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Brexit-Debakel Haben sich die Briten das selbst eingebrockt? Ja. Geht es uns trotzdem was an? Absolut.


Die Brexit-Verhandlungen ähneln einer schlechten Soap. Jede Menge Drama und menschliche Abgründe, soweit das Auge reicht. Die Briten ihrem Schicksal zu überlassen, wäre aber nicht nur empathielos, sondern auch ziemlich kurzsichtig. 

Theresa May hat es wieder einmal nicht geschafft: Am Dienstag stimmten die Abgeordneten des Unterhauses im britischen Parlament auch gegen das zweite von der Premierministerin mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen. Damit ist klar: Die Gefahr, dass ein harter, ungeordneter Brexit kommen wird, ist gerade um ein Vielfaches gestiegen.

Aus gegebenem Anlass haben wir daher diesen Artikel aus dem Januar wieder an die Oberfläche befördert.

Es ist das Spannendste, was das britische Fernsehen seit Ende der Erfolgsserie "Downton Abbey" zu bieten hat: Brexit. Die Verhandlungen im britischen Parlament laufen auf Hochtouren und das ganze Land schaut zu – denn so viel Drama gibt es sonst eigentlich nirgendwo zu sehen. Was da im Unterhaus vor sich geht, wenn Politiker sich gefühlt beinahe an die Gurgel gehen und für reichlich Tumult sorgen, ist normalerweise schon lustig anzuschauen, hat aber in Zeiten von Brexit-Verhandlungen nochmal eine ganz andere Dringlichkeit bekommen.

Fünf Jahre habe ich in Großbritannien verbracht. Nicht nur in der Remain-Hauptstadt London gewohnt, in der eine Woche vor dem Referendum keiner auch nur ansatzweise glaubte, dass der Brexit eine Möglichkeit sei, sondern auch in kleineren Dörfern, umgeben von genau den Menschen, denen Farage und seine Jünger glauben machten, dass ein EU-Austritt alles ändern könnte.

Wenn Briten von "Europe" sprechen, meinen sie nicht zwangsläufig das gleiche

Und auch wenn jeder einzelne Brite, den ich kenne, schon lange vor den ersten Erwähnungen des Brexit gerne von "Europe" gesprochen hat, als wären sie kein Teil davon, heißt das jedoch nicht für alle das gleiche. Spricht mein bester Freund, der aus einer recht gut betuchten und sehr gebildeten Familie stammt und in einem wohlhabenden Städtchen Westen Englands aufgewachsen ist, von "Europe", dann meint er damit "Kontinental-Europa". Er meint "das Festland" und ist sich sehr im Klaren darüber, dass seine kleine Insel zwar durch Wasser vom Festland getrennt ist, dieses aber trotzdem dringend braucht. Dann weiß er, dass das, was Farage und Johnson da versprechen, nicht einfach für bare Münze genommen werden darf. Dass die EU mehr macht, als Regeln aufstellen und Geld nehmen. Dass nach einem Brexit nicht auf einmal alles besser wird.

Davon wollen die Bewohner des kleinen walisischen Dorfes, in der Nähe meiner alten Schule, im Zweifel nichts hören. Sie wünschen sich vor allem, dass mal mehr Geld in die ärztliche Versorgung gesteckt wird und sich jemand um die Straßen und die Schulen kümmert. Sie wohnen eine halbe Stunde Busfahrt von einer Stadt entfernt, die eine der höchsten Suizid- und Teenagerschwangerschaftsraten des Königreichs hat. Wo Einwanderung minimal und Arbeitslosigkeit hoch sind – und somit der perfekte Nährboden für rechtsorientierten Populismus gegeben ist.

Denn eigentlich ist es doch immer wieder das gleiche Problem – oder? Menschen fühlen sich benachteiligt und von der Politik nicht beachtet. Im Zweifel werden sie sogar benachteiligt und von der Politik weniger beachtet. Und dann kommt einer um die Ecke, der sie zu hören scheint. Der zu wissen scheint, wo es bei ihnen hakt. "Ihr wollt mehr Geld für das Krankensystem? Kein Problem!" oder "Ihr habt keine Jobs? Das liegt daran, dass so viele Italiener und Spanier zu uns kommen und hier einfach so arbeiten können. Das verbieten wir!" Schwupp. So schnell hat man große Teile der Nation auf seiner Seite. Nämlich genau die, die wir aus unserer Großstadtblase so gern ignorieren. Genau die, die im Zweifel auch Trump und die AfD wählen.

Das sagen junge Briten zum Brexit-Debakel

Gibt es einen Ausweg aus der Misere? Momentan sieht es nicht danach aus.

Das Schlimmste an der ganzen Sache: Genau das sind die Menschen, die im Zweifel jetzt den größten Schaden davon tragen werden, wenn es nicht bald einen vernünftigen Deal gibt. Denn dass all die Versprechen ganz großer Quatsch waren, wussten wir schon, als keine 12 Stunden nach Verkündung des Ergebnisses feststand, dass die Brexit-Treiber schlicht und ergreifend gelogen hatten. Und nun, zweieinhalb Jahre nach dem Referendum, gibt es immer noch keinen Plan. Und gefühlt keinen Ausweg aus der Misere. Ein zweites Referendum würde den Brexiteers zu verstehen geben, dass ihre Meinung tatsächlich nicht zählt. Ein harter Brexit dürfte die Wirtschaft in eine Krise stürzen, die vermutlich vor allem die kleinen Leute ausbaden würden. Zu viel Einsicht und Zugeständnisse der EU würden den Rechtspopulisten im Rest Europas wie Gauland, Wilders und Le Pen in die Hände spielen, die jetzt schon von Dexit, Nexit und Frexit faseln. Und die Menschen, die das ganze Debakel zu verschulden haben, haben sich zurückgezogen und anderen einen kaputten Handfeger und eine löchrige Schaufel in die Hand gedrückt, um ihren Scherbenhaufen aufzukehren.

Der Brexit geht uns alle an

Die Briten haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Sie haben kleine Teller neben dem Wasserkocher, auf denen benutzte Teebeutel gesammelt werden können, anstatt sie 20 cm weiter links in den Mülleimer zu werfen. Sie essen ihren Döner aus einer Box. Mit einer Gabel. Geht auch gar nicht anders, weil sie, anstatt das Fleisch und den Salat IN das Brot zu stecken, alles auf das Brot drauf legen. Sie würden niemals ohne hohe Schuhe ausgehen und frieren sich bei zwei Grad über Null lieber den Arsch ab, als eine Strumpfhose anzuziehen.

Aber genau dafür sollte man sie lieben. Und dafür, dass sie das Konzept von Hinsetzen in einer Bar einfach nicht verstehen und IMMER lieber an der Bar stehen. Und dafür, dass man an der Kasse mit einem freundlichen "Hiya Darlin'" und im Pub mit einem halb gemurmelten "Arrite' luv" begrüßt wird. Und weil Daydrinking im Sommer zum guten Ton gehört.

Momentan wäre es legitim zu finden, dass die Briten sich das selbst eingebrockt haben. Dass sie gucken sollen, wo sie bleiben. Aber der Brexit geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil ein Dexit im Zweifel schneller auf dem Tisch ist, als wir "Dackelkrawatte" sagen können. Wie gesagt, den Brexit hielt auch niemand für möglich. 

Irgendetwas muss passieren. Nur was das ist, darauf scheint niemand eine wirkliche Antwort zu haben. Und in sehr, sehr baldiger Zukunft könnte es zu spät sein.

Dieser Artikel erschien zuerst am 17. Januar 2019 und wurde nun in aktualisierter Version veröffentlicht.

Brexit-Debakel: Haben sich die Briten das selbst eingebrockt? Ja. Geht es uns trotzdem was an? Absolut.

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