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Guide für Männer: "How to be a Man" – das "Playboy"-Handbuch für den Mann von gestern

In der deutschen Sonderausgabe des Männermagazins "Playboy" soll der moderne Gentleman lernen, wie man sich in Zeiten von "MeToo" verhält. Eine Nicht-Leseempfehlung.

Jason Statham auf Cover

Für 8,90 Euro bekommt man "How to be a Man" in deutschen Zeitungsgeschäften. Die Sonderausgabe will Männlichkeit in Zeiten von Debatten um Geschlechterbilder und Sexismus erklären.

Ich habe mir diese Woche meinen ersten "Playboy" gekauft – um zu lernen, wie man ein richtiger Mann wird. Oder etwas realistischer gesprochen: Um zu sehen, was Männer bewegt. Denn der deutsche "Playboy", für viele immer noch Inbegriff des männlichen Lifestyles, will mit der Sonderausgabe "How to be a man" nach eigenen Angaben einen "Guide" für den modernen "Gentleman" bieten. Also eine Instanz schaffen, die dem modernen, reflektierten Mann eine Orientierung bieten und Antworten geben soll, was ein Mann heute können, machen, haben und wissen muss.

Ein hehres und wichtiges Anliegen in Zeiten, in denen Geschlechterrollen, Sexismus, Feminismus und Männlichkeit viel und neu diskutiert werden. Und die Chance für ein Magazin, dem ein patriarchalisches Images anheftet, nicht nur seine Leser zu überraschen, sondern auch Einfluss in der aktuellen Debatte zu nehmen. Doch schon das Vorwort lässt daran zweifeln –  oder um es mit den Worten des Chefredakteurs Florian Boitin zu sagen: "Wir möchten Ihnen, lieber Leser, mit diesem Heft eine Idee davon geben, was Mannsein bedeutet. Männlichkeit in Zeiten, die geprägt sind von ausufernden MeToo-Debatten (...). In denen der Mann an sich unter Generalverdacht steht."

Der moderne Konsument

In diesen Zeiten der vermeintlichen Unsicherheit über das, was man sagen darf und wie man sich verhalten soll, will der "Playboy" also Abhilfe schaffen. Die Antwort darauf liest sich wie eine kapitalistische Version von "100 Dinge, die du als Mann getan haben musst" oder einer dieser Ratgeber, die man an dem ungeliebten neuen Freund der Kindergartenfreundin verschenkt. Laut "How to be a Man" hat der moderne Mann von heute Geld, macht Geld und definiert sich über seine Uhren, seinen Gin, seinen Whiskey, seine Uhren, seine Lederstiefeln, sein Taschenmesser und, ach ja, seine Uhren. Und die ganz Gewieften unter den Männern können mit diesen tollen Dingen auch noch mehr Geld verdienen.

Der Mann kann hier ganz Stereotyp sein: Er überlebt lieber allein auf einer einsamen Insel, bereist allein die Welt und rettet allein die Ozeane. Themen wie Magersucht unter Männern, Depressionen, Gewalt oder gar Homosexualität finden nicht statt; ebenso die MeToo-Debatte – wenn man von ihrer Funktion als Aufhänger im Vorwort des Magazins absieht. Lieber berichten Männer über Oldtimer, Bierbrauen und Uhren aus recyceltem Plastik. Symbolisch dafür steht  zum Beispiel ein Text unter dem Titel "Mit Verlusten umgehen": Er widmet sich dem Thema Haarausfall und bietet fünf Wege "aus der Glatzenkrise". Immerhin: Der Schauspieler Jürgen Vogel darf in einem Statement zum modernen Mann auf die Verantwortung aller Väter hinweisen, die auch mit Wickeln und Füttern einhergehe.

Uhren und Oldtimer statt MeToo 

Familie scheint ansonsten kein Aspekt zu sein, der für den modernen Mann eine große Rolle spielt. Frauen finden in diesem Heft vor allem als Beiwerk statt: Wenn sie nicht für Uhren oder Parfüm werben, dann zieren sie die wenigen Seiten, die sich Sex-Themen widmen. Außerdem darf Sharon Stone im tief aufgeknüpften Blazer etwas zu Männlichkeit sagen und die Freundin von Titel-Held und Schauspieler Jason Statham, Model Rosie Huntington-Whiteley, erscheint in der Unterwäsche ihres Arbeitgebers "Victoria’s Secret". Fast verzweifelt sind die größtenteils männlichen Autoren zudem bemüht, die weibliche Perspektive einzubringen. So weiß Flirt-Experte Stefan Verra auch etwas über Frauen zu sagen. Sie schauen "ihren persönlichen George Clooney" eher "aus dem Augenwinkel an". "Auch ein Erbe aus der Steinzeit", so der Experte.

Des Weiteren erfährt der Leser unter dem Bild der Schauspielerin Scarlett Johansson, die in eine Seidendecke eingewickelt auf dem Bett liegt, dass auch Frauen Sex-Träume haben – nämlich am häufigsten von Schauspielkollege Channing Tatum. Dessen perfektes Aussehen kann sich aber scheinbar jeder Leser ohne Bild vorstellen.

Wenig Sex und viel innere Werte

Das klassische "Playboy"-Schmuddel-Image von Sex und nackter Haut versucht das Magazin in seinem Ratgeber dringlichst zu vermeiden. Ein Thema mit dem sich der moderne, aufgeklärte Mann doch eigentlich bewusst auseinander setzen sollte. Stattdessen gibt es einen Artikel über Orgasmen, der schon nach den ersten Zeilen einfach nur abtörnt: "L. beispielsweise, eine heißblütige Südländerin, war so sensibel, dass sie beim Autofahren auf jeder Bodenwelle zum Höhepunkt kam. Ihre Lieblingsstrecke war die Brennerautobahn abwärts nach Bozen, dort gibt es eine Buckelpiste, die L. trotz guter Kondition an die Grenzen ihrer Kapazität brachten. Stöhnend und jauchzend unten angekommen, brauchte sie in der erstbesten Raststätte unverzüglich ein Kaltgetränk und frische Unterwäsche." Wer kennt es nicht. 

Das Dilemma des "Gentelmen's Guide" fasst schließlich eine Doppelseite am Ende des Magazins gut zusammen: "10 Bücher, die Sie kennen sollten. Denn nichts steht einem Mann so gut wie Geist." Der Versuch, auch noch innere Werte zwischen Uhren, Möbeln und selbstbezogener Männlichkeit unterzubringen, ist Sinnbild für die verpasste Chance dieses Heftes: Denn moderne Männer lesen hier Klassiker, über Männer (Homo Faber, der Fänger im Roggen, Herr der Ringe), von Männern, aufgeschrieben von einem Mann.

How to be (hu)man

Was ich aus diesem "Playboy" gelernt habe? Die einzige neue Perspektive, die dieser Guide seinem Leser anbieten kann, ist, dass am Besten alles beim Alten bleibt. Der traditionelle "Playboy"-Mann kann alles, hat alles, macht alles – und weiß offenbar auch schon alles. Statt sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen, wirkt der Rückzug ins Altbewährte wie ein Schutzschild vor allem Neuen. Für alle Gentlemans und die, die es werden wollen: Investiert die zehn Euro lieber in gute Getränke und eine Diskussion mit euren Freundinnen und Freunden über "How to be a (hu)man".