HOME

Burn-out-Kolumne: "Ich hatte keine Lust aufzustehen – aber meine beste Medizin selbst in der Hand: Bewegung"

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von ihrer "besten Medizin".

Von Sophie Blau

Depressionen

Warum sollte ich überhaupt aufstehen? Ich hätte nicht behaupten können, besonders schlecht geschlafen oder geträumt zu haben, aber meine Stimmung war bereits beim Klingeln des Weckers am Tiefpunkt. Aus dem Bett brachte mich lediglich das Wissen, dass es nur noch eine halbe Stunde lang Frühstück gab. Und nachdem das das einzige Essen war, das man in der Psychiatrie überhaupt genießen konnte, stand ich schließlich auf. Seit exakt einer Woche war ich zu diesem Zeitpunkt wegen Burn-out, Depressionen und Angstzuständen in der Klinik.

Eine Frau macht Pilates

Mit Sport gegen schlechte Stimmung: Sophie Blau hatte einen Burn-out. Bewegung hat ihr in der anschließenden Therapie geholfen.

Getty Images

Ich zwang mich direkt nach dem Frühstück, zur Entspannungstherapie und zum Sport zu gehen. Damit wären die beiden Einheiten, die ich wahrnehmen musste, abgehakt, so dass ich den restlichen Tag im Bett vor mich hingammeln und meine miese Stimmung so richtig auskosten konnte. Das autogene Training tat erstaunlich gut und ich wurde ein klein wenig ruhiger. Nach der unmittelbar folgenden halben Stunde Sport – einer Mischung aus Aerobic und funktioneller Gymnastik, auf die ich so überhaupt keine Lust gehabt hatte – war ich dann plötzlich bester Laune, die depressive Stimmung vom Morgen: wie weggeblasen. Als ich das nach der Sportstunde unter der Dusche feststellte, war ich erst verblüfft und dann begeistert: Wenn das immer so leicht funktionierte – dann wäre es ja unfassbar einfach, die Depression zu verjagen!

"Oft hatte ich das Gefühl, gar nicht mehr in dieser Hülle zu stecken"

Das Burn-out hatte mir monatelang Tag für Tag ein bisschen mehr Kraft geraubt. Wieder und wieder, bis ich das Gefühl hatte, dass überhaupt keine mehr übrig war. Weder geistig noch körperlich. Bevor man mich in die Psychiatrie schickte, hatte ich mich zu Hause hin und wieder noch  – bei vierzig Grad im Schatten – überwinden können, Schwimmen zu gehen. Das tat unglaublich gut: Zum einen die Stille, mit der mich das Wasser umschloss, zum anderen aber, dass ich, während ich ruhig und gleichmäßig durch das Becken kraulte, die Kraft meiner Muskeln so deutlich spürte. Außerhalb des Wassers war mir das Gefühl für meine Füße, meinen Rücken, genau genommen für meinen ganzen Körper, der mich doch nach wie vor so zuverlässig durchs Leben trug, komplett verloren gegangen. Oft hatte ich sogar das Gefühl, gar nicht mehr in dieser Hülle zu stecken.

Bewegung holte mich in diese Hülle zurück. Und nebenbei, das lernte ich, als ich diesem überraschenden Effekt der Funktions-Aerobic auf den Grund ging, produziert sie auch noch viele der Stoffe, die in Gehirnen von depressiven Patienten wie mir Mangelware waren: zum Beispiel die Hormone Serotonin, Dopamin und Endorphin. Dieser Glückscocktail erklärte meine plötzliche Hochstimmung und die Energie, die ich nach dem Sport spürte.

Bewegung nahm also nicht zufällig so viel Raum in meinem Therapieplan ein, das war keine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Patienten. Ein weiterer Stoff, den unter anderem Muskeln beim Sport ausschütten, regt nämlich sogar das Wachstum von Nervenzellen im Gehirn an. Und diese neuen Nervenzellen benötigt man dringend, wenn man wie ich in der Einzel- und Gruppentherapie neue Denkmuster und Verhaltensweisen lernen will. Wenn die im Kopf tatsächlich Wurzeln schlagen sollen, dann braucht es schließlich neue Nervenverbindungen dafür. Und ich konnte die anstrengende Psychotherapie mit meinem abendlichen Spaziergang ganz einfach unterstützen. War das nicht wunderbar?

"Es existierte nichts mehr außer meiner Atmung und meiner Bewegung"

Ein paar Wochen nach diesem ersten Aha-Erlebnis in der Psychiatrie testete ich in der psychosomatischen Klinik eine ganz neue Sportart: Pilates. Ich lag allein auf meiner Matte, hatte die Augen geschlossen und folgte den klaren Anweisungen der Trainerin. In meinem Atemrhythmus führte ich eine Stunde hochkonzentriert die fließenden und unerwartet anstrengenden Übungen aus. Eine Stunde lang war ich vollständig auf meinen Körper und meine Atmung fokussiert, es existierte nichts mehr außer meiner Atmung und meiner Bewegung. Am Ende waren meine Bauchmuskeln erledigt. Aber ich war nicht nur besser gelaunt als vor der Stunde, sondern ich hatte einen freien Kopf, so frei wie seit Monaten nicht mehr.

Im Laufe der folgenden Wochen stellte ich schließlich fest, dass manche Sportarten – und zwar die, bei denen permanent volle Konzentration auf mich selbst gefordert war – mein Gehirn wunderbar leer fegten. Sämtliche Gedankenketten, Tornados und Ängste verschwanden, sie machten Platz für Stille und Schönes. Das klappte beim Pilates, beim Yoga, beim Klettern und beim Turnen.

Sport, meine beste Medizin – günstig und (fast) frei verfügbar

Beim Skifahren leider nicht, dabei hatte ich mich so auf den Winter gefreut! Ich liebe Skifahren, Berge und Schnee, muss man dazu wissen. Aber nein: Meine Ski warfen mich nach spätestens einer Stunde ab. Es überforderte meinen Kopf vollkommen, dass er dabei so viele Dinge gleichzeitig tun musste, ähnlich wie beim Autofahren. Fast ein Dreivierteljahr, bis März, dauerte es, bis ich wieder fit genug war um einen ganzen Skitag zu meistern. Das war schade – aber auch ohne meine Ausflüge in den Schnee hatte ich mittlerweile neben den Tabletten weitere, äußerst wirksame Mittel gegen schlechte Stimmung (Joggen, Volleyball und Schwimmen) und gegen einen beinahe berstenden Kopf (Pilates, Yoga, Klettern) zur Hand. Völlig ohne Nebenwirkungen. Günstig und (fast) frei verfügbar.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich kann nicht für andere Patienten sprechen. Ich kann nicht sagen, dass das, was mir hilft, wirklich jedem helfen wird. Aber für mich war Sport tatsächlich die beste Medizin. Nicht zufällig absolviere ich jetzt, wieder gesund, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.

Lest hier den ersten Text von Sophie für NEON: Mein Leben lag in Scherben – dennoch war das Burn-out das Beste, was mir je passiert ist.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Depressionen