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Zehn Jahre abhängig: Protokoll einer Sucht: "Die Drogen waren für mich ein Tod auf Raten"

Mit acht Jahren rauchte Charlotte* ihre erste Zigarette, mit elf unternahm sie ihren ersten Suizidversuch und mit 26 ging sie in eine Suchtklinik – nach zehn Jahren Drogenkonsum. Ihre Suchterkrankung, sagt sie, rettete ihr einerseits das Leben uns brachte sie andererseits beinahe ins Grab.

Anonyme Frau

Charlottes Drogensucht hätte sie beinahe umgebracht – und hat ihr das Leben gerettet

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Trigger-Warnung: In diesem Text werden Rauschgefühle und Drogensucht sowie Suizidgedanken und Selbstverletzung thematisiert. Für betroffene Menschen kann dies retraumatisierend wirken. Solltest du Hilfe benötigen, kannst du dich jederzeit an einen Arzt wenden. Hilfe und Beratung findest du außerdem bei der Telefonseelsorge und der Sucht-und-Drogen-Hotline.

Ich war immer ein verhaltensauffälliges Kind. Ich fühlte alles intensiver als andere Kinder und hatte oft das Gefühl, nicht zu genügen und nichts richtig machen zu können. In der fünften Klasse unternahm ich meinen ersten – lächerlichen – Selbstmordversuch, weil ich eine schlechte Note bekommen hatte. Etwa zur gleichen Zeit fing ich an, mir heimlich die Unterarme aufzuritzen.

Als ich meine erste Zigarette rauchte, war ich acht Jahre alt. Mit neun oder zehn hatte ich bereits das erste Mal das Gefühl, süchtig nach Nikotin zu sein. Die ersten Alkoholexzesse hatte ich auf dem Reiterhof. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wollte ich eigentlich einfach nur dazugehören. Mitmachen. Ein Teil der Gruppe sein. Irgendwann kamen die weichen Drogen dazu, mit der Volljährigkeit die harten. Am Anfang war alles geil – der Rausch, die Freiheit, Verantwortung abgeben zu können. Aber durch dieses Bedürfnis, die Leichtigkeit als Dauerzustand zu behalten, wurde der Konsum immer mehr. Und dann setzten die biochemischen Prozesse ein.

Ich kannte nur Extreme, kein Mittelmaß

Mein Speicher an Glückshormonen war leer, ich fiel nach jedem Trip in ein depressives Loch. Ich konnte nicht mehr differenziert sehen, dass die Hormone sich auch von selbst wieder bilden würden. Mein Bestreben war die gänzliche Vermeidung von unangenehmen Gefühlen. Ich wollte nur noch high sein. Heute weiß ich, dass ich damals schon durch und durch süchtiges Verhalten gezeigt habe. Und dabei rede ich nicht mal nur von Drogen – ich wollte Endorphine. Das heißt auch, dass ich im Zweifel nicht drei Mal die Woche beim Yoga war, sondern drei Mal am Tag. Ob beim Sport, Zuckerkonsum oder Serien Schauen – ich hatte die Fähigkeit verloren, zu wissen, wann es genug ist.

Von da an wurde es nur dramatischer. Entweder ich war high oder ich war depressiv, suizidal und der festen Überzeugung, dass mein Leben scheiße ist. Darauf folgten dann meist wahnwitzige Pläne, wie ich mein ganzes Leben auf den Kopf stellen könnte. Es gab nur Extreme, kein Mittelmaß. Ab und zu versuchte ich, zumindest mit dem täglichen Kiffen aufzuhören, aber dann gab es wieder irgendeinen Impuls oder Stress mit meinen Eltern oder einem Partner und schon hatte ich wieder meine Rechtfertigung, doch wieder zu konsumieren.

Ich hatte immer mehr das Gefühl, meine Würde und meine Selbstachtung zu verlieren, und der Wunsch, einfach alles zu beenden und mich umzubringen, wurde immer stärker. Da war es wieder, dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein. Zu charakterschwach, um mein Leben auf die Kette zu bekommen. Ich war der Meinung, wenn mein Leben laufen würde, dann würde das mit den Drogen auch aufhören. Dabei lief mein Leben nicht, weil ich Drogen nahm. Aber diese Kausalitätskette konnte ich im Rausch nicht herstellen.

Also redete ich mir weiter ein, dass ich einfach zu dumm zum Leben sei und mir nun einmal nichts anderes übrig bleibe als Drogen zu nehmen. Denn das konnte ich wenigstens. Um mich nicht alleine zu fühlen, versuchte ich, Freunde zu überzeugen, mit mir zu konsumieren.

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Nicht nur zu blöd zum Leben, sondern auch zu dumm zum Sterben

Irgendwann schämte ich mich so sehr, dass ich nicht mehr in den Spiegel gucken konnte. In meinem Kopf gab es eigentlich nur noch zwei Optionen: weiter konsumieren oder Selbstmord. Doch irgendetwas hielt mich davon ab, mir das Leben zu nehmen. Zum einen war da die Angst, auch dafür zu charakterschwach zu sein. Nicht nur zu blöd zum Leben, sondern auch zu dumm zum Sterben. Die Schmach wäre so groß gewesen, dass ich mich nicht wirklich traute. Die Drogen fungierten dafür als eine Art Tod auf Raten.

Und dann war da noch ein klitzekleiner Teil von mir, der mir leise ins Ohr flüsterte: "Hey, es ist vollkommen legitim, dass du das denkst, ich sehe das auch größtenteils genau so, aber versuch's doch nur ein einziges Mal ohne Drogen. Nur einmal. Gib dir selber eine Chance und wenn das Leben dann immer noch scheiße ist, dann kannst du Selbstmord begehen."

Also fing ich an, bei Freunden, die auch Drogen nahmen, zu kommunizieren, dass ich das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren. Inzwischen weiß ich, dass ich die Kontrolle nie hatte – aber das glauben Süchtige immer. Doch von meinem Gegenüber kam nur Beschwichtigung, schließlich saßen die im selben Boot. "Jaaa, vielleicht nimmst du ein bisschen viel, nimm halt mal ein bisschen weniger." Klartext: Reiß dich ein bisschen zusammen und dann haut das schon hin. Genau das war meine größte Befürchtung gewesen.

Menschen, die mir nahe standen, wollte ich nichts sagen, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich Hilfe brauchte – also zog ich mich wieder zurück und machte weiter wie bisher.

Auch bei meinen Plänen für ein neues Leben kannte ich nur Extreme

Irgendwann wechselte ich – wie für mich typisch – in ein anderes Extrem und begann, keinen Hehl mehr aus meinem Konsum zu machen. Selbst vor meinen Eltern. Wenn die mir zu sehr auf die Nerven gingen, baute ich provokativ an Ort und Stelle einen Joint. Ich erzählte ihnen alles, was meine Drogenkarriere so mit sich gebracht hatte und machte sogar ein Drogenscreening – was in einer langen, langen Liste resultierte.

Ich nahm mir sogar vor, komplett clean zu werden: keine Drogen, keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Männer, kein Zucker, jeden Tag Sport – und das von heute auf morgen. Natürlich hatte ich wieder einmal maßlos übertrieben und die Latte viel zu hochgelegt. Alles mit dem Ziel, mir selber zu beweisen, dass ich scheitern würde, um wieder eine Begründung zu haben, Drogen zu nehmen. Eine Woche hielt ich sogar durch – und wurde dann wieder rückfällig. Womit auch die Scham zurückkam.

Lange war ich wütend auf meine Eltern. Sie wussten von den Drogen – wieso hatten sie keine Konsequenzen gezogen? Inzwischen weiß ich: Es hätte nie funktioniert. Es musste ganz genau so laufen, wie es gelaufen ist. Die Entscheidung musste aus mir kommen.

Meine Drogensucht klammerte sich an jeden letzten Strohhalm

Die helfende Hand kam schließlich von einer Freundin meiner Mutter, die selbst Erfahrung damit hat, ein süchtiges Kind zu haben. Ich erzählte ihr alles. Von den Drogen, meiner Angst, meiner Scham. Noch am selben Abend meldeten wir mich für die Drogenberatung und eine stationäre Therapie an. Aber damit war noch lange nicht alles vorbei. Denn während ein Teil von mir bereit war, die Drogen aufzugeben, klammerte sich meine Sucht an jeden letzten Strohhalm. Monatelang schob ich die Therapie vor mir her und eskalierte schlimmer denn je. Diverse Nächte lag ich im Bett, unsicher, ob ich am nächsten Tag aufwachen würde. Ich dachte darüber nach, den Notarzt zu rufen und betete schließlich jedes Mal aufs Neue, durch die Nacht zu kommen.

Im Spätsommer 2018 kam ich in die stationäre Therapie – in den geschützten Rahmen, den ich brauchte. In dem man mir das Ausmaß der Sucht erklärte. In dem man mir erklärte, dass die Sucht keine Charakterschwäche ist, sondern eine Erkrankung, die in meinem Stammhirm sitzt und Drogen als genauso überlebenswichtig einordnet wie Essen oder Schlafen. Inzwischen bin ich seit 14 Monaten clean und seit elf Monaten aus der Klinik, besuche aber weiterhin regelmäßig spirituelle Gruppen. Das ist die Arbeit, die ich leisten muss. Ich muss mich mit meiner Sucht auseinandersetzen und realisieren, dass Sucht krankhaftes Denken ist. Dass ich versucht habe, das leere Gefühl in mir von außen zu füllen.

Sucht wird in der Familie weitergegeben – bis jemand die Arbeit leistet

Mein Vater hat viele Jahre mit einer Alkoholsucht gekämpft und ich weiß inzwischen, dass Sucht eine Familienkrankheit ist. Nicht nur wegen der genetischen Prädisposition, sondern auch wegen der Traumata, die man als Kind eines Süchtigen davonträgt. 

Wenn ich heute in Beziehung zu jemandem trete, dann kann es mir noch immer passieren, dass etwas, was diese Person sagt oder tut, Emotionen in mir triggert. Ärger, Trauer, Verlustängste. Aber dann muss ich mir in Erinnerung rufen, dass das eine Verlustangst ist, die ich vor 15 Jahren gespürt habe – die ist nicht real. 

Die Sucht war schon vor den Drogen da

Wenn ich versuche, meine Sucht zu definieren, dann ist sie der kranke Teil in mir, der mich von meinem Umfeld trennen und ins Grab bringen will. Und der war schon vor den Drogen da. Ich glaube tatsächlich, dass die Drogen mir viele Jahre das Leben gerettet haben. Ich möchte da nie wieder hin und ich möchte nie wieder Drogen nehmen, aber hätte ich nicht zehn Jahre lang Drogen konsumiert, hätte ich mir vermutlich irgendwann das Leben genommen. Die Drogen waren eine Überlebensstrategie, als ich noch keine andere hatte.

Viele Menschen glauben, dass Menschen drogensüchtig werden, weil sie das falsche Umfeld haben. Aber wenn man mich fragt, ist das Quatsch. Wenn ich mental gesund gewesen wäre, hätte ich mir dieses Umfeld nicht gesucht. In Sucht steckt suchen. Und auch jetzt weiß ich, zu wem ich gehen müsste, um wieder rückfällig zu werden. Aber ich gehe nicht – das ist der entscheidende Unterschied.

* Name von der Redaktion geändert