrie und stehe dazu!

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute erklärt sie im finalen Teil ihrer Kolumne, warum sie ihre Probleme von einst nicht verschweigen möchte.

Von Sophie Blau

Depressionen

Dies ist der letzte Text meiner Kolumne. Die Kurzfassung meiner Geschichte ist so gut wie auserzählt. Heute, drei Jahre nach der Diagnose Burn-out, geht es mir, wie in meinem allerersten Text gespoilert, besser denn je. Ich lache wieder viel, ich habe meine Energie zurück, ich kann feiern gehen bis in die Morgenstunden, arbeiten, Sport machen. Ich kann wieder, wie ich will.

Mein Kopf und mein Körper sind wieder voll da. Das Kapitel Burn-out habe ich weitgehend abgeschlossen. Deshalb finde ich es manchmal anstrengend, immer wieder damit konfrontiert zu werden. Ich will nach vorne sehen, nicht ständig zurück. "Dann hör doch auf, darüber zu sprechen", wäre die einfache Reaktion auf dieses Problem. Ja, das könnte ich tun, ich könnte wie so viele einfach meinen Mund halten, mir eine schöne Geschichte für die Frage "Und warum hast du dich so spät nochmal für eine neue Ausbildung entschieden?" ausdenken und nie wieder ein Wort über mein Burn-out verlieren. Irgendwann wüsste kaum mehr jemand in meinem Umfeld, dass ich mal in der Psychiatrie war.

Warum ich das nicht mache? Erstens: Ich halte die Mails und Gespräche meistens gut aus. Zweitens: Weil es so verdammt wichtig ist, dass wir darüber sprechen! "Du bekommst viel Besuch, das ist total schön", sagte eine andere Patientin in der Psychiatrie einmal beim Abendessen traurig und ein wenig neidisch zu mir. "Zu mir kommt niemand. Aber es weiß ja auch keiner, dass ich hier bin." Ich hatte wirklich viel Besuch in den Kliniken, manchmal sogar zu viel. Meine Familie und meine Freunde, eigentlich mein ganzes Umfeld, standen immer hinter mir.

Vielleicht hat mich meine Trotzreaktion gerettet

Von Anfang an offen über den wirklichen Grund meiner Krankschreibung zu sprechen, war eine Kurzschlussreaktion. Weder durchdacht noch besonders weitsichtig. Und vielleicht auch nicht vernünftig. Sollen die im Büro doch bitte wissen, was los war, sie hatten ja im täglichen System auch ihren Anteil an meiner Geschichte. Und wenn ich mir damit nun irgendwelche Chancen verbaue – in einer Firma, die mich deshalb nicht einstellt – will ich dort auch überhaupt nicht arbeiten! Diese Trotzreaktion hat mich vielleicht gerettet: Sie bewahrte mich davor, ein Geheimnis aus meinem Burn-out zu machen. Damit hätte ich mir selbst das genommen, was in den folgenden Monaten das Wichtigste für mich wurde: Die Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde, das Verständnis und das Entgegenkommen meines sozialen Umfelds. Ohne sie, und das kann ich ohne Übertreibung behaupten, würde ich heute definitiv nicht da stehen, wo ich bin.

Frau genießt

Endlich wieder glücklich: Sophie Blau ist gesund und zufrieden – und spricht weiterhin über ihre Probleme (Symbolbild)

Pexels

Außerdem: Sobald ich ein Geheimnis aus meiner psychischen Erkrankung gemacht hätte, hätte ich ständig Angst haben müssen, dass jemand dahinter kommt. Die permanente Angst und vor allem auch die vielen kleinen Lügen, die ich erfinden hätte müssen, um die Fassade aufrecht zu erhalten, hätten mich sehr viel Energie gekostet – und dabei benötigte ich die doch so dringend zum Gesundwerden! Während ich so um dieses Thema kreise, frage ich mich schließlich sogar: Warum hätte ich überhaupt ein Geheimnis daraus machen sollen? Weil mein Image Kratzer abbekommen hätte, wenn man von meiner Erkrankung wüsste? Weil ich also, so wie ich bin, eben nun mit Burn-out, verletzlich, schwach, unproduktiv, ein Mensch nämlich und keine Maschine, nicht gut genug bin für meine Mitmenschen? Oder, noch schlimmer, für mich selbst? Liest sich das nicht haarsträubend? Ich weiß, ich hatte Glück. Bei jedem steht etwas anderes auf dem Spiel.

Aber allein die drei Gründe, die ich gerade aufgezählt habe, sind es wert, zu sich selbst zu stehen und den Mund aufzumachen. Ich möchte die Menschen da draußen, jeden von Euch, dazu ermutigen, ehrlich, offen und laut über psychische Gesundheit zu sprechen. Vor allem auch dann, wenn andere ihre Probleme mit Euch teilen. Diese Geheimniskrämerei wird erst überflüssig werden, wenn wir alle beginnen, WIRKLICH zu fragen, wie es dem anderen geht. Wenn wir nicht weiter ins amerikanische "How‘re you?" abdriften, auf das überhaupt keine Antwort mehr erwartet wird.

Ich hatte keine Lust auf Märchengeschichten

In meinem persönlichen Umfeld hat sich das in den vergangenen Jahren tatsächlich verändert. Ich habe den Eindruck, dass wir alle wieder mehr aufeinander achten. Vielleicht kann ich nicht die Welt verbessern, aber die zehn Quadratmeter um mich herum. Aus genau diesem Grund erfinde ich keine Märchengeschichten, wenn mich mal wieder jemand fragt, warum ich mit 31 mitten in einer Ausbildung stecke. Deshalb rede ich weiter davon. Und deshalb schreibe ich weiter darüber. Burn-out ist eine Krankheit. Kein Mangel. Aber das muss man eben erstmal wissen. Und wie sollen die Glückspilze, die nie eine Depression oder eine Angststörung hatten, Verständnis aufbringen und in Zukunft besser auf sich selbst und ihre Mitmenschen aufpassen können, wenn wir Betroffenen ein Geheimnis daraus machen und den Mund halten?

Lest hier den ersten Text von Sophie für NEON: Mein Leben lag in Scherben – dennoch war das Burn-out das Beste, was mir je passiert ist.

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