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Zahnmedizin: Teure Tricks der Zahnärzte – so schützen Sie sich vor Überbehandlung

Beim Zahnarztbesuch werden vielen Patienten mit sonderbaren Argumenten zu viele und zu teure Leistungen verkauft. Auch der Bundesrechnungshof kritisiert die Tricks der Zunft und mangelnde Transparenz.

Tricks beim Zahnarztbesuch – so schützen Sie sich vor Überbehandlung

71.000 Zahnärzte bieten hierzulande ihre Dienste an – so viele wie nie zuvor. Dabei haben die Menschen bessere Zähne als früher. Die Anreize, bei einem Zahnarztbesuch über das Notwendige hinaus zu behandeln, sind hoch. Mit privaten Zusatzleistungen können Zahnärzte besser verdienen

Die gute Nachricht vorweg: Nie hatten die Deutschen so gesunde wie heute. Karies ist auf dem Rückzug – in allen sozialen Schichten und Altersgruppen. In den Gebissen von Zwölfjährigen sind durchschnittlich noch 0,5 Zähne betroffen. Im Jahr 1989 waren es zehnmal so viel – so das Ergebnis der "Mundgesundheitsstudie" 2014.

Ein Triumph der ? Stefan Zimmer, Professor an der Universität Witten/Herdecke, verbucht die Fortschritte eher als Erfolg der Prophylaxe: "Fluoridbehandlungen bei Kindern spielen eine große Rolle, auch bessere Zahnbürsten und Zahnpasten." Zudem hätten schöne Zähne heute einen höheren Stellenwert als früher. Und was ist mit der Qualität der Arbeit der Zahnärzte? "Es gibt einen Wandel hin zu minimalinvasiven Eingriffen. So können die eigenen Zähne heute länger erhalten werden."

Ein Berufsstand stemmt sich erfolgreich gegen das Gesundschrumpfen

Alles gut also? Dann müsste den deutschen Zahnärzten aber doch die Arbeit ausgehen. So passierte es tatsächlich schon einmal – in : In den 90er Jahren studierten dort viele Zahnärzte in die Arbeitslosigkeit, nachdem dank bevölkerungsweiter Prophylaxeprogramme Zahnerkrankungen schwanden.

Rätselhafterweise aber ist die Anzahl der deutschen Zahnärzte stets gestiegen: 71.000 Mediziner konkurrieren um die schrumpfende Schar zahnkranker Patienten, so viel wie nie zuvor.

Noch rätselhafter: Jedes Jahr steigen die Einnahmen – insgesamt um 54 Prozent seit dem Jahr 2000. Deutschlands Zahnärzte sind gemessen am Bruttoinlandsprodukt weltweit die teuersten. Dem stern liegt ein noch unveröffentlichter Bericht des Bundesrechnungshofs vor, der vor allem das Treiben der Kieferorthopäden anprangert: Rund eine Milliarde Euro geben die Kassen jährlich für kieferorthopädische Behandlungen aus. Eine Behandlung kostet heute im Schnitt zwischen 1900 und 2600 Euro, mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Statt sachlich aufzuklären, würden die Zahnärzte junge Patienten und deren Eltern zudem zu privaten Zusatzleistungen überreden, die angeblich "schneller, schmerzfreier und ästhetisch optimaler" seien als die von der Kasse bezahlten.

Statt umfassend über Behandlungen und Kosten zu informieren, wenden manche Zahnärzte die Salamitaktik an – der Patient verliert den Überblick

Statt umfassend über Behandlungen und Kosten zu informieren, wenden manche Zahnärzte die Salamitaktik an – der Patient verliert den Überblick

Offenbar stemmt sich ein Berufsstand erfolgreich gegen das Gesundschrumpfen. Mit allen Mitteln, mit viel Fantasie. In harmlosen Fällen geht es bloß um sinnvolle, aber überteuerte Therapien. Gewissenlosere Berufskollegen erfinden Krankheiten, die Schlimmsten betreiben Gesundheitsvernichtung. Neben einer sicherlich immer noch großen Zahl redlicher Zahnärzte, die alles für ihre Patienten geben und das zu bescheidenen Preisen, wächst unaufhaltsam dieses Heer schwarzer Schafe.

Missbrauchtes Vertrauen beim Zahnarztbesuch

Manche kommen so unauffällig daher wie Dr. S., dessen Website-Foto sofort Vertrauen einflößt. Bescheidenes Lächeln, Krawatte und Mittelscheitel, randlose Brille. Nichts ließ die 52-jährige Finanzwirtin Katja Graf aus Hagen ahnen, wie gewissenlos er Patienten abzockt, als sie vor sieben Jahren seine Praxis in einer Doppelhaushälfte betrat. Ein Provisorium war ihr aus einem Backenzahn gebrochen. "Den können wir mit einer Krone retten", sagte er. "Aber der dahinter muss raus, Sie brauchen ein Implantat."

Überrumpelt stimmte sie zu und ließ sich den Zahn sofort ziehen, obwohl sie nie Schmerzen gehabt hatte. In ihrer Zahnarztangst gefangen und von der Lokalanästhesie benebelt, unterschrieb sie dann, dass sie eine Versorgung mit hochwertiger Keramik wünsche – nicht ahnend, dass sie ihm damit einen Freibrief für alle weiteren Zähne ausstellte, an denen er in den folgenden Monaten nach und nach entdeckt haben will.

Sieben Zähne versorgte Dr. S. so, sechs Kronen und ein Implantat. Dazwischen hatte Katja Graf unzählige Termine zur Kontrolle und "professionellen Zahnreinigung". Niemals sah sie eine Rechnung. Als sie einmal nachfragte, habe Dr. S. gesagt: "Die kann ich erst nach Behandlungsabschluss stellen." Seine Patientin wollte ihm vertrauen. "Ich war ja abhängig von seiner Expertenmeinung." Als sie eineinviertel Jahre später den dicken Brief öffnete, wurde ihr schwindelig, sie bekam Herzrasen: Heraus quoll ein Rechnungskonvolut von mehr als 50 Seiten, eine Liste voll von kryptischen Behandlungsziffern und unverständlichen Begriffen. Unmissverständlich allein der Betrag: 22.213 Euro.

Im Fall von Konflikten haben Patienten es nicht leicht, ihre Rechte durchzusetzen. Einheitliche Standards könnten die Therapiewillkür einschränken

Im Fall von Konflikten haben Patienten es nicht leicht, ihre Rechte durchzusetzen. Einheitliche Standards könnten die Therapiewillkür einschränken

Der stern legte Grafs Unterlagen Eberhard Riedel vor, einem Sachverständigen im Auftrag von Krankenversicherungen. "Der Mann ist nach der Salamitaktik vorgegangen, ohne Plan einfach draufloszubehandeln. So arbeiten nach meiner Beobachtung leider nicht wenige Kollegen", sagt Riedel. Die Rechnung sei maßlos aufgebläht durch einen Wust von Begleitleistungen, die Dr. S. zum Teil gar nicht erbracht haben könne. "In dieser dreisten Form habe ich das nur selten gesehen", sagt Riedel. Allein der Posten "professionelle Zahnreinigung" summiert sich auf 1600 Euro. Stets will Dr. S. dabei das Zahnfleisch aufgeklappt und bis zur Zahnwurzel gesäubert haben, eine teure und schmerzhafte Therapie, die tatsächlich nur bei schwerer Zahnbettentzündung (Parodontitis) angewandt wird – und zwar unter lokaler Betäubung, die Graf aber nie vor der Zahnreinigung bekam.

Weder in der Patientendokumentation noch in den Röntgenbildern seien zudem Hinweise auf den gefährlichen Schwund des Kieferknochens erkennbar, so Riedel. Auch bezweifelt der erfahrene Experte die Richtigkeit der Kariesdiagnosen. "Es kann passieren, dass man eine vorhandene Karies im Röntgenbild nicht sieht, aber bei so vielen Zähnen ist dies nahezu ausgeschlossen. Das hat Methode."

Diagnose- und Therapiewillkür in der Zahnmedizin sind gut belegt

Katja Graf wurde auf Zahlung verklagt– und traf am Verhandlungstag vor dem Gerichtssaal auf andere Geschädigte von Dr. S., die ähnliche Überraschungen erlebt hatten. Mittlerweile haben die Betroffenen eine Patienteninitiative gebildet. Grafs Ehemann, Betriebsprüfer beim Finanzamt, will S. jetzt zu Fall zu bringen. Nach penibler Analyse aller Rechnungen und Krankenakten der Betroffenen stellte er fest, dass der Zahnarzt offenbar stets die gleichen Tricks anwandte.

Studien mit Testpatienten, durchgeführt von Krankenkassen, Verbraucherzentralen und Forschungsinstituten, belegen seit vielen Jahren ein hohes Maß an zahnärztlicher Willkür. Hans Jörg Staehle zum Beispiel, Direktor der Unizahnklinik Heidelberg, prüft seine Kollegen seit vielen Jahren mit der Fallgeschichte einer 59-jährigen Hausfrau. Sie kam in seine Sprechstunde, weil ihr zwei Backenzähne fehlten. Probleme habe sie damit nie gehabt, doch nun habe sie gelesen, dass man solche Lücken dringend schließen solle. Der Professor fertigte Gipsmodelle des Gebisses, Fotos und ein Röntgenbild an, schickte sie Kollegen und zeigte sie auf Kongressen. Die Therapieempfehlungen, Heil- und Kostenpläne, die er seitdem sammelt, schwanken zwischen 50 und mehr als 5000 Euro. Die einen empfehlen Brücken links und rechts. Andere wollen die Frau mit Implantaten versorgen, mit mindestens 2000 Euro pro Stück die teuerste Form des Zahnersatzes. Die Gründe sind fadenscheinig. Man müsse "frühzeitig implantieren, solange noch genügend Knochen da ist". Durch die Eingriffe würden Kaufunktion und Hygieneverhältnisse verbessert sowie spätere Zahnwanderungen vermieden. "Immer wieder fällt auf, dass sich die Vorschläge nicht nur am Wohl der Patientin orientieren, sondern mit der Vorliebe des jeweiligen Kollegen zu tun haben", sagt Staehle. Er selbst entschied sich fürs Abwarten und untersucht die Patientin seither regelmäßig. Es schadete nicht: "Ihre Zahnlücken stellen sich unverändert dar."

Es ist keine harmlose Abzockerei, Patienten unnötige Eingriffe anzudienen. Schon das erste Anbohren kann die sogenannte Todesspirale des Zahns in Gang setzen: Kariesbakterien fressen sich unter die kleine Füllung, eine größere muss rein, wieder Karies, wieder Bohren, jedes Mal geht wertvolle Zahnsubstanz verloren. Der Teufelskreis endet – mal nach wenigen Jahren, mal erst nach Jahrzehnten – in Kronen, Wurzelbehandlungen und schließlich Zahnverlust. Für eine Brücke müssen zwei benachbarte Zähne angeschliffen werden, das Risiko eines Wurzelschadens liegt bei zehn Prozent. Jedes fünfte Implantat verursacht eine schwere Entzündung (Periimplantitis). Die Ursache ist ungeklärt, es gibt keine wirksame Therapie, am Ende droht der Implantatverlust.

Kieferorthopädische Behandlungen dauern in Deutschland länger als anderswo. Dass die Kassen maximal vier Jahre zahlen, wird offenbar maximal ausgenutzt

Kieferorthopädische Behandlungen dauern in Deutschland länger als anderswo. Dass die Kassen maximal vier Jahre zahlen, wird offenbar maximal ausgenutzt

Wenn medizinische Scheinargumente im Beratungsgespräch nicht verfangen, greifen die schwarzen Schafe der Zunft zu raffinierten Manipulationstricks. Die 33-jährige Theresa G. wäre ihnen fast erlegen: "Mein Zahnarzt war ein echter Frauenschwarm", sagt sie. "Jung, hipper Bart, er hat mich gleich geduzt." G. hatte einen Problem-Backenzahn im Unterkiefer, unter dem Zahnfleisch und Knochen schwanden. "Er überlegte lange, woher das kommen könnte, ich hatte das Gefühl, dass er sich wirklich um mich bemüht." Dann schloss er, eine falsch sitzende Krone im Oberkiefer sei schuld, sie übe zu hohen Druck auf den Unterkieferzahn aus. Therapie: eine große Kieferoperation, um den Biss zu korrigieren, die sie drei Wochen außer Gefecht setzen würde. Doch sie entschied sich dagegen, weil sie danach eine Zahnspange hätte tragen müssen. "Überleg dir das gut, hat er gesagt. Ein breiterer Oberkiefer würde auch die Fältchen um deinen Mund verschwinden lassen." Der Stachel saß. Abends stand Theresa vor dem Spiegel, betrachtete ihre Fältchen, die sie nie gestört hatten. Alte Kindheitskomplexe kamen wieder hoch. "Plötzlich hatte ich das Gefühl, diese OP könnte viele Probleme in meinem Leben aufs Mal lösen."

Anleitung zum Geschäftemachen

Solche Kniffe lernen Zahnärzte bei Verkaufstrainern wie Hans-Uwe Köhler, der mehrtägige Wohlfühlseminare für das ganze Praxisteam an der Nordsee und auf Mallorca anbietet. Dem stern wurde eine seiner Power-Point-Präsentationen zugespielt. Das stärkste Motiv für den Zahnarztbesuch seien keineswegs Schmerzen, lernt man bei Köhler, sondern der Wunsch nach "erotischer Ausstrahlung". Oder dies: Ein Nein bedeute nicht, dass ein Kunde ein Produkt nicht wolle, sondern nur, dass er mehr Informationen brauche. Es gebe nämlich nur wenige mögliche Gründe für ein Nein: zum Beispiel den falschen Zeitpunkt, eine "scheinbare Sättigung", Ekel vor unerwünschter Beeinflussung oder aber diverse Ängste – vor Veränderung, vor Erfahrungswiederholung, vor der Rechnung. "Machen Sie ein Angebot, das Ihrem Kunden die Angst nimmt", erklärt Köhler in einem Youtube-Video. Besonders praktisch: Das Erlernen solcher Weisheiten wird von Landeszahnärztekammern mit Weiterbildungspunkten belohnt.

Theresa G. blieb standhaft – zu schlimm war die Erinnerung an die Zahnspangen ihrer Kindheit. Auf der Suche nach einer Zweitmeinung fand sie zu Zahnärztin Celina Schätze, Vorsitzende des Deutschen Arbeitskreises Zahnheilkunde (DAZ). Die schliff die Krone zurecht, die dem Problemzahn gegenüberlag. Theresa G. zahlte 30 Euro zu und hat seit eineinhalb Jahren Ruhe.

Auch in der Kieferorthopädie sind höchst umstrittene Therapien weitverbreitet. Beispiel "herausnehmbare Zahnspangen": Nach Studienlage sind sie ineffizient, wie der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen schon 2001 monierte. Trotzdem beginnen 65 Prozent der Kieferorthopäden ihre Behandlungen damit. Warum? "Weil die Kassen bis zu vier Jahre kieferorthopädische Behandlung bezahlen", sagt der Mannheimer Kieferorthopäde Henning Madsen, der über Miss stände publiziert und bloggt. "Die müssen ausgeschöpft werden. In anderen Ländern sind Spangenbehandlungen nach zwei Jahren abgeschlossen." 35 Gebissabdrücke junger Patienten hat Madsen zusammengetragen, die nach mehrjährigen Behandlungen mit ihren verzweifelten Eltern bei ihm in der Praxis landeten, weil die Zähne sich nicht bewegten. "Galerie des Schreckens" taufte er seine Sammlung.

Bei der damals 14-jährigen Vanessa war der Kiefer so schmal, dass die Frontzähne hintereinander wuchsen. "Sie bekam eine mobile Spange mit Stellschraube, die wir jede Woche einmal selbst weiterdrehen mussten", erinnert sich ihre Mutter. "Nach drei Jahren war immer noch nichts passiert. Vanessa war verzweifelt, sie hatte den Traum, für ihre Konfirmation schöne Zähne zu haben." Der Kieferorthopäde habe lapidar erklärt, das Mädchen trage die Spange nicht oft genug. "Das stimmt einfach nicht", sagt die Mutter. "Nachts hatte sie sie immer an, und auch tagsüber oft." Henning Madsen schickte das Mädchen zu einem Kollegen, der ihr vier Backenzähne zog (diese Leistung dürfen Kieferorthopäden zwar auch selbst durchführen, sie aber mit den Kassen nicht abrechnen), und verpasste ihr eine festsitzende Spange. Nach 13 Monaten war sie durch mit der Behandlung. "Für die Konfirmation hat's nicht gereicht, aber heute ist Vanessa glücklich mit ihren Zähnen", sagt die Mutter.

Auch Tobias, heute 15 Jahre alt, erhielt viel zu früh eine Spange. Wegen eines leichten Überbisses wurde der damals Neunjährige an einen Kieferorthopäden überwiesen. Der führte zahlreiche Untersuchungen durch, etwa zur Funktion der Kaumuskulatur oder zum Sauerstoffgehalt im Blut, was einen Hinweis darauf gibt, ob der Überbiss beim Atmen stört. Zwei Jahre trug Tobias die Klammer. "Meine Freunde sagten, man versteht dich gar nicht, du sprichst so komisch", erinnert er sich. Seine Zunge sei wund geworden, weil er damit beim Reden gegen die Klammer stieß. Ständig musste er Speichel hinunterschlucken, was er eklig fand. Gebracht hat sein Leiden nichts: Der Überbiss blieb.

Zu viel, zu früh, zu lang. So fasst Henning Madsen die Probleme der deutschen Kieferorthopädie zusammen – und liefert auf seiner Website Belege aus der Fachliteratur. 60 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen bekommen Zahnspangen, in Schweden sind es 27, in Großbritannien nur 12 bis 18 Prozent.

Des Guten allzu viel

Haben deutsche Kinder besonders schiefe Zähne? An der Unizahnklinik Greifswald forschte Alexander Spassov nach den Wurzeln des deutschen Spangenwahns, die bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückreichen. Damals beschrieb ein US-Zahnarzt das "Idealgebiss", das jedoch maximal fünf Prozent der Bevölkerung aufweisen. "Dieses historisch bedingte ästhetische Ideal wurde schon in den 30er Jahren heftig kritisiert", sagt Spassov. Gleichwohl habe es Eingang in das deutsche "Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde" gefunden. Abweichungen von dieser Norm können Kieferorthopäden als "Krankheit" definieren. Sogar dann, wenn Patienten noch keinerlei Beschwerden haben – es genügt, dass künftig Schädigungen des Gebisses wie Karies, Zahnfleisch- und Kiefergelenkserkrankungen drohen könnten. Das Problem: Bis heute fehlen Nachweise, dass solche Schäden überhaupt je ein treten. Hingegen untersuchte eine isländische Forschergruppe 245 kieferorthopädisch nicht behandelte Patienten nach 25 Jahren erneut und entdeckte, dass sich die Zahnfehlstellungen oft von selbst korrigiert hatten.

"Abgesehen von wenigen Ausnahmen erfolgen kieferorthopädische Behandlungen aus ästhetischen Gründen, und das ist ja auch nicht verwerflich", sagt Madsen. "Vanessa wäre gesund durchs Leben gekommen, aber sie hätte unter ihrem Gebiss gelitten." Für Patienten wie sie wünscht er sich eine "psychosoziale Indikation" zur kieferorthopädischen Versorgung.

Längst beschränken findige Zahnärzte ihren Behandlungsanspruch nicht mehr auf den Mund. Selbstbewusst tasten sie sich vor ins Revier der Ärzte. Vieles Medizinische ist für sie Neuland, denn ihr fünfeinhalbjähriges Studium liefert nur dürftige allgemeinmedizinische Kenntnisse. Als nützlich erweist sich da, dass Zahnärzte – anders als Ärzte – auch als Heilpraktiker arbeiten dürfen.

"Manche dieser ganzheitlichen Zahnärzte praktizieren aber keineswegs 'sanfte Heilmethoden'", sagt Hans Jörg Staehle, der über alternativmedizinische Verfahren in der Zahnmedizin forschte. "Sie tauschen intakte Füllungen oder Kronen aus und ziehen gar erhaltungswürdige Zähne, nachdem sie angebliche Materialunverträglichkeiten mit fragwürdigen Testmethoden diagnostiziert haben."

Gezielt fischen die Doktoren im Netz nach Patienten mit chronischen Krankheiten wie Krebs, Rheuma, Multiple Sklerose oder Asthma. Zwar ist wissenschaftlich anerkannt, dass Entzündungen an Zähnen und Zahnfleisch schwere Krankheiten befördern können, die Methoden solcher Zahnärzte aber sind es nicht. Der "Kieferfräser von S(...)" – so taufte ihn ein bloggender Kollege –, der nach eigener Darstellung auf die Sanierung von "Störfeldern" spezialisiert ist, zog einer Patientin vier intakte Zähne und fräste anschließend den Kieferknochen aus, um ein "mehrfaches Zahnherdgeschehen mit Abwanderungen von Eiweißverfallsgiften in den rechten Schläfen- und Hinterkopfbereich und bis in den Unterleib" zu behandeln – laut Fachgutachter eine nicht haltbare Diagnose. 2016 wurde er vom Oberlandesgericht Zweibrücken zu 12.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt.

Trends, Moden und fauler Zauber

Groß im Trend liegt auch die "Craniomandibuläre Dysfunktion" (CMD), eine Störung der Funktion der Kaumuskeln und Kiefergelenke. Krankheitserfinder diagnostizieren eine CMD, sobald der Kiefer knackt oder die Zähne Spuren von nächtlichem Knirschen aufweisen. "Haarsträubender Unsinn", sagt Jens Türp vom Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel, zahnärztlicher Sprecher des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. "Mehr als jeder zweite Mensch knirscht, nur die wenigsten entwickeln eine CMD. Und Kiefergelenkgeräusche ohne Schmerzen sind harmlos. Beides ist durch Studien eindeutig belegt."

Eine Vielzahl von Allgemeinsymptomen soll angeblich durch eine CMD hervorgerufen werden: Ohrgeräusche, Augendruck, unterschiedliche Beinlängen, Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Fingerkribbeln und vieles mehr. "Für keines dieser Symptome ist jemals ein Zusammenhang belegt worden", sagt Türp. Eine echte CMD verursache Beschwerden beim Kauen und Schmerzen.

Die Patienten hätten Schwierigkeiten, ihren Mund weit zu öffnen oder zu schließen. Als Therapie wird auf der Website "CMD-Arztsuche" eine "dauerhafte Korrektur der Bisslage" empfohlen – mithilfe von Keramikonlays, Kronen und Zahnimplantaten. Teuer und unnötig, urteilt Jens Türp. Er behandelt seine CMD-Patienten mit Aufbissschienen, Physiotherapie und Entspannungsübungen – fast immer erfolgreich, wie er versichert.

Niemand macht sich stark, um etwas zu verbessern

Die Zahnärztekammern, gesetzlich betraut mit der Selbstkontrolle ihres Berufsstands, richten nur wenig aus gegen Überdiagnose, Übertherapie und Krankheitserfindung. Vor einigen Jahren beschwerte sich der Bremer Zahnarzt und Alternativmedizin-Kritiker Hans-Werner Bertelsen über einen bedenklichen Zuwachs an Esoterikfortbildungen. Die Bundeszahnärztekammer antwortete ihm: "Leider sind so ganz eindeutige Grenzziehungen nicht möglich, da hier Therapiefreiheit und Sorgfaltspflichten aufeinandertreffen." Konfrontiert mit den vielen Untersuchungen, die Diagnose- und Therapiewillkür belegen, verweisen Standesfunktionäre reflexartig darauf, dass die Deutschen laut Umfragen mit ihren Zahnärzten sehr zufrieden seien. Alle scheinen sich daran gewöhnt zu haben, Hunderte oder gar Tausende Euro aus eigener Tasche beim Zahnarzt zu lassen.

"Das wird so bleiben", prophezeit die DAZ-Vorsitzende Celina Schätze. "Es interessiert sich niemand dafür, Kassenleistungen durch höhere Honorare attraktiver zu machen." Die Kassen nicht, weil sie dann mehr zahlen müssten. Die Zahnärzte nicht, weil sie mit privaten Zuzahlungen besser verdienen. Von Kassenleistungen allein aber könne kein Zahnarzt heute überleben. "Auch ich nicht. Ich bemühe mich jedoch um Angemessenheit", sagt Schätze. "Hätte ich aber Familie und müsste einen hohen Kredit für eine schicke Praxis abbezahlen, klar würde dann auch ich in Versuchung geraten, das Maß zu verlieren."