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Kommentar

Debatte um Nationalspieler: Özil und Gündogan wegen Erdogan-Foto nicht zur WM? Seid ihr verrückt geworden?

Mesut Özil und Ilkay Gündogan posieren mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan - und ganz Deutschland ist empört. Die Debatte um das Bild wird von allen Seiten mit viel Scheinheiligkeit geführt.

Erdogan, Özil, Gündogan

Die Fußball-WM steht vor der Tür. Wem das bisher noch nicht aufgefallen ist, der hat es spätestens jetzt mitbekommen. Denn die Nationalspieler und Ilkay Gündogan haben sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen. Die öffentlichen Reaktionen auf die, vorsichtig formuliert, unglückliche PR-Aktion könnten schärfer kaum ausfallen - weder in den Kommentaren vieler Journalisten, noch in den sozialen Medien, noch von politischer Seite. Leider wird die Debatte um das Bild von allen Seiten mit verdammt viel Scheinheiligkeit geführt. 

Natürlich ist die politische Botschaft, die zwei Sportstars durch ein gemeinsames Foto mit einem derart umstrittenen Staatschef senden, äußerst fragwürdig. Der Aufschrei aber, der in diesen Stunden durch den Medienwald hallt, ist nicht weniger unreflektiert. Es gibt bereits eine Petition: "Gündogan und Özil nicht zur WM 2018" wurde binnen kürzester Zeit schon zehntausendfach online unterschrieben. Nicht nur ein paar wild gewordene Twitterer, sondern auch seriöse Journalisten stellen eine Nichtnominierung der beiden sportlich unumstrittenen Spieler für Jogi Löws Kader in den Raum - wenn sie diese nicht sogar geifernd fordern.

"Ziehen Sie unser Trikot nicht an!"

"Mit dabei sollten nur Spieler sein, die wissen, dass ihr Präsident in Berlin seinen Amtssitz hat", heißt es zum Beispiel in der "Rheinischen Post", "und nicht in Ankara." Die "Westdeutsche Zeitung" fragt noch lauter: "Jungs, wer hat Euch denn vor die Schüssel getreten?" Anschließend verweist der Kommentator aufs deutsche Grundgesetz und empfiehlt allen Ernstes: "Wenn Ihnen daran was nicht passt: Ziehen Sie unser Trikot nicht an."

Viele Beiträge schlagen in dieselbe Kerbe. Dabei greifen ähnliche Reflexe wie in der ebenso albernen Debatte um das Mitsingen der Hymne. Der Vorwurf, der dabei immer mehr oder minder unverhohlen mitschwingt: Aus Karrieregründen hätten sich diese Spieler mit ihrer doppelten Staatsbürgerschaft für die deutsche Mannschaft entschieden, aber mit der Identifikation würden sie es ja offenbar nicht so genau halten.

Das Erstaunliche: Diese Meinungen kommen mal wieder nicht nur von rechts außen, sondern von allen Seiten. Und immer wieder kochen sie kurz vor großen Turnieren hoch. Als ob wir alle plötzlich immer ganz besonders besorgt sind um unsere nationale Identität, je näher der Anpfiff rückt. Dabei ist es doch genau so, wie die "Schwäbische Zeitung" schreibt: "Der DFB und seine Nationalmannschaft stehen für ein buntes, offenes und demokratisches . Demokratie muss auch Dummheit aushalten."

Natürlich sollten Özil und Gündogan aber nicht so tun, als wüssten sie nicht, dass ihre Gesten Gewicht hätten. Sehr bewusst haben sie die Bilder schließlich nicht auf ihren Instagram-Kanälen gepostet. Und wenn Özil kürzlich in einem Interview bekannt hat, dass er sich nicht für Politik interessiere, ist ein Foto mit Erdogan natürlich noch fragwürdiger als ohnehin.

Mesut Özil, Ilkay Gündogan und die Vorbildfunktion

Aber vielleicht liegt genau in der Form, wie Fußballverbände und -vereine ihre Spieler so gerne vermarkten, schon seit langer Zeit der größte Fehler: Steinreiche Jungstars taugen einfach nicht als Vorbild, sie können dazu aufgrund ihres Alters und Lebenswandels überhaupt nicht in der Lage sein. Wohlgemerkt nicht als gesellschaftliches Vorbild, als sportliches schon.

Denn auf dem Fußballplatz können sich Kinder bei den Fähigkeiten von Özil oder Gündogan einiges abschauen. Weshalb es auf die Frage, ob Özil und Gündogan mit nach Russland fahren sollten, nur eine Gegenfrage geben kann: Seid ihr verrückt geworden? Oder besser: "Jungs, wer hat Euch denn vor die Schüssel getreten?"

Wenn euch interessiert, wie das Netz über Gündogan und Özil denkt, schaut euch in dieses Video an:

Erdogan, Özil, Gündogan