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Andreas Eichholt: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich ... Tätowierer?

Traumjob gefunden: Andreas arbeitet seit zehn Jahren als Tätowierer in Hamburg. Aber wie wird man das eigentlich? Und wie sieht so ein Arbeitsalltag aus? Mit NEON hat er über die Vorzüge seines Jobs gesprochen – aber auch über nervige Kunden.

Traumjob Tätowierer

Andreas bei seiner Arbeit in der "Ältesten Tätowierstube in Deutschland"

neon.de

Um wen geht's?

Andreas Eichholt ist 33 Jahre alt und seit zehn Jahren professioneller Tätowierer. Er arbeitet in der "Ältesten Tätowierstube in Deutschland" auf der Hamburger Reeperbahn.

Was machst du den ganzen Tag?

Erstmal schlafe ich aus. Und dann tätowiere ich im besten Fall von Ladenöffnung bis Feierabend – also fünf bis sieben Stunden. Im Schnitt habe ich zwei Kunden am Tag. Dazu kommt dann noch meine Nachbereitungsphase: aufräumen, putzen, um den Laden kümmern. Wenn alles gut läuft, habe ich danach noch ein bisschen Zeit, um für die nächsten Tage die Zeichnungen vorzubereiten.

Convention-Tage können auch mal länger dauern. Wenn man da voll ausgebucht ist, kommt man schon so auf zwölf Stunden Arbeit am Tag.

Wie wird man das?

Ich habe Kunst studiert. Oder besser gesagt: Ich habe versucht, Kunst zu studieren. In den Semesterferien habe ich mich ein wenig gelangweilt und wollte mich in einem künstlerischen Umfeld weiterbilden, also habe ich ein Praktikum in einer Tätowierstube gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass mir das mehr liegt als das Studieren. Also: Studium abgebrochen und eine Ausbildung in dem Laden angefangen. Wobei man sagen muss, dass das keine offizielle Ausbildung ist, sondern quasi ein verlängertes unbezahltes Praktikum, in dem man sich über mehrere Jahre die Fähigkeiten eines Tätowierers angeeignet.

Wie lange die Ausbildung dauert, hängt ganz davon ab: Da es keine offiziellen Richtlinien gibt, entscheidet man selbst oder der ausbildende Tätowierer, ob man so weit ist. Mittlerweile gibt es auch Privatschulen, die das Grundwissen vermitteln. Das ist aber auch nur als Vorbereitung auf eine Ausbildung gedacht. Es gibt Leute, die sind nach einem Jahr bereit – andere sind es nach zehn Jahren nicht.

Ich habe von Anfang an auf Menschen geübt. Wenn man jung ist, viele Freunde hat, die pleite sind, und man Tattoos umsonst anbietet, dann wird nicht so sehr nach der Qualität gefragt. Meine erste Tätowierung habe ich nach einem halben Jahr gemacht, ein fertiger Tätowierer war ich nach zweieinhalb Jahren.

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören?

Auf Partys: "Ich hab da auch mal ein Tattoo in Thailand machen lassen. Willst du's mal sehen?" Oder: "Ich wollte mich ja auch schon immer mal tätowieren lassen." Aber das passiert tatsächlich nicht mehr so häufig. Mittlerweile gibt's so viele Tätowierer, da hat jeder einen im Freundeskreis.

Wie ist die Bezahlung?

Beschissen. Nee, jetzt mal ernsthaft. Das klingt alles immer so schön, dass man so und so viel Euro pro Stunde bekommt. Und die ganzen Kunden denken, dass man tierisch reich sein müsste. Ist aber nicht der Fall. Ich habe mal ausgerechnet, was ich netto rausbekomme: Das sind weniger als zehn Euro pro Stunde. Das variiert auch noch, weil manchmal ein schwächerer Monat darunter ist, zum Beispiel während der Urlaubszeit. Finanziell gesehen ist das also kein guter Job, zumindest nicht für alle. Es gibt Leute, die damit richtig viel Geld verdienen. Was die anders machen als ich, weiß ich aber auch nicht.

Traumjob Tätowierer

Andreas arbeitet seit zehn Jahren als professioneller Tätowierer

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Außerdem bin ich selbständig. Der Vermieter des Tattoo-Studios stellt den Arbeitsplatz zur Verfügung, je nach Absprache mit mehr oder weniger Interieur und Materialien. Man muss dann entweder einen prozentualen Anteil am Gewinn oder eine Studiomiete zahlen. Als Selbstständiger muss man sich selbst versichern. Das sehen viele Leute nicht bei den 100 Euro pro Stunde.

Was ist das Beste an deinem Job?

Das Beste ist, dass ich mein eigener Chef bin und mir meine Arbeit selbst einteilen kann. Arbeite ich mehr, verdiene ich mehr. Arbeite ich weniger, verdiene ich weniger. Gebe ich mir mehr Mühe, wird’s besser und es fällt direkt auf mich zurück und ich arbeite nicht in die Tasche eines anderen.

Was ist das Nervigste?

Es gibt unglaublich viele schöne Begegnungen, unglaublich viele wirklich interessante Geschichten, die diesen Job ausmachen und die ich wirklich nicht missen möchte. Aber es gibt natürlich auch viele nervige Kunden. Die Leute kommen halt mit mehr oder weniger festen Vorstellungen von ihrem Tattoo und manchmal ist das  gut und manchmal ist das schlecht. Die nervigsten Kunden sind jenem, die sich nicht professionell beraten lassen wollen und auf ihrem Willen beharren, obwohl er aus professioneller Sicht nicht gut ist.

Dein Tipp für Newcomer?

Es ist auf jeden Fall ratsam, eine gewisse Vorbildung zu haben, was kreatives und selbständiges Arbeiten betrifft. Im Studium oder bei irgendeiner Form von Praktikum sollte man das schon mal erlebt haben.

Bevor man sich in ein Tattoo-Studio setzt und die Grundtechniken des Tätowierens erlernt, muss man außerdem zeichnen können. Und man sollte sich die Lehrstelle danach aussuchen, wer dort arbeitet und von wem man was lernen möchte. Wenn man gar nicht zeichnen kann, kann man immer noch Fotorealist werden. Es gibt in jedem Genre auch herausragende Tätowierer. Wenn man nicht mit dem Anspruch rangeht, herausragend zu sein, dann kann man es auch gleich lassen.

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