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Kolumne: Provoziert doch einfach alle: Warum es sich Satiriker oft zu bequem machen

Manche Satiriker machen es sich ganz schön bequem mit ihren unbequemen Positionen. Setzt euch doch mal zwischen alle Stühle!

Von Lars Weisbrod

Es muss brennen: Satiriker sollten Verwirrung stiften, statt Ordnung, findet unser Autor.

Es muss brennen: Satiriker sollten Verwirrung stiften, statt Ordnung, findet unser Autor.

Neulich wurde ich von Harald Martenstein verspottet, dem Kolumnisten des "Zeit Magazins". Martenstein ist dafür bekannt, sogenannte unbequeme Positionen zu vertreten. Deswegen lehnt er Tugendterror genauso ab wie Behindertenparkplätze ("Ich habe nichts gegen Behindertenparkplätze, aber es gibt einfach zu viele.") Wenn irgendwo auf der Welt eine Feministin etwas Dummes sagt, gehen in Martensteins Kolumnenhöhle die Sirenen an. Er schwingt sich in sein Kolumnomobil, braust los und rächt die Männer, die unter der Knute des Feminismus leiden.

Ich habe in NEON einmal über ungewöhnliche Ideen geschrieben, wie man gegen Sexismus vorgehen könnte: über Verträge, die Menschen vor dem Sex miteinander abschließen zum Beispiel. Ich fand die Ideen interessant, Harald Martenstein gefielen sie nicht. Und ich gefiel ihm deswegen auch nicht. "Sexismuskritiker" , schrieb er und meinte mich, "sind in der Regel die schlimmsten Sexisten." Aber ich will mich nicht beschweren. Martenstein ist sicher ein kluger, neugieriger Mann. Und dass er sich immer wieder über Feminismus lustig macht man kann es sogar verstehen. Als Satiriker muss man eben gucken, worüber sich Leute übermäßig aufregen, und dann genau das machen.

"Mich stört die Trägheit, nicht der Sexismus"

Wenn eine Feministin es also wirklich darauf anlegen wollte, dass kluge und neugierige Männer wie Harald Martenstein sich nicht mehr über Feminismus lustig machten, dann müsste sie bloß einen Empörungsstreik organisieren. Alle Feministinnen tun sich zusammen und regen sich über keine Kolumne von Harald Martenstein mehr auf.

Was mich an Martenstein stört und an den anderen klugen, neugierigen Männern, die so sind wie er, ist nicht Sexismus. Mich stört ihre Trägheit. So wie die Feministinnen zu träge wären für einen Empörungsstreik, sind auch die Martensteinmänner zu träge. Sie springen zwar noch, aber lieber jede Woche über das gleiche Stöckchen. Das hat Vorteile: Man stolpert nicht, man dehnt sich nicht die Bänder. Der Nachteil ist: Man hüpft ewig auf der Stelle.

Satiriker dürfen nicht nach unten treten, heißt es manchmal. Das stimmt sicher, als Daumenregel taugt es aber weder für Satiriker noch für andere Menschen, die sich gern in Debatten einmischen. Selbst die klügsten Köpfe des Landes wissen manchmal nicht, wo oben und unten ist. Woher soll ein einfacher Satiriker das also wissen?

Treibt sie in den Wahnsinn!

Eine bessere Daumenregel ist: Man setzt sich einfach zwischen alle Stühle. Warum nur ein politisches Lager provozieren, wenn man alle auf einmal provozieren kann? Warum nicht fordern, Sexualität weniger mit dem Strafrecht und mehr mit privatrechtlichen Verträgen zu regeln? Warum nicht fordern, die Lohnsteuer abzuschaffen und dafür eine Erbschaftssteuer in Höhe von 100 Prozent einzuführen? Wer weiß, ob es hilft. Aber ganz sicher kann man mit den Vorschlägen Linke wie Liberale gleichermaßen in den Wahnsinn treiben. Und das ist doch schon mal was! Das wäre eine schöne Aufgabe für Satiriker und Humoristen im neuen Jahr: Verwirrung stiften, nicht Ordnung.

Til Schweiger auf dem roten Teppich