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Interview

Riskante Rettungsaktion: Ein Psychologe erklärt, warum viele das Höhlendrama in Thailand so bewegt

Seit Tagen dominiert das Höhlendrama in Thailand die deutsche Medienlandschaft. Warum nimmt das Schicksal der Jungen so mit – und andere Vorfälle dagegen weniger? Interview mit einem Psychologen.

Indische Schulkinder halten Fotos der eingeschlossenen Jungs in Thailand hoch

Schulkinder halten während eines Gebets Fotos der eingeschlossenen Jungs in Thailand hoch

AFP

Seit Wochen bewegt der Überlebenskampf der zwölf in einer thailändischen Höhle eingeschlossenen Jungen und ihres Trainers. Weltweit wird mit Livetickern und Eilmeldungen über die riskante Rettungsaktion berichtet. Nun diskutieren Journalisten und Medienmacher, ob das Ereignis in Thailand zu viel Aufmerksamkeit bekommt. Der Mediendienst "Meedia" hat dazu gerade einen Artikel mit dem Titel: "Medienmacher diskutieren Doppelmoral bei Thailand-Rettung: 'Warum interessieren zwölf Jugendliche mehr als tausende Ertrunkene?'" veröffentlicht. Bekommen bestimmte Leidsituationen wirklich mehr Aufmerksamkeit als andere? Und was beeinflusst unser Mitgefühl? Wir haben einen Psychologen gefragt.

Philipp Kanske

Philipp Kanske ist seit 2017 Professor für Klinische Psychologie und Behavioriale Neurowissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Erforschen von Mechanismen, die soziales Verhalten begründen.


NEON: In werden gerade mehrere in einer Höhle eingesperrte Jungs gerettet. Warum bewegt das Leid der Kinder so?

Philipp Kanske: Das hat mit dem menschlichen Gehirn und den Mechanismen, wie unser Gehirn Schmerzen, Traurigkeit und Leid – auch von anderen Menschen – verarbeitet, zu tun. Das Gehirn verarbeitet Schmerzen oder Leid von anderen so ähnlich wie eigene Schmerzen, Traurigkeit oder Leid. Wir können das Leid anderer in gewisser Weise fühlen. Das ist das, was wir Empathie nennen. Und das ist eine relativ spontane Reaktion, die wir zeigen, wenn wir mit dem Leid anderer konfrontiert sind. Verletzt sich jemand anderes sehr schmerzhaft und wir sehen das, dann zuckt es manchmal in uns selbst. Das wäre so eine spontane Reaktion, die nicht nur bei körperlichen Schmerzen ausgelöst wird, sondern auch bei Leid und negativen Emotionen anderer.

Nun gibt es ja täglich Leidensgeschichten in den Nachrichten. Warum berühren nicht alle Geschichten mit der gleichen Intensität?

Wir können uns zwar spontan in andere einfühlen, aber das ist kein automatischer Prozess, der immer haargenau gleich abläuft. Das unterliegt bestimmten Einflussfaktoren. Das sind zum einen Prozesse, die mit unseren eigenen Eigenschaften zu tun haben – es gibt eine große Bandbreite, wie stark sich Menschen in andere einfühlen können. Eine Eigenschaft, die das mitbestimmt, ist zum Beispiel die Alexithymie beziehungsweise "Gefühlsblindheit". Je stärker die Alexithymie, desto weniger können wir uns in andere hinein fühlen. 

Darüber hinaus bestimmen auch die Eigenschaften der Notleidenden, ob wir mitfühlen. Dazu gehört beispielsweise die Gruppenzugehörigkeit. Wenn es sich um jemanden handelt, der unserer eigenen Gruppe zugehört, dann ist die emotionale Antwort auf das Leid der Person stärker. Wir empfinden also spontaner Empathie für diese Person. Gehört derjenige einer anderen Gruppe an, spüren wir das weniger stark. Gleiches gilt auch für Fairness. Verhält sich jemand unfair uns gegenüber, dann spüren wir, wenn die Person leidet, weniger Mitgefühl. Was an dem Fall der eingeschlossenen thailändischen Jungs besonders ist, ist dass es hier ganz konkret um eine bestimmte Gruppe von Menschen geht. Die Gruppe ist sichtbar und dadurch für uns besser erfassbar. 

Abstrakte Informationen kann unser Gehirn weniger gut verarbeiten

Abstrakte Informationen wie große Zahlen kann unser Gehirn dagegen weniger gut verarbeiten. In Thailand haben wir ganz konkretes Leiden einer ganz konkreten Gruppe. Entscheidend ist auch, dass die Gruppe unverschuldet in die Situation gekommen ist. Es handelt sich hier nicht um eine Gruppe, der wir unfaires Verhalten oder Rechtsbruch unterstellen. Faktoren, die ein Einfühlen verhindern, greifen hier nicht.

In den letzten sechs Monaten sind mehr als 1400 Menschen auf der Flucht im ertrunken. Der ganz große Aufschrei bleibt bislang aus. Warum?

Ein wichtiger Punkt ist, dass bei den Geflüchteten eine Gruppengrenze gezogen wird: ethnisch und religiös. Die Flüchtlinge, die nach Europa kommen wollen, gehören dann nicht zu "unserer Gruppe". Wir empfinden dann weniger Empathie für solche Personen. Außerdem wird ihnen – zumindest in Teilen der medialen Berichterstattung und im politischen Diskurs – unfaires Verhalten unterstellt. Ich nenne nur mal das Schlagwort "Asyltourismus". Den Geflüchteten wird ein Regelbruch unterstellt, der auf unsere Kosten geht. Dieses vermeintlich unfaire Verhalten führt auch dazu, dass weniger spontane Empathie empfunden wird. Diese beiden Faktoren greifen hier und die greifen weniger bei den Jungs in der Höhle in Thailand.

Das Gehirn liebt Bilder

Opferzahlen alleine bewegen also nicht. Aber das Bild des toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum ging um die Welt und hat viele bewegt. Braucht Mitgefühl solche Geschichten und Bilder?

Unser Gehirn hat Probleme mit großen Zahlen. Die werden schnell zu anonymen Statistiken. Schon dann, wenn wir versuchen, uns in zwei Menschen einzufühlen, gelingt das weniger gut, als wenn es sich um eine einzelne andere Person handelt. Wirklich mit einem Gefühl zu antworten, ist schwieriger, je mehr Menschen es sind. Ein Einzelschicksal ist für unser Gehirn viel besser als etwas Abstraktes. Emotionen beeinflussen auch sehr stark unsere Motivation zu helfen. Das Spendenverhalten hängt zum Beispiel ganz stark mit der Frage, ob wir mit jemandem mitfühlen, zusammen.

 

Und dann kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Das Gehirn liebt Bilder. Es reagiert besonders stark auf Bilder und kann sich Bilder viel besser merken als alle anderen Informationen. Wenn so ein ikonisches Bild wie das von dem toten Flüchtlingsjungen am Strand existiert, kann es regelrecht zu einem Symbol werden, weil es eben so einprägsam ist.

Ist die Fähigkeit, Empathie oder Mitgefühl zu empfinden, in der menschlichen DNA angelegt?

Wenn man untersuchen möchte, ob Eigenschaften erblich sind, wird das in der Regel an Zwillingen untersucht. Wenn sich eineiige Zwillinge in einer Eigenschaft stärker ähneln als zweieiige Zwillinge, dann liegt das sehr wahrscheinlich an der gemeinsamen genetischen Ausstattung. Und das ist bei Empathie und Mitgefühl tatsächlich der Fall. Eineiige Zwillinge ähneln sich darin stärker, wie sehr sie sich in andere Menschen einfühlen können, als zweieiige. Zum Teil ist Empathie also erblich bedingt.

Empfinden Männer und Frauen Mitgefühl unterschiedlich?

Grundsätzlich ist das nicht der Fall. Aber es gibt Studien, die nahelegen, dass Empathie bei Männern stärker variiert. Wenn man nach Faktoren frage, die Empathie beeinflussen können, dann haben die bei Männern einen größeren Einfluss. Zum Beispiel: Wenn jemand unfair handelt, dann fühlen Männer weniger Empathie für diese Person, wenn sie leidet, als Frauen. Frauen empfinden trotzdem Empathie mit der Person in dieser Situation.

Empathie ist vermutlich verlernbar

Kann man Empathie erlernen – oder sogar verlernen?

Empathie ist vermutlich tatsächlich verlern- oder reduzierbar. Ein Prozess der hier eine Rolle spielt ist "Dehuminization", also Entmenschlichung. Beispielsweise war das in Nazi-Deutschland zu beobachten. Da wurden gezielt Formulierung eingesetzt, die Juden das Menschsein absprachen, sie als Tiere bezeichneten. Damit reduziert sich die Empathie für diese Gruppen. Eine ähnliche Wortwahl gab es kürzlich auch bei Trump, der auch einige Gruppen von Immigranten aus Mexiko als Tiere bezeichnet hat. 

Andersherum gibt es auch Prozesse, die das Erlernen von Empathie ermöglichen. Es gibt zum Beispiel Meditationsverfahren, die speziell auf die Emotionen fokussieren. Eine Form wäre hier die "Mitgefühls-Meditation". Dazu gibt es ganz gute Daten, die belegen, dass sich das positive Gefühl gegenüber Menschen, die in Not sind, gesteigert werden kann und dies auch mit Veränderungen des Gehirns einhergeht.

Welche Faktoren führen dazu, dass eine Gesellschaft als Gesamtkonstrukt empathischer wird?

Das ist eine spannende Frage, die leider noch nicht gut erforscht ist. Es gibt aber ein paar Hinweise, die dahin deuten, dass, wenn wir selber unter Stress stehen, es uns weniger gut gelingt, sich in andere Menschen einzufühlen. Der Umkehrschluss wäre, dass, wenn es uns gut geht, wir stärker mit anderen mitfühlen. Außerdem spielt die Art, wie über die Notleidenden Gruppen gesprochen wird, eine große Rolle. Sobald das Narrativ in die Richtung "Da versucht uns jemand etwas wegzunehmen" geht, schwindet das Mitgefühl für diese Gruppe. Das sieht man hierzulande zum Beispiel auch an der Art, wie sich seit 2015 der gesellschaftliche Diskurs über Geflüchtete verändert hat.