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Meinung

Wie sinnvoll ist Kieferorthopädie?: Wieso ich meine Zahnspange gehasst habe – und ihr doch so dankbar bin

Ein Gutachten, welches vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, zweifelt den medizinischen Nutzen von Zahnspangen an. Doch auch wenn unsere Autorin ihre gehasst hat wie die Pest, ist sie im Nachhinein dankbar, sie getragen zu haben.

Mädchen mit Zahnspange

Etwa die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen befinden sich in kieferorthopädischer Behandlung

Getty Images

Die Kieferorthopädie steht unter Beschuss. Denn laut eines neuen Gutachtens, welches vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, belegt keine einzige Studie einen tatsächlichen Nutzen von Zahnspangen. "Insgesamt lassen die identifizierten Studien in Bezug auf die diagnostischen und therapeutischen kieferorthopädischen Maßnahmen keinen Rückschluss auf einen patientenrelevanten Nutzen zu", heißt es in dem Gutachten des Instituts IGES, welches der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt. Es sei nicht zu beweisen, "ob und welche langfristigen Auswirkungen die kieferorthopädischen Therapien auf die Mundgesundheit" hätten. Autsch.

Und während im Bundesgesundheitsministerium über Ästhetik vs. Medizin sinniert wird, erinnere ich mich an die Zeit zurück, in der Indie-Musik der neue heiße Scheiß war, unsere MSN-Chatverläufe einer richtig guten Soap-Opera ähnelten – und mein Gebiss an einen Metallschrottplatz erinnerte.

Wieso ich meine Zahnspange gehasst habe – und ihr doch so dankbar bin

Hast du dir schon mal ein paar Schuhe gekauft, weil du dir sicher warst, dass du endlich mal anfangen solltest, im Alltag hohe Schuhe zu tragen und wenn sich das für irgendein Paar lohnt, dann aber für die hier und die sind auch bestimmt total bequem und überhaupt sind sie SO SCHÖN – nur um dann nach drei Stunden bei der Arbeit festzustellen, dass deine Füße grün und blau sind, du vier Blasen hast, dir alles wehtut und du die Scheißteile frühestens in zehn Stunden ausziehen kannst? So ungefähr ging es mir mit der festen Zahnspange.

Ich hätte es nicht zugegeben, aber ein bisschen habe ich mir eine Spange gewünscht. Das war irgendwie erwachsen, irgendwie cool, irgendwie besonders. Um meine Zähne ging es mir dabei weniger. Ja, die waren ein bisschen schief und verzogen sich von Jahr zu Jahr mehr, aber mein Gott, die Hälfte der Zeit sieht man die Dinger eh nicht. Fühlte sich für mich also nicht weiter dringlich an. Das sah meine Kieferorthopädin allerdings anders: Meine Weisheitszähne würden langsam aber sicher kommen, sagte man mir. Und weil mein Kiefer zu klein wäre, würden sie dabei die restlichen Zähne quasi ineinander schieben – was zu den Fehlstellungen führte. Gut, einer meiner unteren Schneidezähne (Heißen die so?) hatte seinen Posten inzwischen fast vollkommen verlassen und tanzte wortwörtlich aus der Reihe.

Also entschied man sich für eine feste Zahnspange. Große (heimliche) Freude! Und dafür, vier meiner Zähne ziehen zu lassen, um Platz für die Weisheitszähne zu machen. Weniger große Freude! Aber wie sagt man in Hamburg so schön: Wat mutt, dat mutt! Die Ernüchterung folgte nicht lang nach Einsetzen des glorifizierten Maschendrahtzaunes: Kennt ihr diesen Traum, in dem einem alle Zähne ausfallen? In etwa so fühlt es sich an, wenn sämtliche Beißer von einer Metallschiene durchs Zahnfleisch gezerrt werden. Und von den Gummibändern, die dazu führten, dass ich in den ersten Monaten quasi mit Maulsperre rumlief, hatte mir vorher auch niemand etwas gesagt.

Dinge, die mit Zahnspange gar nicht gehen: Lachen, Äpfel und Knutschen

Was folgte, waren zwei Jahre, in denen ich nicht etwa cool und erwachsen aussah, sondern mich nicht traute, mit offenem Mund zu lachen, permanent damit beschäftigt war, Essensreste aus der Spange zu lutschen und mich mit jedem Tag mehr nach einem richtig echten Apfel sehnte. Nicht kleingeschnitten, sondern so einer, in den man einfach reinbeißt. Mit Metallgestell im Mund völlig undenkbar. Außerdem unvorstellbar: KNUTSCHEN! Mal ganz abgesehen davon, dass ich mir mit Maulgitter nicht unbedingt vorkam wie die letzte Sexbombe, war Zungenakrobatik mit anderen Spangenträgern schonmal völlig ausgeschlossen. Das Risiko, sich dabei ineinander zu verhaken, war einfach zu groß. Und selbst wenn man einen einigermaßen süßen, spangenlosen jungen Mann aufgetan hatte, lief der immer noch akut Gefahr, sich während der trauten Zweisamkeit ernsthafte Schnittwunden an den Lippen zuzuziehen. Rundherum keine gute Idee.

Kurzum: Ich habe meine Zahnspange gehasst. Ich habe sie gehasst, als sie noch fest mit mir verbunden war, ich habe sie gehasst, als sie rausgenommen wurde und man mir stattdessen eine lockere für nachts verordnete, bei der sich der Speichel immer so richtig eklig am Gaumen sammelte (Ex-Zahnspängler werden wissen, wovon ich spreche) und ich hasse sie jetzt noch manchmal, wenn sich Karottenstückchen in meinem Retainer festsetzen – der dafür sorgen soll, dass der rebellische untere Schneidezahn an Ort und Stelle bleibt – und sich erst mit Hilfe von sieben Zahnstochern entfernen lassen. 

War meine Zahnspange medizinisch unbedingt nötig? Keine Ahnung. Vielleicht hätte man mir auch einfach die Weisheitszähne ziehen können. Und doch bin ich sehr froh, dass ich sie damals getragen habe. Meine Zähne sind gerade. Sie haben alle ihren Platz. Ich muss mir nicht mehr beschämt die Hand vor den Mund halten, wenn ich etwas besonders witzig finde. Rein ästhetisch hat es sich also auf jeden Fall gelohnt. Und ganz ehrlich? Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

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