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Kommentar

Ernährung: Veggies vs. Fleischesser - Beendet euren Glaubenskrieg!

Seit Jahren führen Veggies und Fleischesser einen Stellvertreterkrieg mit religiösem Eifer. Gewinnen wird am Ende niemand. Gebt euch endlich die Hand, und lasst die Leute essen, was sie wollen, bevor wir uns alle gegenseitig auffressen!

Von David Weinard

Paar isst Spaghetti

Miteinander, statt gegeneinander essen!

Verlasse ich die Grenzen von und seinen tausend Küchen, bekomme ich zu fast jeder Speise dieselbe Wort-Beilage: "Warum isst du denn kein Fleisch?" will mein Gegenüber häufig von mir wissen. Vielleicht sind meine Nerven schon ein wenig runter,  aber ich höre im Subtext nur noch: "Was stimmt nicht mit dir?".

So verdreht ich die Logik finde, mich für das Nichttöten von Tieren zu rechtfertigen, so hatte diese Dauerfrage mit der Zeit einen positiven Aspekt: Ich verstehe jetzt, warum es auch für die "Gegenseite" ermüdend ist, sich für so etwas Banales wie die eigene Essenswahl zu verteidigen. Es gibt Themen, bei denen lässt man sicher gerne mit sich reden, ist an guten Tagen sogar kompromissbereit. Was auf den Teller kommt, ist erfahrungsgemäß eher keins davon. Seien es militante Klischee-Veganer, oder überzeugte Fleischesser, die mit der argumentieren, regelmäßig gehen beide Seiten weiterhin in Kommentarspalten und an Esstischen dieser Welt in aussichtsloser Mission aufeinander los.

Bekehrung wirkt oft umgekehrt

Die können sicher ein Lied von singen. Leute lassen sich im Informationszeitalter nicht mehr ganz so leicht bekehren. Wir haben zu ungefähr jedem Thema eine gefühlt fundierte Meinung. Wird diese in Frage gestellt, fühlen wir uns schnell mal angegriffen, gehen in die Defensive, und schlagen die Tür zum Diskurs wieder zu. Auch die Grünen haben sich bis heute nicht vom Imageschaden erholt, den die Debatte um einen "Veggie Day" ausgelöst hat, obwohl es den lustigerweise niemals gab. Der Vorschlag allein reichte bereits aus, um fortan von Vielen nur noch auf die "Verbotspartei" reduziert zu werden.

Selbes Spiel, andere Richtung: Vegetarische Produkte sollten zukünftig nicht mehr als "Wurst" bezeichnet werden; zumindest wenn es nach Christian Schmidt geht, Bundesminister für und Landwirtschaft. Was vielleicht nur als kleiner Seitenhieb auf die Vegetarier oder Gefallen an die Fleischlobby gedacht war, erzeugte hauptsächlich genervtes Stöhnen und Augenrollen auf beiden Seiten des Tisches. An Verbraucherschutz wollte bei diesem absurden Vorschlag nicht mal mehr der härteste Fleisch-Veteran glauben. Heute, ein halbes Jahr später, ist der Vorschlag dahin verschwunden, wo er hingehört, in der Versenkung der sinnlosen Verbote.

Aldis pigstorm

Den jüngsten Reibungspunkt zum Thema lieferte der Facebook-Post des Verbrauchers Dominik Boisen, der sich bei Aldi Süd über 600g Schweinenacken-Steak für 1,99 Euro echauffierte. Mittlerweile wurde sein Post über 60.000 mal geliket, fast 20.000 mal geteilt und nach mehreren tausend Kommentaren sah sich sogar Aldi Süd zu einer öffentlichen Stellungnahme genötigt. Aldi beteuerte zwar, sich für das Tierwohl einzusetzen. Aber kritische Verbraucher sparten nicht mit Kritik an Aldis Preisgestaltung. Der breite Zuspruch, den die Kritik am Billigfleisch erhielt, zeigt zumindest deutlich, dass ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Problem existiert. Andererseits bestimmt in einer freien Marktwirtschaft noch immer die Nachfrage den Preis. Würde es also nicht in Massen billig gekauft werden, wäre das Fleisch schon lange teurer. Ein Schelm, wer nun denkt, dass zwischen Social-Media-Selbstdarstellung und Realität an der Kasse ab und zu eine kleine Erklärungs-Lücke klafft.

Eat what you want

Auf der beliebten Bilder-Community Seite Imgur trendet seit einigen Monaten der Tag "eat what you want", aufgehängt an bebilderten Rezepten von Fleisch- und fleischlosen Gerichten. Man fragt sich, wann diese eigentlich selbstverständliche Toleranz endlich auch in der Gesellschaftsmitte ankommt. Zwar ist es verständlich, wenn Vegetarier und Veganer zum Wohl der Tiere Überzeugungsarbeit leisten wollen, schließlich können die schlecht selbst an der Diskussion teilnehmen. Allerdings darf bezweifelt werden, ob beispielsweise die Radikalität von Organisationen wie Peta tatsächlich zielführend ist. Überzeugung erfordert erst mal eine gewisse Empathie für mein Gegenüber, um seine Perspektive zu verstehen. Schreie ich ihm mit hochrotem Kopf "Mörder!" ins Gesicht, ist die Diskussion schon vorbei, bevor sie überhaupt anfangen kann. Und wenn Peta bei dem Thema wirklich an Dialog interessiert ist, sollten sie vielleicht erst mal vor der eigenen Tür kehren. Wer vorgibt Tiere retten zu wollen, sie aber gleichzeitig zu Tausenden jedes Jahr einschläfert um Kosten zu sparen, erweist dem Tierwohl einen Bärendienst.

Zwar steigt der Gesamtkonsum von Fleisch weiterhin an, was hauptsächlich am steigenden Wohlstand in Schwellenländern wie China und Indien liegt. Schlussendlich wird in Zukunft pro Kopf aber zwangsweise weniger Fleisch konsumiert, Überbevölkerung und Ressourcenknappheit nehmen uns diese Entscheidung langfristig ab. In der Zwischenzeit sollte die eigene Ernährung eine Entscheidung bleiben, die jeder selbst treffen darf. Ich für meinen Teil esse einfach weiter brav mein Gemüse, und siehe da, Verwandte und Bekannte verzichten in meiner Gegenwart öfter mal auf Fleisch. Und das, ohne dass ich je eine Diskussion darüber anzetteln musste. Sollte aber irgendwann doch wieder Fleisch auf dem Nachbarteller landen, dann ist es mir ehrlich gesagt auch Wurst. "Time is on my side, yes it is".

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