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Meinung

Al Gore, Greta Thunberg und Co.: Forscher warnen vor Klima-Hysterie: Warum die Panik weder neu noch unnütz ist

"Die Klima-Diskussion ist so hysterisch geworden, dass sie die Politik vor sich hertreibt", sagt Hamburgs ehemaliger Umweltsenator in einem Interview. Dabei ist die Angst vor der Apokalypse keinesfalls neu. Und auch die Vorwürfe gegen Greta Thunberg hört unsere Autorin nicht zum ersten Mal. 

Greta Thunberg und Al Gore

Greta Thunberg wird vorgeworfen, eine unnötige Klimapanik zu verbreiten. Ähnliches musste sich Al Gore 2006 auch schon anhören – wann ist also endlich der Zeitpunkt für Panik gekommen?

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Am Montag erschien ein Interview mit dem ehemaligen hamburgischen Umweltsenator Fritz Vahrenholt im "Hamburger Abendblatt". Darin sagt er: "Die Klima-Diskussion ist so hysterisch geworden, dass sie die Politik vor sich hertreibt. Wir haben aber keinen Klimanotstand." Würden Greta Thunbergs Forderungen umgesetzt, wären Wohlstand und Entwicklung weltweit massiv gefährdet. 

Wer heute glauben mache, dass das Leben auf unserem Planeten bereits in wenigen Jahren gefährdet sei, der treibe Menschen in Angst – das sei unverantwortlich. "Hört auf, den Kindern Angst zu machen – die bekommen ja schon Wahnvorstellungen", so Vahrenholt. Die "Kinder": Damit sind vermutlich die Millionen Jugendlichen gemeint, die seit geraumer Zeit in regelmäßigen Abständen auf die Straße gehen und unter dem Banner der "Fridays for Future" für radikalere Klimaziele und ihre Umsetzung demonstrieren – allen voran Thunberg.

2006 klatschte mir die Realität des Klimawandels zum ersten Mal mit voller Wucht ins Teenager-Gesicht

Doch während Vahrenholt und die weiteren Unterzeichner der Erklärung "500 Forscher protestieren gegen das Schüren von Klimaalarm" es klingen lassen, als wäre die Angst vor dem Klimawandel neu, wirkt sie doch eher aufgewärmt. Ich war 14 Jahre alt, als mir 2006 die Realität des Klimawandels zum ersten Mal mit voller Wucht ins Teenager-Gesicht klatschte. Wir saßen in der Schule und starrten gebannt auf den reingerollten Fernseher, auf dem uns "Eine unbequeme Wahrheit" vorgespielt wurde. Der Dokumentarfilm des ehemaligen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und ehemaligen Vizepräsidenten der USA, Al Gore, wurde nicht ohne Grund im Trailer als "erschreckendster Film aller Zeiten" angekündigt. Er war genau die richtige Mischung aus dokumentarisch, emotional und apokalyptisch, um einen Gedanken in unseren hormonell überbelasteten Hirnen festzubrennen: Der Klimawandel ist unaufhaltsam und wir werden aller Wahrscheinlichkeit nach alle sehr bald sterben. Inzwischen wünsche ich mir, wir hätten damals bereits den gesunden Menschenverstand gehabt, für unsere Zukunft auf die Straße zu gehen.

Wie das mit unbequemen Wahrheiten nun einmal so ist, stieß Gore mit seinem Film auch auf Gegenwind. Zwar erhielt er 2006 den Oscar für den besten Dokumentarfilm und 2007 den Friedensnobelpreis, doch Kritiker warfen ihm ebenfalls vor, unnötig Angst in der Bevölkerung schüren zu wollen, um eine weitere Präsidentschaftskandidatur zu erleichtern. MIT-Physiker Richard S. Lindzen beispielsweise warf ihm in einem Beitrag im "Wall Street Journal" vor, Alarmismus zu betreiben, Panik zu schüren und Fakten zu verdrehen, um seine Theorien zu unterstützen. Kommt uns irgendwie bekannt vor, oder?!

Es sei unnötig, Panik zu verbreiten, so Vahrenholt im Interview, immerhin hätten wir "Zeit bis Ende des Jahrhunderts – das sagen alle Unterzeichner unserer Erklärung". Doch während ich nicht leugnen will, dass auch ich effektiver arbeite, wenn eine Deadline wie das Damokles-Schwert über meinem Kopf hängt, so scheint es doch recht unnötig abenteuerlustig, zu warten, bis die Apokalypse unmittelbar vor unserer Tür steht, um uns mit möglichen Lösungsvorschlägen auseinanderzusetzen. Und nachdem das Klimaschutzgesetz, das die Bundesregierung am kommenden Mittwoch verabschieden will, laut "Spiegel"-Berichten nun doch noch einmal stark abgeschwächt wurde, kann es durchaus sein, dass wir bis Ende des Jahrhunderts immer noch nicht zu einer wirklichen Lösung gekommen sind. Wieso also nicht jetzt anpacken, wo die die Aufmerksamkeit für das Thema stark geschürt wurde?

Auch Greta Thunberg wird nicht ewig Shooting-Star sein

Vielleicht müssen wir uns ein wenig in die Hosen machen, um endlich wachgerüttelt zu werden. Denn immerhin scheint es ja zu funktionieren. Meine Oma hat inzwischen wiederverwertbare Netze für ihren Gemüseeinkauf, meine Eltern sind von einem Diesel- auf einen Hybrid-Wagen umgestiegen, und ich habe meiner Liebe zu Plastikstrohhalmen abgeschworen. Wir sollten die Welle der Aufmerksamkeit nutzen, bevor sie wieder abschwächt. Denn auch, wenn das momentan schwer vorstellbar ist: Wie jeder andere Shooting-Star wird auch Greta Thunberg nicht ewig so hell und aufdringlich am Firmament leuchten, wie sie es derzeit tut. Den zweiten Teil von Al Gores unbequemer Wahrheit sahen sich 2017 auch kaum noch Menschen an. Oder, um es mit den Worten von Soziologe Nico Stehr im "Spiegel"-Interview zu sagen: "Wenn ein Krieg kommt oder eine Finanzkrise, werden wir sehen, wie nachhaltig das Thema Nachhaltigkeit noch verhandelt werden wird."

Und irgendwann ist nämlich der Abend vor der großen Klausur und wir haben unsere Hausaufgaben immer noch nicht angefangen – und dann geht das große Schwitzen los. Im wahrsten Sinne des Wortes.