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"Bloomgerie": Wie Anne mit Deutschlands erstem Blumenbulli alten Menschen eine Freude macht

Anne fährt mit ihrem Blumenbulli namens "Else" zu Altenheimen und versorgt die Bewohner mit Crysanthemen und Co. – dabei bekommt die 25-Jährige jede Menge Geschichten zu hören. NEON hat sie begleitet.

Von Ronja Ebeling

Blumenbulli

"Bloomgerie": Der Blumenbulli von Anne Cavalier

Anne Cavalier ist 25 Jahre alt und weiß schon ziemlich genau, wie sie bestattet werden will: "Am schönsten fände ich eine Einäscherung. Dann möchte ich an irgendeinem schönen Ort verstreut werden." Die junge Frau ist zwar kerngesund, aber sie besucht mit ihrem orangefarbenen Blumenbulli namens Else Altenheime in der Hamburger Umgebung und hört den Bewohnern zu – und dabei geht es nun mal häufig um Liebe und Tod.

"Ich hätte gerne 60 Rosen", sagte ein älterer Herr einmal zu ihr und musterte die Blumen auf der Ladefläche des Bullis. "Das ist aber ein großer Geburtstag", lachte Anne und begann, die Rosen abzuzählen. Die Pflegerin hinter dem Mann bedeutete ihr mit einer strengen Geste, keine Fragen zu stellen. "Nein, kein Geburtstag. Heute würden meine Frau und ich unseren 60. Hochzeitstag feiern. Aber sie ist vor ein paar Wochen verstorben. " Bei diesen Worten füllten sich seine Augen mit Tränen.

Der Tod ist Tabuthema in vielen Altenheimen

An manchen Tagen parkt Anne ihren Bulli mit besonders guter Laune nach Feierabend vor ihrer Wohnung und an anderen Tagen ist sie einfach nur traurig. "Ich habe den Mann damals gefragt, ob Rosen die Lieblingsblumen seiner Frau waren. Dabei habe ich richtig gemerkt, wie sehr es ihn gefreut hat, über sie reden zu dürfen", erklärt sie.

Anne Cavalier vor ihrem Blumenbulli

Anne Cavalier vor ihrem Blumenbulli

In vielen Altenheimen sei Tod nämlich ein Tabuthema. Die Bewohner sollen weitermachen, sich ablenken und nach vorne gucken. Aber ist das gut, wenn der Partner, mit dem ein Mensch den Großteil seines Lebens verbracht hat, nach seinem Ableben auch noch totgeschwiegen wird?

"Wenn man über 50 Jahre lang verheiratet war und der Partner dann stirbt, haben viele Menschen mit der Umstellung zu kämpfen", weiß auch Bente Dittrich, die Veranstaltungsleiterin der Kursana Residenz in Hamburg Niendorf. Sie hat Anne Cavalier und den Blumenbulli Else eingeladen, um vor der Einrichtung frische Schnittblumen anzubieten.

"Was ist denn das für eine blaue Blume?", fragt eine Dame mit müdem Blick und zeigt auf die lilafarbene Glockenblume. Anne zieht sie aus dem Krug und hält sie der Frau direkt unter die Nase. "Ein Glöckchen", stellt diese daraufhin mit leiser Stimme fest und lächelt. Sie wolle jetzt aber erst spazieren gehen, sagt sie und will sich verabschieden. "Dann passen Sie gut auf sich auf und bis zum nächsten Mal in vier Wochen", sagt die Blumenverkäuferin. "Zum nächsten Mal? Ne, ich bin 95 Jahre alt", meint die Dame ganz beiläufig und zwinkert Anne zu. "Ich will nicht mehr."

"In der Einrichtung soll offen über den Tod geredet werden, wenn das der Wunsch der Bewohner ist", erklärt Bente Dittrich, die für die rund 360 Bewohner regelmäßig Aktivitäten organisiert. "Wir hören von manchen Bewohnern, dass sie keine Lust mehr haben und sich überlegen, wie sie das Ganze abkürzen können. Das ist besonders häufig der Fall, wenn der Ehepartner gerade verstorben ist. Dann gehen wir verstärkt hin und bieten Gesprächsmöglichkeiten unter vier Augen an."

Das Broken-Heart-Syndrom tritt nach dem Verlust des Partners besonders häufig auf. Es gleicht einem Herzinfarkt und wird meist durch emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst. Daher sterben Liebende in manchen Fällen besonders kurz hintereinander. Hinzu kommt das Gefühl, dass ein Leben ohne den Partner keinen Sinn mehr macht.

Irgendwann kommt der Satz: "Ich will nicht mehr"

Anne erinnert der Wunsch nach Erlösung stark an ihre eigene Urgroßmutter: "Ich habe den Bulli nach meiner Uroma Else benannt. Sie ist im Alter von 93 Jahren an Alterserscheinungen gestorben. Es war ihr Wunsch, dass sie bis zuletzt in ihrer Wohnung lebt." Mit diesem Wunsch war sie nicht allein, wie eine Umfrage des Senioren Ratgebers belegt. Mehr als 90 Prozent der Ü60-Jährigen möchten auch im Pflegefall unbedingt daheim wohnen bleiben.

"Das war bei meiner Großmutter mütterlicherseits, Oma Brigitte, ähnlich", erinnert sich Anne. "Sie ist jeden Tag zur Kaffeezeit zu ihrem Garten gelaufen, der ein paar hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt war. Bei Wind und Wetter und auch, als sie krank wurde."

Anne weiß, dass die ältere Generation einen ganz anderen Bezug zum Garten hat: "Sie hatte immer frische Blumen aus ihrem Garten auf den Küchentisch stehen. Ende letzten Jahres habe ich mich gefragt, wie das denn ältere Leute ohne Garten machen." So ist die Idee mit dem Blumenbulli Else entstanden. Seit März ist sie nun mit der Volkswagen-T2-Pritsche in Hamburg unterwegs und bringt den Rentnern die Blumen bis vor die Tür.

So auch Walter und Gisela, die erst seit Kurzem in der Kursana Residenz leben: "Zu der alten Wohnung gehörte ein Balkon, den wir immer hübsch bepflanzt haben", sagt Walter, während seine Frau sich von Anne ein buntes Bouquet zusammenstellen lässt. "Heute schaffen wir das nicht mehr."

"Früher hat mein Mann mir immer einen besonders großen Strauß Rosen mitgebracht", sagt Gisela und strahlt beim Anblick ihrer farbenfrohen Blumen. "Dabei war die Größe gar nicht so wichtig, solange alles Ton in Ton war. Heute darf es auch mal bunt sein." Mit dem Ton lebe er nun schon seit 65 Jahren, merkt Walter an und deutet dabei auf seine Partnerin. "66 Jahre!", korrigiert diese ihn lachend und führt ihn wieder zur Eingangstür der Residenz.

Anne kommt oft ins Grübeln

Anne freut sich über diese Momente, die sie mit dem Blumenbulli erleben darf. Und trotzdem kommt sie oft ins Grübeln: "Die Bewohner sagen im ersten Moment, dass sie ihren Liebsten mit den Blumen eine Freude machen möchten und laufen anschließend direkt zum Friedhof, um sie dort abzulegen." Ihre Kunden kennen Bedeutung und Pflegehinweise jeder einzelnen Blume genau. Chrysanthemen zum Beispiel: Die traditionelle Friedhofblume symbolisiert Liebe, die über den Tod hinaus geht. 

Durch ihre neue Arbeit habe Anne gemerkt, dass die meisten Menschen das Sterben mit dem Alter verbinden: "Aber das ist ja gar nicht wahr. Der Tod ist allgegenwärtig und das sollte uns allen bewusst sein.". Sie möchte wissen, wie ihre Familie bestattet werden möchte und auch welche Blumen sich ihre eigenen Eltern und ihr Ehemann an ihrer Trauerstelle wünschen: "Der Tod gehört zum Leben dazu, wir müssen offen damit umgehen", sagt sie. Ihr Traum sei es, einen weiteren Bulli zu besitzen und ihn nach Oma Brigitte zu benennen. So leben beide Frauen ein bisschen weiter, während ihre Lieblingsblumen von Anne in Oldtimern zu den Altenheimen gebracht werden.

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