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Kommentar

"Stranger Things" & Co.: Warum der Hype um die Kinderstars so gefährlich ist

Die Kids aus "Stranger Things" sind binnen eines Jahres zu Weltstars geworden. Sie werden wahlweise gefeiert, an den Online-Pranger gestellt oder zu Sexsymbolen stilisiert. Sind wir eigentlich noch ganz dicht?

Netflix-Trailer: Stranger Things 2: Die Monsterjäger kehren (wieder) zurück

Was für eine Serie! Mit dem Mystery-Meisterwerk "Stranger Things" ist Netflix einer der größten Hits seiner Geschichte gelungen. Mit dem Start der zweiten Staffel hat der Hype in den letzten Wochen sogar noch größere Dimensionen angenommen. Die Stars der Show stehen ständig in den Schlagzeilen. Ihr Privatleben hat längst den üblichen Kollateralschaden genommen, den es mit sich bringt, wenn man dem Kult sein Gesicht gibt.

So weit, so üblich? Nein. Denn die fiktiven Helden aus Hawkins sind alle minderjährig. Und die mediale Berichterstattung über sie trägt bisweilen zweifelhafte Züge. Zuletzt wurde Finn Wolfhard an den Internet-Pranger gestellt: Ein enttäuschter Fan hatte sich via Twitter darüber aufgeregt, dass der 14-Jährige seinem Autogrammwunsch nicht nachgekommen sei. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Noah Schnapp sah sich sogar gezwungen, per Tweet eine Lanze für seinen Serienkollegen zu brechen: "Wir lieben unsere Fans wirklich. Finn ist der netteste Typ, dem ihr je begegnen werdet. Wir arbeiten alle hart und brauchen manchmal einfach eine Pause."

 

Stranger Things

Die jungen Stars aus "Stranger Things": Noah Schnapp, Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo und Caleb McLaughlin (v. l.)

"Stranger Things": Haben wir ein Recht auf mehr?

Ist es überhaupt zu fassen, dass sich 14-Jährige dafür rechtfertigen müssen, wenn ihnen der Ruhm über den Kopf wächst? Sollten sich nicht auch die verstrahltesten Fans hin und wieder fragen, wie viel sie von ihren Idolen verlangen dürfen? Hat Shannon Purser, ihrerseits selbst Teil des "Stranger-Things"-Casts, nicht völlig recht, wenn sie twittert, dass Fans es "nicht wagen" sollten, jungen Schauspieler ein Schuldgefühl aufzuladen, nur weil sie mal nicht "Hi" sagen? Reicht es nicht aus, wenn Künstler uns ihre Kunst schenken - und sonst nichts? Haben wir wirklich ein Recht auf mehr? Oder gar ein Recht, sie in die Pflicht zu nehmen?

Natürlich nicht. Und erst recht sollten Minderjährige nicht zu Sexsymbolen erklärt werden, so wie es mit Wolfhard, Schnapp und Kollegen bisweilen geschieht. Das Magazin "Dazed & Confused" präsentierte Wolfhard unlängst als gegelten Dandy, seine Kollegin Millie Bobby Brown wird von der Presse dafür gefeiert, wie "erwachsen" sie doch auf dem Roten Teppich aussehe. Das 27-jährige Model Ali Michael sorgte mit einer Instagram-Story für Aufsehen, in der sie ein Foto von Wolfhard mit der Bemerkung versah, er möge sich doch bitte in vier Jahren bei ihr melden.

Der Beigeschmack wird noch bitterer im Zuge der aktuellen Sexismus-Debatte in der Filmindustrie: Schauspieler wie Corey Feldman oder James van der Beek gaben an, als Minderjährige von hochrangigen Hollywood-Führungskräften sexuell belästigt worden zu sein. Eine Debatte über das offene Geheimnis der Pädophilie in der Traumfabrik sei "der nächste Damm", der brechen würde, prophezeit die frühere Kinderdarstellerin Evan Rachel Wood.

Welche Verantwortung die Fans tragen

Es ist absolut nachvollziehbar und gerechtfertigt, dass die Kinder aus "Stranger Things" in dem Ausmaß gefeiert werden, wie es ihnen zurzeit widerfährt: Die schauspielerischen Leistungen von Naturtalenten wie Gaten Matarazzo und Caleb McLaughlin sind beeindruckend. Dass die Show offenbar einen Nerv getroffen hat, lässt die PR-Maschine rund um die Darsteller nur noch heißer laufen. Das ist schon zweifelhaft genug, auch wenn das Geschäft nun mal so funktioniert. Von gierigen Agenten ist keine Vernunft zu erwarten. Aber ist es so weltfremd zu hoffen, dass wenigstens wir als Fans uns bewusst machen, was wir einfordern dürfen und was nicht?

Die turbulenten bis tragischen Lebensgeschichten früherer Kinderstars wie Michael Jackson, Drew Barrymore, Britney Spears oder Lindsay Lohan sollten abschreckende Beispiele sein. Erst recht in Zeiten, in denen binnen Minuten jede Nichtigkeit durch den Fleischwolf der sozialen Medien gedreht wird. In gewisser Weise tragen wir als Fans dafür sogar Verantwortung. Sonst nehmen unsere Lieblingskünstler irgendwann unweigerlich irreparablen Schaden. Und dann werden sie uns nicht mal mehr ihre Kunst schenken.