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Tipps für mehr Selbstbewusstsein: Warum es so schwer ist, Nein zu sagen – und wir es trotzdem tun sollten

Jeder möchte gern "everbody's darling" sein – vielleicht fällt es deshalb vielen so schwer, einfach mal Nein zu sagen. Hinter dem kleinen Wörtchen steckt meist eine ganze Identitätsfrage. Wer die löst, macht einen großen Schritt nach vorne.

Frau wendet sich von Mann ab

Nein zu sagen, erfordert Selbstbewusstsein und Sicherheit. Aber es lohnt sich.

"Schreibst du noch schnell diesen Text?" Einen Moment lang hängt die Frage der Kollegin in der Luft, alle in der Konferenz schauen mich an. Ein Text übers Nein-Sagen – wie könnte ich da Nein sagen? Wie übrigens auch zu den Fragen: "Kannst du die Schicht übernehmen?", "Hilfst du beim Umzug?", "Trinkst du noch ein Bier?". Und so sage ich natürlich Ja – und versuche nun zu verstehen, warum eigentlich.

Vielen Menschen scheint es so zu gehen. Jeder versucht, alles richtig zu machen, everybody’s darling zu sein, es allen recht zu machen. Obwohl doch jeder weiß, dass das eigentlich nicht geht. Und dass man dabei am ehesten sich selbst verliert. Dennoch kriegen viele das Wort "Nein" nur sehr schwer über die Lippen, erst recht nicht, wenn die dazugehörige Frage mit einem gewissen sozialen Druck verbunden ist. Nicht umsonst finden sich im Internet und auf dem Literaturmarkt zahlreiche Ratgeber dazu.

Das Nein-Sagen ist eine Stärke

Dabei ist das Nein-Sagen nichts Verwerfliches. Es ist eine Entscheidung, die ich als selbstständiges Individuum treffe und die andere akzeptieren müssen, auch wenn sie sie gern hinterfragen dürfen. "Die Fähigkeit, Nein zu sagen, zeigt, dass du in deinem Leben am Steuer sitzt", sagt die Marketing-Professorin Vanessa M. Patrick von der Universität Houston. "Es gibt dir ein Gefühl der Stärke."

Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Ein Ja ist meist der Weg des geringsten Widerstands. Ein Nein erfordert Selbstbewusstsein und Kraft. Wobei "Selbstbewusstsein" hier mal durchaus im Wortsinn zu verstehen ist – als Bewusstsein nämlich über Fragen wie: Was will ich eigentlich? Was will ich nicht? Welche Prinzipien sind für mich unverhandelbar? Was halte ich für richtig und falsch? Kenne ich meine Grenzen?

Tipps für mehr Selbstbewusstsein

Die New York Times hat in einem Artikel zu diesem Thema einige Tipps zum leichteren Nein-Sagen zusammengetragen. Es helfe, sich über seine eigenen, grundsätzlichen Ziele im Klaren zu sein, schreibt die Autorin – also nicht nur darüber, wo man hin will, sondern auch, was man auf keinen Fall möchte. Erst wer das weiß, kann eigenständige und zielgerichtete Entscheidungen treffen. Das kann die Festlegung sein, unter der Woche keinen Alkohol zu trinken, mindestens einen Abend in der Woche für sich selbst freizuhalten oder die grundlegende Erkenntnis, dass Freunde wichtiger sind als Arbeit oder Geld. Was auch immer uns gut tut.

Warum aber fällt es uns so schwer, Nein zu sagen? Vielleicht, weil wir gar nicht wissen, was wir wollen. Vielleicht aber auch, weil wir Angst vor der Reaktion haben – ironischerweise oft mehr als der Fragesteller, der ja eigentlich die Ablehnung abbekommt. Wir fürchten uns davor, als unzuverlässig zu gelten, als eigensinnig oder egoistisch. Der Freund, dem wir nach einer anstrengenden Arbeitswoche doch noch beim Kistenschleppen in den fünften Stock helfen, könnte ja sonst beim nächsten Mal lieber mit dem neuen Nachbarn als mit uns ein Bier trinken gehen. Und überhaupt: Wofür sind Freunde oder Familie denn da?

Wer gibt und wer nimmt?

Ja, es gibt diese Menschen, für die man sich gefühlt zerreißen würde. Aber ja, auch Freunde haben ein Recht auf unbequeme Entscheidungen. Erst recht, wenn sie ohnehin das Gefühl haben, dass sie notorisch mehr in die Beziehung investieren als sie zurückbekommen. Die "NYT" rät deshalb dazu, das Nein-Sagen zuerst mit Fremden zu üben. Dem aufdringlichen Typen, der einem auf der Straße eine Tierschutz-Spende aufschwatzen will, knallt man eben leichter ein Nein vor den Latz als dem besten Freund. Und zwar kein "Sorry, gerade keine Zeit", sondern ein "Nein".

Tatsächlich steckt hinter dem kleinen Wörtchen also oft eine Identitätsfrage. Um sein "Ich will nicht" klar zu kommunizieren, braucht man ein solides Gerüst aus Selbstwert, klarem Kopf und Beziehungen, die auch klare Ansagen und vorübergehende Konflikte aushalten. Dazu noch ein bisschen mehr Mut. Vielleicht fühlt sich das Nein dann ganz befreiend an.

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