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Freaks Ich bin ein Magnet für komische Menschen – liegt es an mir?

Mann mit als Zahnfee verkleidet
Die wohl skurrilste Zahnfee der Welt. Für jene Personen ist unser Autor ein Magnet …
© Getty Images/Yuri_Arcurs
Egal ob in der Bahn, beim Feiern oder sonst wo. Unser Autor hat das Gefühl, dass er die komischsten Menschen wie ein Magnet anzieht. Liegt es vielleicht an ihm?

Gestern in Hamburg. Ich hatte Feierabend und saß mit meinem Arbeitskollegen in der Bahn auf dem Weg nach Hause. Wir kamen auf das Thema "The Voice of Germany". Die siebte Staffel läuft seit ein paar Wochen wieder im Fernsehen. Ein Gesprächsthema, das so viel Tiefe hat wie ein kurzer Plausch übers Wetter. Für unsere Sitznachbarin war's anscheinend der "talk of the town" – sie wollte unbedingt mitreden. 

Erst eine Station zuvor war sie mit ihrer Tochter inklusive Kinderwagen in die Bahn eingestiegen, in der wir saßen. Eine junge Frau. Mitte, Ende 20. Ihretwegen bin ich sogar extra aufgestanden, damit sie sich hinsetzen konnte. Ich weiß nicht, ob es vielleicht an dieser netten Geste lag. Aber sie fühlte sich von den Worten "The Voice of Germany" so angesprochen, dass sie auf einmal mitreden wollte: "Oh, dieses 'Germany' Dingens läuft das wieder?", fragte sie uns.

Völlig perplex, dass sich eine wildfremde Frau in unser Gespräch einmischte, antwortete ich sofort: "Ja, die Sendung bzw. die siebte Staffel läuft seit ein paar Wochen wieder im Fernsehen." Daraufhin erzählte sie uns, warum sie die Sendung gucke, welche anderen Shows sie auch noch interessierten, warum sie Dieter Bohlen und Heidi Klum toll finde und dass sie mit ihrer Tochter einen Wildpark besucht habe. Was für sie ein Grund war, ihr Parfüm aus der Tasche zu nehmen und sich das halbe Fläschchen über ihren Körper zu sprühen, sodass auch mein Kollege und ich mit einem schrecklichen Geruch eingenebelt wurden.

Wenn man mit Lebensgeschichten fremder Menschen belästigt wird

Nach zehn Minuten war ihr Monolog beendet – zum Glück. Auch wenn es auf der einen Seite irgendwie traurig ist, dass sie solche Dinge fremden Menschen in der Bahn erzählen muss, weil sie anscheinend niemanden hat, dem sie so etwas erzählen kann. Dennoch ist es nervig – und vor allem passiert es mir regelmäßig, dass mir die komischsten Menschen ihre Lebensinhalte mitteilen. 

Vor gut einem Monat war ich auf dem Kiez in St. Pauli – feiern. Ich stand mit einem Kollegen und einer Freundin an einer Straßenecke der Reeperbahn. Wir haben uns unterhalten, ein Bier getrunken und überlegt, wo wir gleich hingehen: in einen Club auf der Großen Freiheit, in eine Bar auf dem Hamburger Berg oder beim Hans-Albers-Platz. Plötzlich mischte sich ein betrunkener Mann, so Anfang 20, in unser Gespräch ein. "Ey yo. Freunde. Wo ist denn hier der Kiez?", nuschelte er in seinem alkoholisierten Zustand.

Die betrunkene Europalette, die mein Kumpel sein wollte 

Für jeden Nicht-Hamburger: Die Reeperbahn ist der Kiez. Es wäre vergleichsweise so, wenn euch jemand an einer Bushaltestelle fragt, ob hier auch ein Bus fährt. Aber da der Junge nicht mehr ganz der Herr seiner Sinne war, habe ich ihm gesagt, dass er sich gerade auf dem Kiez befinde. "Oh, wusste ich gar nicht", entgegnete er mir. "Ich habe alle meine Freunde verloren. Deswegen bleib ich jetzt bei euch." Na toll.

Wie reagiert man darauf? Ihn nett bitten, doch weiterzugehen? Hätte ich gemacht, aber der Typ war breit – sowohl was seinen Pegel anging als auch was das Physische betrifft. Europalette. Zwei Meter mal zwei Meter. Es ist die schlechteste aller Ideen, einen Betrunkenen zu provozieren, der einem körperlich überlegen ist. Und ja, eine Aufforderung kann bereits als Provokation wahrgenommen werden. Also blieb mir nichts anderes übrig, es mit einem Lächeln zu versuchen, mit der Hoffnung, dass sich das Problem von alleine löst. Es löste sich aber nicht von alleine.

Denn er fing an, aus seinem Leben zu erzählen. Er habe Probleme mit irgendwelchen Leuten auf dem Kiez. Sie würden ihn suchen, weil er irgendetwas Schlimmes getan haben soll. "Wahnsinn. Und warum hängst du dann bei mir ab?", dachte ich mir. Mein Kollege versuchte bereits, telepathisch mit mir zu kommunizieren. Sein Blick verriet mir, dass wir ihn irgendwie loswerden müssten. Doch wie stellen wir es am besten an? Dann hatte ich die perfekte Idee. "Leute, lasst mal weiter. In den Club an der Ecke", sagte ich.

Das Beziehungsaus auf der Herrentoilette

Natürlich kam er mit – an der Tür des Clubs war für ihn allerdings Schluss. Er sei laut Türsteher zu voll gewesen. Puh, noch einmal Glück gehabt. Trotzdem stellte ich mir anschließend die Frage, warum so etwas immer mir passiert. Ständig. Vor allem werden die Leute immer komischer. Letztens war ich in einer Bar auf der Toilette.

Es gab fünf Stehklos. Ich stellte mich an eins, wollte einfach nur pinkeln. Eine Sekunde später kommt ein Typ rein, stellt sich neben mich und fängt an zu weinen. "Was ist denn jetzt schon wieder los?", fragte ich mich. Aber es wurde noch skurriler. Er lehnte sich auf einmal zu mir rüber und sagt mit weinerlicher Stimme: "Meine Freundin hat mich verlassen." Das tat mir natürlich für ihn leid. Nur, was sollte ich in diesem Moment daran ändern? Vor allem, erzähl mir das doch bitte nicht, wenn ich gerade auf Toilette bin. Doch es ging weiter: "Einfach so. Sie hat noch nicht einmal einen Grund genannt. Aber ich weiß, warum. Weil sie eine Bitch ist." In diesem Moment fehlten mir echt die Worte. Ich lächelte ihn einfach an, wusch mir die Hände und verließ das Herren-WC, so schnell es ging.

Wegen solcher Erlebnisse frage ich mich: Warum bin ich ein Magnet für solche Menschen? Liegt es an mir? Oder liegt es daran, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin? Ein Kollege sagte mir neulich, als ich ihm von meinem Leid erzählte, dass ich ernster gucken sollte. Ich lächle angeblich zu viel. Aber das kann es auch nicht sein. Außerdem bin ich ein stets gutgelaunter Mensch. Zumal ich wahrscheinlich auch nicht der Einzige bin, der andauernd komische Leute anzieht.

Am Ende muss ich vielleicht das Positive daraus ziehen. Denn diese Geschichten zeigen doch vor allem eins: Mein Leben ist alles andere als langweilig – und das ist schon einmal gut!

Frau steckt mit der Hand in der Toilette fest

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