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"Wie ein TÜV-Siegel": Jusos wollen feministische Pornos staatlich fördern – zu Recht?

"Wenn Leute 'feministische Pornografie' hören, stellen sie sich eine Gruppe verrückter Frauen mit Haaren unter den Armen vor, die Männern die Schwänze abschneiden wollen", sagt Porno-Regisseurin Erika Lust. Und irgendwie hat sie Recht, findet unsere Autorin. 

Eine Frau liegt auf dem Bett und hat ein Handy in der Hand

Sie sollen eine gewaltfreiere und kommunikativere Sexualität vermitteln – aber sind feministische Pornos auch wirklich porno?

Ein hübsches, junges Pärchen kommt in einer spanischen Urlaubsvilla an und trifft auf die Gastgeber: ein ebenfalls hübsches, junges Pärchen. Man isst gemeinsam Mittag, wobei einer der Darsteller mit nichts als einer Schürze bedeckt am Grill steht. Ist ja schließlich ein Porno. Es wird ziemlich viel Wein getrunken, woraufhin die vier in den Pool steigen und sich hinterher eine kleine Orgie auf den Sonnenliegen gönnen. Alles scheint einvernehmlich. Es wird viel, also SEHR viel gestöhnt und die Paare lächeln sich ab und zu aufmunternd zu, während ihr Partner gerade wen anders befriedigt. Niemand weint vor Schmerzen, niemand wird erniedrigt und keiner kriegt irgendwas ins Gesicht gespritzt. 

Beschreibung einer Szene aus "Sweet but Psycho" von Erika Lust

Ich will ganz offen sein: Ich bin nicht so der Porno-Gucker. Anderen Leuten zwischen jeder Menge Werbung auf einem kleinen Bildschirm beim Vögeln zuzugucken, da stellt sich immer die Frage – wieso zugucken, wenn man's auch selber machen kann? Doch viele Millionen Menschen sehen das anders. Die größten Anbieter von Internet-Pornografie können sich mit ihren Klickzahlen mit Giganten wie Amazon und Wikipedia messen. 

Seit ein paar Monaten beschäftigt sich nun sogar die Politik mit Pornos. Die Berliner Jusos fordern, dass feministische Pornos, wie die von Erika Lust, staatlich gefördert werden. Man wolle damit erreichen, dass auch diese Form von Pornografie eine ähnliche Reichweite bekomme, wie der jederzeit frei zugängliche Mainstream-Gegenpart, um besonders Jugendlichen eine größere Bandbreite an sexuellen Vorbildern bieten zu können. Soso. 

Aber was sind eigentlich feministische Pornos?

"Wenn Leute […] feministische Pornografie hören, stellen sie sich eine Gruppe verrückter Frauen mit Haaren unter den Armen vor, die Männern die Schwänze abschneiden wollen", sagte Porno-Regisseurin Erika Lust mal in einem Interview mit der "Zeit". Und irgendwie hat sie Recht. 

Ein Porno ist feministisch, wenn er von jemandem mit feministischen Werten gemacht ist, für den also beide Geschlechter auch beim Sex dieselben Rechte haben

Ich fand mich mal auf einer Party wieder, auf der im Hintergrund die kürzlich gekürten Gewinner der feministischen "PorYes-Awards" auf eine Wand projiziert wurden. Wenn man da mal so ab und zu leicht beschwipst hinschielte, sah man unter anderem Frauen, die sich gegenseitig Federn auf den Rücken nähten. Mit Nadeln. Unter die Haut. Schrie für mich jetzt nicht direkt SEXY – und wenn man es mal genau nimmt, auch nicht FEMINISMUS. 

Laut Heike Hoffmann von den Jusos muss es das auch gar nicht. In einem Interview mit der "Welt" zum Thema erklärt sie feministische Pornos so: "Das Label feministischer Porno ist wie ein TÜV-Siegel. Wenn feministischer Porno draufsteht, dann hat der Film eben eine Art von Konsens, dann gibt es da immer gerechte Arbeitsbedingungen, keine Schwarzarbeit. […] Man kann auch sexpositiver Porno sagen." Klingt ja erstmal unterstützenswert – allerdings auch teuer, was in einem Wust von frei zugänglicher Pornografie von großem Nachteil sein kann. Was ist also das Alleinstellungsmerkmal der sexpositiven Pornografie? Wieso sollte man Geld ausgeben, um Erika Lusts Filme zu schauen, wenn man auch fix bei YouPorn reinschauen könnte?

Der Dialog mag zwar kein "Warum liegt denn hier Stroh" sein, aber wirklich Sinn ergibt das Ganze trotzdem nicht

Im stern-Interview beschreibt Erika Lust ihre Pornos als Filme, in denen "beide Geschlechter auch beim Sex dieselben Rechte haben". Sie wolle eine Story mit echten Charakteren schaffen. "Frauen wollen die weibliche Lust sehen, sie wollen mit ihren Emotionen vorkommen", so Lust. Und Emotionen gibt es in ihren Filmen noch und nöcher. Gute sieben Minuten Storyline hat beispielsweise "Sweet but Psycho", bevor es ans Eingemachte geht. Vom Ding her keine schlechte Idee, schließlich regt das die Fantasie an. Aber so wirklich anders ist das auch nicht. Der Dialog mag zwar kein "Warum liegt denn hier Stroh" sein, aber wirklich Sinn ergibt das Ganze trotzdem nicht, wenn der Hauptdarsteller erst leicht verstört die Schenkel neben dem Grill anstarrt, nur um drei Minuten später seine eigenen auszupacken und fröhlich mit dem völlig fremden Pärchen rumzuvögeln. 

Virtual Reality Porno

Auch der Bildungswert bleibt fraglich. Ja, die Darstellerinnen haben Haare am Körper, ohne dabei fetischisiert zu werden. Ja, die Frau wird nicht als pures Medium für Ejakulation dargestellt. Aber trotzdem läuten an einigen Stellen die Alarmglocken. Die beiden Paare kennen sich nicht: Wieso werden keine Kondome benutzt? Wieso findet die Orgie erst statt, nachdem alle Beteiligten "ein bisschen zu viel Wein" getrunken haben? Ja, das Gastgeberpärchen agiert als Initiator, aber alle machen mit – wieso werden sie am Ende des Films als "süß, aber psycho" beschrieben? Wieso sind alle Darsteller jung, schlank, muskulös und überdurchschnittlich gut bestückt? Fragen über Fragen.

Fazit

  1. Ich kann nicht für das ganze Genre sprechen, aber allgemein kann gesagt werden, dass in den meisten feministischen Pornos keine Penisse abgeschnitten werden. Das mit der Körperbehaarung stimmt allerdings.
  2. Der Versuch, eine emotionale Ebene einzubauen, ist lobenswert. Schlussendlich bleibt das Schema aber das gleiche: Ein bisschen Dialog und wenn die Musik ausgeht, wird gevögelt. 
  3. Frischer Wind tut dem völlig überlaufenen Pornomarkt bestimmt gut. Aber bevor Pornografie einen tatsächlichen Bildungswert bekommt, muss noch einiges passieren.
  4. "Geil" sind feministische Pornos auf alle Fälle, immerhin geht es immer noch um die schönste Nebensache der Welt. Und das aus allen Perspektiven, nicht nur aus der Vogelperspektive des Mannes, der bewundernd auf sein bestes Stück blickt ...
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