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Internetkritiker erklärt: So verderben Facebook und Twitter unseren Charakter

Experten sind sich einig: Soziale Medien bringen vor allem die schlechten Eigenschaften des Menschen zum Vorschein. In einem aktuellen Interview verrät einer der großen Kritiker der Digitalwirtschaft und Internetkultur, warum auch im Silicon Valley deshalb ein Umdenken stattfindet.

Facebook und Twitter

Selfie für die sozialen Medien: "Dieser Mist verdirbt uns alle" (Symbolbild)

Vor zwölf Jahren wurde Jaron Lanier, einer der bekanntesten Analytiker und Kritiker der Digitalwirtschaft und der Internetkultur, Vater einer Tochter. Damals dachte der heute 58-Jährige noch, dass die Menschen mit den neuen Möglichkeiten des Internets eine bessere Welt für ihre Generation erschaffen würden. Inzwischen gilt das Netz als großer Brandbeschleuniger globaler Missstände, und Lanier ist reichlich desillusioniert.

In einem "Spiegel"-Interview erklärt Lanier, warum die digitale Bedrohung real ist. Facebook und andere Plattformen würden zwar noch nicht den Ausgang von Wahlen entscheiden: "Wahr ist aber, dass sie den Ton des Diskurses und damit den Charakter der Zivilgesellschaft beschädigen", so Lanier. "Was keineswegs weniger schlimm ist."

"Neu ist die Dauerbeleidigtheit"

Als offensichtliches Beispiel nennt der Analytiker den US-Präsidenten Donald Trump: "Twitter hat diesen Mann zu einem flatterhaften, larmoyanten, kleinen Balg gemacht, furchtbar." Er kenne Trump seit Jahren, und einige seiner heute offen zur Schau gestellten schlechten Eigenschaften hätte dieser schon früher gehabt, aber nicht alle.

"Neu ist die Dauerbeleidigtheit", sagt Lanier, "dieses Um-sich-Schlagen, diese unglaubliche Unsouveränität." Dabei handele es sich um "dieselbe Charakterdeformierung, die wir bei einer sehr großen Zahl der Nutzer von sozialen Medien sehen." Dieser Mist verderbe uns alle, behauptet Lanier.

Eine Entwicklung, die selbstverständlich Gefahren birgt. Historisch gesehen hätten vor allem faschistische Kräfte immer wieder Kapital schlagen können aus neuen Medien: "Die Nazis nutzten den noch jungen Hörfunk und den Tonfilm, um die Bevölkerung quasi zu hypnotisieren. Da gibt es gewisse Parallelen zur Gegenwart."

Facebook & Co.: "Gigantischer Haufen Bullshit"

Lanier habe laut eigener Aussage schon früh gemerkt, dass im Internet vieles in die falsche Richtung läuft. Inzwischen hätten aber etliche Leute im Silicon Valley gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Für Lanier ist der Grund dieses Mentalitätswandels, dass viele Mitglieder der Gründergeneration, die einst blutjung begonnen hätten, inzwischen Kinder hätten.

So wie Lanier. Trotz aller Vorbehalte wird seine Tochter übrigens nicht technikfrei erzogen: "Sie hat ein Mobiltelefon und einen Computer. Wir wollen, dass sie lernt, mit diesem gigantischen Haufen aus Bullshit umzugehen."

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tim
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