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Mercedes-Formel-1-Pilot: Der ewige Zweite: Warum Valtteri Bottas das Aschenputtel von Mexiko ist

Mag sein, dass Teamkollege Lewis Hamilton am Sonntag beim Großen Preis von Mexiko mal wieder als Erster über die Ziellinie rollte, aber das eigentliche Märchen schrieb Valtteri Bottas.

Valtteri Bottas und Lewis Hamilton auf dem Treppchen in Mexiko

Lewis Hamilton (links) wird auch in diesem Jahr Weltmeister werden, aber Teamkollege Bottas gebührt an diesem Wochenende der Respekt

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"Ich gebe niemals auf, niemals!" steht auf Valtteri Bottas' Website und wenn irgendwann einmal wahre Worte gesprochen wurden, dann diese. Wer es nicht besser weiß, könnte den Finnen für das unglückliche Stiefkind unter den Silberpfeilen halten, doch lohnt sich hier ein langer zweiter Blick. Denn während sein Teamkollege Lewis Hamilton gerade schnurstracks auf dem Weg zum sechsten Titel ist und erst am gestrigen Sonntag mit dem Formel-1-Equivalent einer Märchenkutsche – einem Aufzug in Richtung Podium – unter Gejubel zum Siegertreppchen gefahren wurde, hatte Valtteri Bottas ein fast beeindruckenderes Wochenende. Ja, kein Mensch versteht, wie Hamilton es schon wieder an die Spitze schaffte, nachdem die ganze Welt auf ein Duell zwischen Ferrari und Max Verstappen gesetzt hatte. Ja, die Reifenstrategie für Hamiltons Auto grenzte an einen Geniestreich. Aber "Bottas und der dritte Platz" war das eigentliche Märchen des diesjährigen Grand Prix von Mexiko.

Denn der 30-jährige Finne erlebte ein wahrlich actionreiches Rennwochenende. Während er beim freien Training noch ein paar Hundertstelsekunden schneller als sein Teamkollege unterwegs war, verließ ihn Fortuna am Samstag im Qualifying kurzzeitig – und zwar mit Effekt. Gegen Ende von Q3 prallte er gegen den Bordstein und rammte die Streckenabgrenzung so lange, bis das Auto schließlich auf die herausstehende Kante der Polystyrol-Pressplatten am Streckenrand traf. Ein Crash, der nicht nur gefährlich aussah. Während Bottas direkt auf die Nachfrage seines Renningenieurs antwortete, ob es ihm gut gehe, war an schwerem Atmen zu erkennen, dass der harte Aufprall ihm wortwörtlich den Atem geraubt hatte.

Valtteri Bottas mit gewohnter Ehrlichkeit – auch in Sachen eigener Fehler

Nachdem er das Streckenkrankenhaus mit Entwarnung wieder verlassen durfte, erklärte er im Interview mit seiner gewohnten Ehrlichkeit, auch in Sachen eigene Fehler: "Ich bin ein bisschen zu tief in die Kurve rein, dadurch hat das Auto untersteuert und ich bin weiter raus, als ich eigentlich wollte. Das war noch okay, aber weil die Strecke da dreckiger war, hatte ich keinen Grip mehr und bin in die Wand. […] Ich habe einen Fehler gemacht und was den Aufprall angeht: Meine Beine sind beim ersten Kontakt mit der Wand gegeneinander geprallt, weshalb ich die ersten fünf Minuten oder so mein rechtes Knie nicht spüren konnte, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung." Ah ja… Er sei optimistisch, dass das Auto wieder gekittet werden könne, ohne eine Strafversetzung zu riskieren.

Und tatsächlich: Obwohl der Wagen vermeintlich zerschreddert wurde, durfte Bottas am Sonntag von Platz 6 – der Startposition, die er sich mit den vorherigen Runden erfahren hatte – starten. Um es in Teamchef Toto Wolffs Worten zu sagen: "Ich bin immer wieder überrascht, wie etwas, was aussieht wie 1000 Legoteile auf dem Boden, am nächsten Tag Rennen fahren kann." Same, Toto, same.

Auch Aschenputtel ist irgendwann zum Ball gefahren

Wer jetzt allerdings glaubt, dass das die vorzeitige Weltmeisterschaftsentscheidung für Hamilton bedeutet hätte, könnte nicht falscher liegen. Denn ja, Hamilton brauchte 14 Punkte Vorsprung auf seinen Teamkollegen, um den Sack vorzeitig zuzumachen, aber nein, Bottas dachte gar nicht daran, ihm diese zu schenken und zeigte mit einigen waghalsigen Manövern und einer Aufholjagd bis Platz drei – und somit aufs Treppchen –, dass er wirklich niemals aufgibt. Und während eine Aufholjagd um drei Plätze vielleicht nicht besonders lang klingt, galt es dabei immerhin zwei Red Bulls und einen Ferrari erst zu überholen und dann hinter sich zu halten. Bottas nach dem Rennen: "Wenn man bedenkt, was gestern passiert ist, war es ein guter Tag und ein gutes Rennen von meiner Seite. Ich hatte einen schlechten Start von einer schlechten Position und habe mich trotzdem auf den dritten Platz gerettet." Amen.

Ja, Lewis Hamilton wird auch in diesem Jahr wieder Weltmeister werden. Ja, es scheint offensichtlich, dass Valtteri Bottas bei Mercedes immer die zweite, wenn auch sehr laute, Geige spielen wird – nicht umsonst ist "Valtteri, it's James" inzwischen zum geflügelten Wort geworden. Aber Lewis Hamilton sollte niemals vergessen, dass auch Aschenputtel irgendwann zum Ball gefahren ist. Oder, in Toto Wolffs Worten: "Ich finde es toll, zu sehen, wie selbstbewusst und gut er fährt. Er treibt Lewis hartnäckig voran und sie profitieren voneinander."