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Interview

Drei Millionen Deutsche betroffen: Ein Suchtberater erklärt: So entsteht Sucht – und so kann man sie bekämpfen

Über drei Millionen suchtkranke Menschen soll es laut Expertenschätzungen in Deutschland geben – nur ein Bruchteil von ihnen begibt sich in Behandlung. Warum? Wir haben mit einem Suchtberater gesprochen.

Frau schlägt die Hände vor das Gesicht

Über drei Millionen suchtkranke Menschen soll es in Deutschland geben – das Beratungssystem erreicht nur einen Bruchteil

Getty Images

Es ist ein Thema, über das ungern gesprochen wird: Sucht. Und doch betrifft sie weit mehr Menschen, als wir vielleicht glauben mögen. Obwohl alle Formen der Abhängigkeit im Jahr 1968 per Urteil des Bundessozialgerichtes als Krankheit anerkannt wurden, gibt es nach wie vor ein großes Stigma und viele offene Fragen. Die formaljuristische Entstigmatisierung bedeutet jedoch zumindest, dass Menschen, die unter einer Abhängigkeitserkrankung leiden, beispielsweise Kündigungsschutz genießen – und dass für Suchterkrankungen in den Bereichen illegale Drogen, Medikamente und Alkohol Behandlungen wie beispielsweise Entwöhnungsbehandlungen durchgeführt werden können und diese von den Kostenträgern finanziert werden.

Einer, der diesen Job seit 35 Jahren macht, ist Wolfgang Bensel. Er ist Suchtberater in einer Rehabilitationsklinik im Saarland und hat mit uns über das klassische Ursachendreieck der Sucht, Stereotypen in der Gesellschaft und die Frage gesprochen, wieso das Behandlungssystem nur einen Bruchteil der Suchtkranken erreicht.

Sieben Dinge, die wir noch über Sucht lernen müssen

1. Viele Menschen sind süchtig und merken es nicht einmal

Wolfgang Bensel: "Das Behandlungssystem erreicht etwa zehn bis 15 Prozent der insgesamt rund 1,5 Millionen Alkoholabhängigen. Und zu Beginn ihrer stationären Behandlung sind die meisten von ihnen bereits seit elf oder zwölf Jahren alkoholabhängig. Am schwierigsten zu erreichen sind allerdings die Medikamentenabhängigen. Da sprechen wir von ähnlichen Zahlen und nur ein verschwindend geringer Teil kommt im Behandlungssystem an, weil das die Sucht der weißen Kittel ist. Die Menschen entwickeln kein Bewusstsein dafür, dass sie krank sind, weil die Krankheit viel weniger auffällt. Wenn sie das Mittel einmal verschrieben bekommen haben, kommen sie danach sehr leicht wieder dran. Wir müssen vorsichtiger mit der dauerhaften Verordnung von bestimmten Substanzen umgehen."

2. Ein Mensch wird nicht nur süchtig, weil er sich mit den falschen Leuten umgibt

Wolfang Bensel: "Ich glaube, dass wir als Gesellschaft immer noch in einer Betrachtungsweise feststecken, in der Sucht etwas mit schlechter Gewohnheit und Willensschwäche zu tun hat. Aber wir wissen von Experten, dass dem nicht so ist. Die Idee, man könne das wissentlich steuern, widerspricht allem, was wir über diese Erkrankung wissen. Was man verstehen muss, ist, vor welchem Hintergrund sich die Sucht ereignet. Also: Wie ist sie entstanden? Was sind die Rahmenbedingungen, die sie aufrecht erhalten? Wenn man das grob zusammenfasst, dann kommt man auf das klassische Ursachendreieck der Sucht: Die Droge selbst, die Person und das soziale Umfeld."

3. Die Droge selbst ist ein wichtiger Faktor – und jeder Mensch reagiert anders

Wolfgang Bensel: "Die Substanzen in illegalen Drogen – übrigens auch THC, was man früher anders gesehen hat – entfalten eine Eigenwirkung. Das heißt, der menschliche Organismus reagiert so darauf, dass er die Substanzen nach einer gewissen Zeit des Konsums braucht. Und wenn man sie weglassen will, entstehen Entzugserscheinungen. Die sind quälend, schwierig und machen den Menschen Angst. Das heißt, wenn sie eine Substanz lange genug nehmen, wird es schon deshalb schwierig, sie wieder abzusetzen, weil sie etwas mit unserem Organismus macht und uns in die Abhängigkeit hineinführt.

Und jeder Organismus reagiert anders auf die Substanzen. Nehmen wir Opioide als Beispiel: Viele Menschen bekommen sie verschrieben, weil sie beispielsweise einen Bandscheibenvorfall haben. Es gibt Menschen, die dann sagen: 'Ich habe das einmal genommen und die Wirkung war so grandios, auch jenseits der Schmerzlinderung, dass ich das sofort wieder haben will.' Ein anderer Mensch kann komplett unterschiedlich darauf reagieren und einerseits nicht einmal eine große schmerzlindernde Wirkung verspüren, sich andererseits ausgebremst und seltsam fühlen, sodass er oder sie das Mittel auf keinen Fall mehr nehmen will. Da ist doch klar, wer geschützt und wer gefährdet ist. Das hat etwas mit der Biologie zu tun, die wir mitbringen. Deswegen nehmen Menschen verschiedene Mittel. Einige kommen mit Alkohol besser klar, andere mit Benzodiazepine – das ist vom Prinzip her das Gleiche, beides sind Beruhigungsmittel."

4. Es gibt kein Sucht-Gen – aber eine Prädisposition

Wolfgang Bensel: "Wir müssen uns anschauen, was die süchtige Person an 'Ausstattung' mitbringt. Da gibt es sicherlich eine gewisse genetische Prädisposition, kein Sucht-Gen, aber eine Disposition, die bewirkt, dass es den einen eher trifft als den anderen. Darüber hinaus – und das ist wahrscheinlich gewichtiger einzuschätzen – haben wir Merkmale der Persönlichkeit. Das hat etwas damit zu tun, welche Entwicklung ein Mensch genommen und welche Erziehung er erfahren hat. Was ist ihm widerfahren, was vielleicht sehr schwierig und schmerzlich war und was dann so etwas mit-triggert? Es ist also eine Mischung aus der psychischen und der physischen Konstitution.

Wir wissen – und das ist gewissermaßen die am meisten gesicherte Information, die wir im Zusammenhang mit Suchterkrankung haben –, dass die Gefahr, selbst an einer Sucht zu erkranken, signifikant höher ist, wenn ein Elternteil auch suchtkrank war. Da spielen verschiedene Mechanismen eine Rolle, aber Fakt ist: Wir können durch Zahlen belegen, dass Menschen, die aus suchtbelasteten Familien kommen, ein deutlich höheres Risiko haben, selbst auch suchtkrank zu werden. Das gilt vor allem für Männer. Frauen haben eine besondere Disposition, einen suchtkranken Partner zu finden."

5. Das soziale Umfeld spielt eine Rolle – ist aber nicht ausschlaggebend

Wolfgang Bensel: "Es gibt Umfelde, die förderlich für einen Suchtmittelkonsum sind – dort wo eine Griffnähe und eine große Akzeptanz bestehen. Und umgekehrt haben wir Bereiche, die eher schützend sind. Wer beispielsweise sehr aktiv im Sport ist, Triathlon macht und sich in entsprechenden Peer-Groups aufhält, hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, in eine solche Abhängigkeit geraten."

6. Sucht ist eine Kombination aus vielen Faktoren

Wolfgang Bensel: "Man muss diese drei Aspekte – Drogen, Person und Umfeld – im Gleichgewicht sehen. Ohne die Substanz würde es nicht gehen, ohne die Merkmale der Person würde es nicht gehen und ohne das soziale Umfeld auch nicht. In der Behandlung gibt man den Merkmalen der Person größere Wertigkeit, da man dort zuerst ansetzt. Auf der anderen Seite sagt man aber auch – und das vertrete ich voll und ganz –, dass Abstinenz notwendig ist.

Sucht wird immer noch mit einem moralisierenden Urteil begegnet. Von Leuten, die sagen: 'Die sollen sich mal nicht so anstellen und sich ein bisschen anstrengen!' Und dann gibt es Menschen, die glauben, dass Süchtige gar nichts dafür können, was da passiert, sondern die Umstände und die Drogen Schuld sind. Aber das ist genau so falsch und vorurteilsbelastet. Man muss das differenziert betrachten. Es geht darum, aus einer moralischen Beurteilung herauszukommen. Sucht ist eine Erkrankung, die genau so wenig moralisch betrachtet werden sollte wie jede andere."

7. Sucht ist behandelbar

Wolfgang Bensel: "Wir verlieren den guten Blick auf die Suchtstörungen. Da spielen viele Dinge eine Rolle. In den letzten zehn Jahren habe ich beobachtet, dass Menschen immer weniger suchtkrank sein wollen. Das finde ich dramatisch. Wir haben weit über 3 Millionen suchtkranke Menschen in Deutschland. Und es ist gut, dass wir wir wissen, dass es eine gut behandelbare Krankheit ist. Weit über 50 Prozent der Patienten, die zu uns in die Entwöhnungsbehandlung kommen, bleiben auf Dauer abstinent. Wir sprechen von einer Legalisierung von THC, haben es hier aber mit einer Substanz zu tun, die nur eines macht – den Rausch herstellen."

jgs