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Überstunden-Report: Work-Life-Balance statt Nächte im Büro? Millennials machen die wenigsten Überstunden

In seinem gesamten Berufsleben sammelt jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland so viele Überstunden an, dass er ein Jahr umsonst geschuftet hat. Und dabei arbeiten die Älteren mehr als die Jüngeren.

Frau am Schreibtisch

Ein Drittel aller Fachkräfte in Deutschland arbeitet im Leben quasi ein Jahr umsonst, zählt man alle nicht abgebauten Überstunden zusammen. Laut einer aktuellen Studie gehören Millennials nicht unbedingt dazu.

Getty Images

Das Projekt muss vor dem Wochenende noch fertig werden, der Kollege oder die Kollegin ist plötzlich krank oder ein Kunde hat noch Sonderwünsche – Gründe für Überstunden gibt es unzählige. Auch wenn die Überstunden in Deutschland in den letzten Jahren tendenziell zurückgegangen sind, arbeiten immer noch 54 Prozent der Beschäftigten länger als vorgesehen. Abhängig ist die Mehrarbeit davon, in welcher Branche man angestellt ist – und vom Alter.

In ihrer gesamten Berufslaufbahn kommen Fachkräfte auf 9655 Überstunden; Führungskräfte schaffen sagenhafte 15.390 Stunden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Hamburger Vergütungsanalysts "Compensation Partner", wie "Spiegel Online" berichtet. Dafür wurden 215.000 Beschäftigte befragt. Viele können ihre Überstunden zudem nicht ausgleichen – und arbeiten somit 13 Monate ihrer Karriere umsonst. Führungskräfte kommen nach dieser Rechnung sogar auf fast zwei Jahre, die sie in ihrem Leben gratis arbeiten. Insgesamt nimmt die Zahl der Überstunden jedoch ab: Durchschnittlich verrichten Frauen 2,2 und Männer 3,7 Überstunden wöchentlich. Vor zehn Jahren lag der Wochendurchschnitt immerhin noch bei 6,5 Stunden. Eine Entwicklung, die sich laut den Verfassern des Arbeitszeitmonitors auch mit einem neuen Verständnis der Work-Life-Balance erklären lässt.

Generation Y und Z machen die wenigsten Überstunden

Möglicherweise ist das auch ein Indikator für weitere Ergebnisse der Studie: Denn je jünger die Beschäftigten, desto weniger Überstunden machen sie in der Woche. Bei den unter 20-Jährigen (1,74 Überstunden), also die sogenannte Generation Z, und bei den 20- bis 29-Jährigen Millennials (2,48) liegt die Überstundenzahl unter oder nur knapp über dem Durchschnitt. Beschäftigte im Alter zwischen 30 und 39 Jahren kommen auf 3,1 Überstunden und nach dem 60. Lebensjahr bleiben Arbeitnehmer wöchentlich rund 3,7 Stunden länger im Büro. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, in welcher Branche gearbeitet wird. Mit 5,3 Überstunden pro Woche liegen die Unternehmensberatungen vorn, im Mittelfeld finden sich Werbung und PR und am geringsten ist die Mehrarbeit bei Steuerberatern.

Jedoch decken sich die Ergebnisse der aktuellen Umfrage, die sich auf die Selbstauskunft von Fach- und Führungskräften aus den vergangenen zwölf Monaten beziehen, mit Ergebnissen anderer Studien, wenn es um die Einstellungen jüngerer Generationen zum Arbeitsmarkt geht. So gaben in einer Studie des Unternehmensberatung EY aus dem Jahr 2018 nur 41 Prozent der befragten Studierenden an, dass die berufliche Zukunft für sie Priorität habe. Zudem sinkt die Wunscharbeitszeit junger Arbeitnehmer deutlich im Vergleich zu früheren Generationen: Pro Woche wollen Frauen und Männer unter 25 Jahren am liebsten nur noch 25 beziehungsweise 28 Stunden die Woche arbeiten, wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung herausgefunden hat.

Faul und Unflexibel?

Sind Millennials also faul und haben keine Arbeitsmoral mehr, wie Klaus Hansen, Partner der Headhunter-Firma "Odgers Bernstson" in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung es drastisch beschrieb? Er bescheinigt den Generationen Y und Z eine schwindende Arbeitsmoral und eine "Tunschuh-Mentalität", die sogar die deutsche Wirtschaft gefährden könnte. Viele Arbeits- und Generationenforscher bewerten das nicht so. Vielmehr wollen die jüngeren Generationen nicht den Stress und die unerfüllte Berufswünsche wiederholen, die sie bei ihren Eltern erlebt haben. "Junge Arbeitnehmer haben heute einen anderen Selbstwert", sagt auch der Arbeitspsychologe Peter Fischer von der Uni Regensburg gegenüber NEON. "Sie wollen mitreden und mitbestimmen." Wichtig sei daher, ihnen auf Augenhöhe und ohne die klassischen Vorurteile zu begegnen und ihnen die Chance zu geben, sich zu entwickeln.

lau