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Re: Miese Schlampe: Eine Frau wehrt sich gegen geklaute Nacktbilder - mit noch mehr Nacktbildern

Emma Holten, 25, wurde gehackt und im Internet mit geklauten Nacktbildern bloßgestellt. Dann hat sie sich gewehrt - mit noch mehr Nacktbildern. 

Ein Mann mit einer Maske sucht im Internet ein Nacktbild

Emma Holten wurde von einem Internet-Troll gehackt, der Nacktfotos von ihr im Netz veröffentlichte. Ihre Antwort darauf ist ebenso ungewöhnlich wie mutig.

Emma Holten, die sich plötzlich auf einer Bühne wiederfand, nackt, ohne dass sie je zugestimmt hätte, begrüßt mit Gebrüll, mit Drohungen, mit den niedersten Regungen der menschlichen Seele, diese Emma Holten könnte man sich jetzt leicht als zerstörten Menschen denken.

Es ist ein kühler Morgen, ein Morgen wie der im Oktober 2011, als Holten sich auf der Bühne jenes Albtraums wiederfand, der für sie die Wirklichkeit war. Sie betritt ein Café in ihrer Heimat , Dänemark, wo die Menschen laut World Happiness Report zu den glücklichsten der Welt zählen. Der Geruch von Kerzen und Kaffee, das ist wohl das, was die Dänen "hyggelig" nennen, die Gemütlichkeit als Lifestyle, ein dänischer Exportschlager. In dieses Setting setzt sich Holten, Augen wach, Wangen rot, ein kleiner Mund, der groß lächelt. Sieht so ein zerstörter Mensch aus?

"Das Internet hat mich zerstört", sagt sie. "Und es hat mich gerettet."

Albtraum "Revenge Porn"

Emma Holten, 25, hatte an dem Oktobermorgen vor fünf Jahren auf einmal Hunderte neue Nachrichten in ihrem Posteingang. "Wissen deine Eltern, dass du eine Schlampe bist?", "Schick mir mehr Nacktfotos, oder ich schicke die, die ich habe, deinem Boss." Einer drohte, sie zu vergewaltigen.

Sie war Opfer eines "Revenge Porn" geworden: Jemand hatte sich in ihre Facebook- und EMail-Konten eingehackt; ob ein Nachbar, ob eine verschwommene Fratze vor einem Bildschirm am anderen Ende der Welt, kann bis heute keiner sagen. Der gesichtslose Jemand hatte Fotos von Holten gestohlen, sie wurden auf zig Seiten hochgeladen, Fotos, die sie mit 17 und mit 19 zeigen, deren Existenz Holten, wie sie sagt, da schon längst vergessen hatte. Sie hatte ein bisschen sexy posiert, harmlos, ihr damaliger Freund und sie hatten mit dem Smartphone Schnappschüsse gemacht, Holten hatte sie ihm geschickt. Und jetzt konnte sie jeder sehen. Nacktfotos. Das Intimste, gepostet wie irgendein GIF, wie etwas, das egal ist.

Nacktbilder: entblößt vor der ganzen Welt

Hass im Netz, das ist vielleicht eine Floskel, sicher aber ein Phänomen unserer Zeit. Immer wieder hören wir von neuen Shitstorms, von Menschen, die in einem Mahlstrom aus (Re-) Tweets abzusaufen drohen, oft, weil sie irgend etwas Naives, falsch Verstandenes oder irgend jemandem nicht ins Weltbild Passendes von sich gegeben haben: einen Kommentar, eine Randbemerkung, ein Video, ein Tweet. Weniger als 140 Zeichen reichen, um seinen Ruf zu ruinieren.

Nur: Was ist mit denen, die nie die Öffentlichkeit suchten? Die eben keinen naiven Tweet sendeten, weil sie witzig sein wollten, die keinen Kommentar posteten, um sich später dann rauszureden, sie seien auf der Maus ausgerutscht? Die nicht darauf erpicht waren, Likes oder Herzchen zu verdienen, und trotzdem, gegen ihren Willen, in eine kaum überschaubare Öffentlichkeit geworfen wurden, den Trollen zum Fraß? Selbst wer seinen Alltag nicht mit Snapchat an die Welt schickt, keinen provoziert und sich mit den Privatsphäre-Einstellungen auf Mühe gegeben hat, kann plötzlich vor allen entblößt sein.

Kontrollverlust über die eigene Person

Wie Emma Holten, die von einem Tag auf den anderen im Netz als etwas definiert wurde, das im Stillen hätte bleiben sollen. Die, so sagt sie es jetzt im Café in Kopenhagen, ein Geheimnis hatte, das keines mehr ist, weil es jeder auf finden kann. "Du hast das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben. Über deinen Namen, dein Gesicht, deinen Körper. Darüber, wer du bist und was du bedeutest." Kann man so leben?

Lange spürte Holten nicht nur den Kontrollverlust, sondern Angst, wenn sie aufs Rad stieg und über die Straßen fuhr, die sie eigentlich so gut kennt, wenn sie auf Partys ging oder in Cafés wie das, in dem jetzt ihr Kaffee kalt wird, weil sie so viel zu erzählen hat, umgeben von Hygge und diesen statistisch so glücklichen Menschen: Wer um sie herum hatte die Fotos gesehen? Saß einer ihrer Peiniger nur ein paar Tische entfernt?


Kein Schweigen nach dem ersten Gebrüll, nach den ersten 100 Nachrichten am Oktobermorgen 2011, es kamen dauernd neue, immer dann, wenn die Fotos auf neuen Seiten landeten. "Das endet nie", sagt Holten, "und verfolgt dich überallhin. So ist auch der Schmerz: immer da." Noch heute können es bis zu 50 neue Nachrichten am Tag sein. "Die Trolle werden nie müde, weil es so viele sind. Und du? Bist nur du."

Aus Kommentaren wurden Steine am Fenster

Es blieb nicht bei den Trollen, die mit Hasskommentaren um sich warfen, irgendwann kamen Steine hinzu, geschmissen an Holtens Fenster im Erdgeschoss, von einem Mob im Morgengrauen: "Wir wissen, dass du drin bist, Schlampe!" Holten vergrub sich unter der Bettdecke und hoffte, dass das Glas hält. Wenn Emma Holten heute jemand Neues trifft, nennt sie nicht sofort ihren Nachnamen, der eher selten ist; um Telefonnummer und Adresse macht sie ein Geheimnis, so auch vor diesem Treffen in Kopenhagen.

Der gesichtslose Jemand soll ihretwegen gesichtslos bleiben, Holten will nicht wissen, wer ihr das angetan hat. Sie plagt eine andere Frage: "Wieso schicken mir all diese Leute so viel Hass? Das geht doch nur, indem sie mich entmenschlichen." Die Journalistin Ingrid Brodnig stellt in ihrem Buch mit dem programmatischen Titel "Hass im Netz" einen Verlust an Empathie fest. Brodnig führt das auf ein "Gefühl der Unsichtbarkeit" zurück: Wer einem nicht direkt gegenübersitzt, wessen Mimik und Gestik man nicht sehen kann, wessen Stimme nicht hören, den kann man auch leichter entmenschlichen.

"Consent" Fotos als Antwort

Emma Holten wollte den Trollen nicht die Macht über Emma Holten überlassen, also zeigte sie dem Netz, dass sie nicht eine Serie von alten Fotos ist, sondern ein Mensch. "Nach drei schlimmen Jahren dachte ich: Fuck it! Es kann nicht schlimmer werden." Sie wehrte sich mit den Waffen derer, die ihre digitale Identität ohne ihr Einverständnis so unauslöschbar geprägt hatten: Holten traf sich mit einer befreundeten Fotografin, sie zogen sich aus. Das Projekt nannten sie "Consent", "Zustimmung" , der Name steht für sich.

Auf den Fotos sieht man Holten, wie sie sich in ihrer Wohnung die Zähne putzt, ein Buch liest, lacht, halb nackt. Holten schrieb einen Text, er ist Revenge Porn aus ihrer Sicht. Sie stellte Text und Fotos online, aber eben mit: Zustimmung. "Consent" ging viral. Holten hat so die Suchmaschinen nach ihren Vorstellungen optimiert, sie hat sich ein Stück Deutungshoheit über ihr Selbst zurückgeholt.

Sie hat alleine geschafft, wofür andere, deren Ruf im Netz beschädigt wurde, professionelle Hilfe suchen. In den vergangenen Jahren sind Seiten aufgeploppt, die Hilfe versprechen, dein guterruf.de, reputation-manager.de, reputationsrecht.de, ganze Kanzleien spezialisieren sich darauf. Aus den online ramponierten Existenzen ist ein Businessmodell erwachsen: Du zahlst, und wir helfen dir, unliebsame Inhalte zu löschen oder schöne neue zu schaffen, die die hässlichen bei Google hoffentlich nach unten schieben.

Kein Opfer mehr!

"Für so was war ich schlicht zu arm", sagt Emma Holten im Café, und da ist es wieder, das große Lächeln. Alle paar Minuten leuchtet ihr Handy auf dem Tisch auf, sie ist gefragt. Holten arbeitet heute, neben dem Studium, als Journalistin und Aktivistin für Frauenrechte, für Ethik und Sicherheit im Netz.

Sie ist nicht mehr eines von vielen Opfern, sondern Expertin. "Consent" hat sie berühmt gemacht. Fast täglich gibt sie Interviews, hält Vorträge an Schulen. "Was mir passiert ist, kann jedem passieren", sie wiederholt den Satz wie ein Mantra. Und manchmal antwortet sie ihren Hatern, mit Gegenfragen: "Wieso machst du, was du machst?" Holten hat das Grauen nicht hingenommen, sie hat es zu einer Aufgabe umgedeutet, die größer ist als sie selbst.

"Das Internet ist sehr, sehr menschlich"

"Das Internet ist die größte Kloake der Weltgeschichte", sagte der Historiker Timothy Garton Ash mal dem "Spiegel". Holten formuliert es anders. "Das Internet ist sehr, sehr menschlich", sagt sie. "Es ist das echte Leben. Das müssen wir noch lernen."

Wenn Holten vor Schülern spricht, betont sie, wie sensibel man mit seinen Daten umgehen müsse, dass sich aber auch niemand vor dem Internet fürchten dürfe. "Du musst einfach nicht glauben, was die anderen sagen, auch wenn sie es immer wiederholen", sagt sie dann." Du kannst dein eigenes Selbstbild haben und das Bild, das die anderen von dir zeichnen, infrage stellen." Es sind eben mehr als die Google-Ergebnisse zu unseren Namen, die uns zu Menschen machen.

Emma Holten, die sich plötzlich auf einer Bühne wiederfand, nackt, ohne dass sie je zugestimmt hätte, die diese Bühne nutzte, um aus ein paar Nacktbildern zu einem Vorbild zu werden, diese Emma Holten kann man sich als frohen Menschen denken.