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Jahresrückblick

Ingo Knollmann: Donots im Interview: "Man hat die Verantwortung bei rechter Hetze dagegenzuhalten"

Die Donots standen nach der Unterbrechung wegen Terrorgefahr als eine der ersten Bands wieder auf der Bühne beim "Rock am Ring". Sänger Ingo Knollmann im Interview über das Erlebte, politische Haltung und die Pläne der Band.

Ingo Knollmann

Donots-Sänger Ingo Knollmann

Das "Rock am Ring" in der Eifel ist eines der größten Rock-Festivals in Deutschland. 2017 pilgerten 87.000 Besucher zum Nürburgring. In diesem Jahr wurde das dreitägige Festival am Freitag wegen Terrorgefahr unterbrochen, das Gelände evakuiert und von der Polizei abgesucht. Am Samstag wurden die Konzerte fortgesetzt. Die Donots waren eine der ersten Bands, die nach der Unterbrechung wieder auf der Bühne standen. Donots-Sänger Ingo Knollmann schildert NEON, wie er und seine Bandkollegen die Situation erlebten, warum sie ihre Bandpause für ein Protestkonzert unterbrachen und was die Band 2018 vorhat: 

Wie habt Ihr als Band die Unterbrechung des Festivals und die Maßnahmen der erlebt? Wie war die Stimmung hinter der Bühne?
Wir haben an besagtem Freitag auf dem Schwester-Festival Rock im Park gespielt, und kurz bevor unsere Freunde von den Toten Hosen auf die Bühne gegangen sind, verbreitete sich die Nachricht auf dem Festivalgelände. Da waren natürlich erstmal große Unsicherheit und viele Fragezeichen da, weil man auch kaum jemanden außerhalb des Geländes erreichen konnte - das Telefonnetz war in dem Moment hoffnungslos überlastet. Nach der Show der Hosen haben sich dann viele der Bands und Crews im Backstage zusammengesetzt und beratschlagt, wie man mit der Situation umgehen solle.

Niemand wusste, ob der Spielbetrieb am Samstag weitergehen würde. Genau genommen wussten wir noch nicht mal, ob man überhaupt mit den Bussen auf das Nürburgring-Gelände fahren konnte, da die Polizei alles abgeriegelt hatte. Irgendwann in der Nacht sind dann aber doch alle Nightliner gefahren und am Samstagmorgen sind wir in unseren Kojen backstage beim Ring aufgewacht. Auch zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob und wie es weitergehen würde. Es wurde recht zögerlich ausgeladen, während hin und wieder via Flurfunk ein paar Updates gekommen sind, dass ein Großaufgebot der Polizei das gesamte Gelände absuche. Am frühen Mittag schließlich kam die offizielle Bestätigung, dass es regulär weitergehen würde. Ab da haben sich dann Erleichterung und Zeitstress die Klinke in die Hand gegeben.

Wie war es, am Samstag nach der Terrorwarnung als eine der ersten Bands wieder auf der Bühne zu stehen? Business as usual?

Business as usual gibt es bei uns eh niemals, aber in diesem Fall hatten wir natürlich die durchaus delikate Aufgabe, als eine der ersten Bands offiziell Stellung zu beziehen zu der ganzen Angelegenheit. Und mach das mal in der richtigen Ansprache, wenn ein großes Festivalpublikum verunsichert ist und sich Panik wahrscheinlich sehr schnell breitmachen kann, alle aber gleichermaßen Bock drauf haben, gemeinsam zu feiern.

Wir sind das Ganze dann mit einer "Jetzt-erst-recht-Haltung" angegangen, wollten dem Publikum natürlich eine gute Zeit bescheren und auch unserer Freude Ausdruck verleihen, dass die Verantwortlichen am Ende doch mutig grünes Licht gegeben haben. Wenn andererseits aber auf der Pressekonferenz am Abend zuvor die große Generalverdachts-Keule geschwungen wurde, kann man das halt auch nicht einfach so unkommentiert stehen lassen. Die ist in diesen Zeiten real, sicherlich. Und man muss auch die Ängste der Leute verstehen. Aber trotz allem darf das kein Treibstoff für Rechtspopulisten sein, um damit die Angstmaschinen noch lauter rattern lassen. 

Es war dann schon fast prophetisch, dass wir an dem Tag einen neuen Song namens "Keiner kommt hier lebend raus" live vorstellen wollten, der sich genau mit dem Thema Kriegstreiberei, Religion und Terror befasst, und auf unserem Bühnenbanner in großen Lettern der Titel unseres kommenden Albums prangte: "Lauter als Bomben".

Bei Rechtspopulismus dagegenhalten, um Unentschiedene zu erreichen

Ihr gehört zu den Bands, die sich regelmäßig auch politisch zu Wort melden und sich schon lange gegen Rechts engagieren. Im Februar habt Ihr Eure Live-Pause unterbrochen, um gegen den Neujahrsempfang der AfD in Münster zu protestieren. Wie kam es dazu - habt Ihr die Aktion selbst initiiert?

Wir arbeiten schon ewig mit tollen Kampagnen wie "Kein Bock Auf Nazis" zusammen und setzen uns sehr gegen braune Denke jedweder Art ein. Wir sind eingeladen worden, bei der Kundgebung in dabei zu sein, und haben in der Tat direkt nach zehn Tagen schon unsere lang angelegte Live-Pause dafür unterbrochen. Da gab es gar keine Diskussion.

Nicht zuletzt auch, weil uns die Offenheit von Münster so am Herzen liegt und nirgendwo Platz für tumbe Deutschtümelei und platte Stammtischparolen sein darf.

Fühlt Ihr Euch angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen herausgefordert, Euch vermehrt politisch zu äußern – sei es künstlerisch oder persönlich?

Wir finden das als Punkrock-Band und auch persönlich absolut selbstverständlich, in Zeiten wie diesen das Maul aufzumachen. Wenn die Rechten in Großbuchstaben ihre Hetze rausposaunen, dann hat man die Verantwortung, dagegenzuhalten und hoffentlich ein paar Leute zu erreichen, die sich in der Diskussion noch nicht entschieden haben. Und wenn man als Band die Kids da draußen wirklich unmittelbar an und mit Herz und Kopf erreichen kann, dann sollte man das auf jeden Fall tun. Ich würde mir ehrlich gesagt wünschen, dass viel mehr Künstler ihre Möglichkeiten nutzen würden. Die großen Stadionacts, die zigtausende Follower in den sozialen Netzwerken haben, dürfen sich gerne auch mal klar positionieren! Helene Fischer, Mark Forster, wie sieht’s aus?

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick – soweit ich weiß, seid Ihr gerade im Studio. Was steht 2018 bei Euch so an? 

Unser neues Album "Lauter als Bomben" ist im Kasten und wir bringen es am 12. Januar 2018 über unser eigenes Label Solitary Man Records in diversen Formaten mit schönem Bonus-Content raus. Es ist unser elftes Album und das zweite komplett in deutscher Sprache. Vorab-Singles wie "Rauschen (Auf Jeder Frequenz)" und "Eine Letzte Letzte Runde" haben wir bereits veröffentlicht und freuen uns gerade riesig über die tolle Resonanz. Nach der Album-Veröffentlichung geht es im Februar und März auf ausgedehnte Clubtour in , Österreich und der Schweiz und für den Sommer stehen diverse Festivals wie Hurricane und Southside auf dem Plan. Es ist schon der absolute Hammer, dass wir im 23. Bandjahr die größten Shows unserer Laufbahn spielen dürfen und gleichzeitig alle Zügel in den eigenen Händen halten. Darüber sind wir sehr glücklich!

Das letzte Wort gehört Dir. Hast Du Weihnachtswünsche oder weise Ratschläge?

Bitte zu Weihnachten alle "Merry Christmas (I Don’t Wanna Fight Tonight)" von den Ramones hören. Dann kann Euch nix passieren. Das letzte Wort sollten immer die Ramones haben… Danke für das Interview!