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Meinung

Nationalspieler im Shitstorm: Warum die Aufregung um Instagram-Likes von Gündogan und Can völlig überzogen ist

Bei der Nationalmannschaft herrscht mal wieder Diskussionsbedarf außerhalb des Platzes: Fast anderthalb Jahre nach der Affäre um sein Erdogan-Foto steht Ilkay Gündogan mal wieder in der Kritik. Die ist diesmal aber reichlich überzogen.

Die Twitter-User diskutieren über die Likes von Gündogan und Can

Wer heutzutage in den sozialen Medien Likes verteilt, sollte sich das genau überlegen, denn schnell können Rückschlüsse auf, zum Beispiel, die politische Gesinnung gezogen werden. Wer in der Öffentlichkeit steht, muss das wissen. Und jemand wie Ilkay Gündogan, der im vergangenen Jahr mit Mesut Özil im Zentrum der Empörung um das gemeinsame Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stand, sowieso.

Trotzdem ist der aktuelle Wirbel um den Nationalspieler reichlich übertrieben und in aufgeheizten Zeiten wie diesen auch kontraproduktiv. Gündogan hatte vor dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Estland (3:0), ebenso wie sein türkischstämmiger Teamkollege Emre Can, das Foto seines alten Kumpels Cenk Tosun bei Instagram geliked. Das Bild zeigt den früheren deutschen U-Nationalspieler beim Militärgruß nach seinem Siegtor für die Türkei gegen Albanien:

Die Reaktionen im Netz, aber auch in der Presse, ließen nicht lange auf sich warten: Gündogan habe nichts aus dem Erdogan-Eklat gelernt, so der Tenor, er agiere zu naiv. Oder noch ein bisschen populistischer wie in diesem Kommentar der "Welt": "Vielleicht sollte der DFB überlegen, ob er einen Spieler in seinen Reihen haben möchte, der mit unseren Werten nicht viel anfangen kann."

Da ist er wieder, der Reflex: Darf SO EINER allen Ernstes noch für Deutschland spielen? Es ist in zweierlei Hinsicht die falsche Frage. Erstens sportlich, denn da ist der Premier-League-Profi von Manchester City unverzichtbar, zweitens aber auch moralisch: Wir blicken in Deutschland gerne wie Oberlehrer auf den Rest der Welt und wollen allen die Demokratie erklären, halten in letzter Zeit aber kaum noch andere Meinungen und Haltungen aus. Wir könnten diskutieren, aber wir verteufeln lieber.

Ilkay Gündogan: "Es ist krass"

"Es ist krass, woraus heutzutage Geschichten geschrieben werden", verteidigte Gündogan sich später, es sei kein politisches Statement gewesen und er habe nur seinem Freund Tosun gratulieren wollen.

Angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien ist das naiv. Und trotzdem liegt Gündogan, der sein Like ebenso wie Can inzwischen zurückgezogen hat, richtig mit seiner Kritik. Wer in Zusammenhang mit einem Like ernsthaft die Frage stellt, ob diese Spieler noch tragbar sind für die deutsche Nationalmannschaft, befeuert bloß bestehende Ressentiments, die stattdessen besser bekämpft werden sollten, solange Fremdenfeindlichkeit in manchen Teilen der Gesellschaft immer salonfähiger wird.

Und abgesehen davon schießen sich die medialen Meinungsmacher mit ihrer Schnappatmung ins eigene Knie: Immer wieder wird der Mangel an Fußballern, die auch nur irgendwas zu sagen haben, beklagt. Aber wenn sich doch mal einer regt, und sei es nur per Like, wird er an den Pranger gestellt, wenn seine Meinung nicht unserem Weltbild entspricht. Darüber sollten wir mal nachdenken, so wie Gündogan ein bisschen besser über sein Like hätte nachdenken sollen.