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Meinung

DFB-Sorgenkind: Lieblingsopfer von Fans und der AfD: Darum ist das Özil-Bashing problematisch

Seine Körpersprache ist schlecht, in wichtigen Spielen taucht er gerne unter: Es gibt gute Gründe für Kritik an Mesut Özils sportlicher Leistung. Nur leider spielen diese Gründe beim übertriebenen Bashing des deutschen Nationalspielers immer seltener eine Rolle.

Mesut Özil

Mesut Özil mutet für Ex-Profi Mario Basler im Nationaltrikot an "wie ein toter Frosch"

Mesut Özil war schon immer ein schwieriger Fall. Seit neun Jahren und 90 Länderspielen spaltet er mit seinen Leistungen als deutscher Nationalspieler zuverlässig das Fußballvolk. Dafür gibt es sportliche Gründe: Seine Körpersprache ist schlecht, in wichtigen Spielen taucht er gerne unter, er macht schlicht zu wenig aus seinem unglaublichen Potenzial.

Dafür gibt es aber auch andere Gründe, die in den letzten Wochen und speziell seit dem vergeigten WM-Auftaktspiel der DFB-Elf so hemmungslos zutage treten wie nie zuvor. Sie sind vor allem die Reaktion auf das Foto mit Erdogan, das grassierende Ressentiments von rechts nur zu einfach bedient hat. Aber nicht erst seitdem geht es bei den Diskussionen über Özil immer häufiger um seine Herkunft und seine Bereitschaft, "alles" für Deutschland zu geben.

AfD: "Teamgeist mit Özil funktioniert nicht"

Das hat natürlich auch die AfD aufhorchen lassen. "Teamgeist mit Özil und Gündogan funktioniert in der deutschen Mannschaft nicht, denn wer nur mit halbem Herzen dabei ist, der kann auch nicht den notwendigen Kampfgeist aufbringen", erklärte der sportpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Jörn König, nach dem Mexiko-Spiel allen Ernstes. "Es gibt Nationalspieler, die stolz auf unser Land sind - Özil und Gündogan sollten zwei Plätze in der Nationalmannschaft freimachen für Spieler, die nicht dem türkischen Präsidenten mehr huldigen als dem deutschen Heimatland." 

König schlägt in die gleiche Kerbe wie viele Hetzer im Netz. Das erinnert an die Hymnendebatte, die seit Jahren schwelt und für die Özil nicht alleine steht, aber trotzdem wie kein Zweiter: Warum will er denn bloß nicht mitsingen? Diskutiert wurde darüber bereits in Zeiten, als die multikulturelle Aufstellung der DFB-Elf für ihre integrative Strahlkraft gefeiert wurde. Inzwischen hat sich die Stimmung im Land gewandelt, mit Multikulti ist für die besorgten Bürger im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat mehr zu machen.

Nur die Kritik an Özil ist geblieben. Die Intensität der aktuellen Kampagne ist allerdings so beispiellos wie bedenklich, weil sie eben nicht vorrangig auf sportlicher Leistung basiert. Das macht das Bashing so problematisch. Gegen Mexiko gab es ein halbes Dutzend Spieler, die mindestens so indisponiert über den Platz trabten wie der 29-Jährige. Aber statt Kroos oder Müller nehmen sich die Fans in den sozialen Medien mit Vorliebe ihr Lieblingsopfer Özil zur Brust - in der Regel natürlich in einem Tonfall, der nicht zitierfähig ist.

Hinzu kommen peinliche Ex-Profifußballer, die sich in ihrer geballten Geistesschlichtheit zurzeit ebenfalls öffentlich auf Özil einschießen: Lothar Matthäus mutmaßte in der "Bild"-Zeitung" (wo sonst?) in gewohnt tiefenpsychologischer Manier, dass Özil sich womöglich nicht wohl fühle im deutschen Trikot und legte dem Gescholtenen deshalb indirekt den Rücktritt nahe. Basler wurde in der TV-Sendung "Hart aber fair" lieber gleich beleidigend, sagte wörtlich: "Özil dem seine Körpersprache ist die von einem toten Frosch. Als Mittelspieler sollst du auch mal einen Zweikampf gewinnen." Satzbau und Formulierung wollen wir einem intellektuell herausgeforderten Fall wie ihm an dieser Stelle ausnahmsweise nachsehen.

Natürlich hat Mesut Özil die Vorbehalte gegen ihn immer auch dadurch befeuert, dass er Mikrofone scheut und in den Medien nicht den nassforschen Selbstdarsteller gibt wie beispielsweise Mats Hummels. Und mit seiner lethargischen Körpersprache stellt er die Geduld der rustikalen Fans ohnehin allzu oft auf die Probe. 

Mesut Özil: Ist das Kunst oder kann das weg?

Özil war in seiner Karriere der Lieblingsspieler von Welttrainern wie José Mourinho, Arsène Wenger oder Jogi Löw - aber der Fan am Stammtisch hat wenig Gespür für die Qualitäten des Mittelfelddirigenten. Auf sie wirkt er wie ein Kunstwerk im Museum, das sie mit verständnisloser Miene anglotzen und dabei murmeln: "Das kann ich auch." Für sie ist Özils Spiel eben nicht Kunst, für sie kann das weg. Lieber feiern sie eine gute Grätsche oder eine Platzwunde am Kopf. Oder sie bejubeln die Dummprolls unter den Ex-Profis für ihre populistischen Kommentare zum Status quo des deutschen Fußballs im Allgemeinen und Özil im Speziellen.

Aber unabhängig davon, dass Özil sportlich oft zu Recht in der Kritik steht: Fans und AfDler machen es sich aus den oben genannten Gründen allzu einfach, immer reflexartig auf ihn draufzuhauen. Vor einigen Jahren gab es schon einmal eine Debatte darüber, dass Fußballer auch nur Menschen seien und Kritik immer sachlich erfolgen solle. Mesut Özil ist längst die Symbolfigur dafür, wie scheinheilig diese Debatte wirklich war.

Eine Kombo zeigt llinks Joachim Löw mit einer Espresso-Tasse am Mund und rechts Ägyptens Stürmer Mohamed Salah beim Training