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Interview

Blockierte Rettungsschiffe: "Sie nehmen in Kauf, dass Menschen sterben": Aktivist von Sea-Watch erhebt schwere Vorwürfe

Täglich sterben Menschen im Mittelmeer – immer noch. Während die EU über die Verteilung von Geflüchteten diskutiert, leisten Aktivisten weiter Seenothilfe. Doch seit einigen Tagen dürfen sie keine Rettungseinsätze mehr fahren.

Ein "Sea-Watch"-Mitarbeiter hilft einem Kleinkind im Mittelmeer

Mai 2018: Ein "Sea-Watch"-Mitarbeiter hilft einem Kleinkind auf dem Mittelmeer

Alleine in den letzten vier Tagen sollen nach Angaben der UN mehr als 200 Menschen bei der Überfahrt von Libyen nach Europa ertrunken sein. Seit Jahresbeginn sind es mehr als 1400. Weil er es nicht mehr ertragen konnte, jeden Tag aufs Neue Todesmeldungen zu hören, ohne etwas dagegen tun zu können, ist Simon Trebesius aktiv geworden. Für rund drei Wochen wollte der gelernte Schiffsmechaniker auf der "Sea-Watch 3" mitarbeiten. Es ist ein Schiff des Vereins Sea-Watch, der in Seenot geratene Geflüchtete im Mittelmeer rettet. 

Doch daraus wird vorerst nichts. Die Regierung Maltas hindert NGOs wie Lifeline Mission oder Sea-Watch aktuell an ihren Einsätzen. Die Schiffe dürfen Maltas Häfen nicht mehr verlassen.

Im Interview spricht Simon Tribesius über Frust, Anfeindungen von Rechten und seine persönliche Motivation.

"Sie nehmen in Kauf, dass Menschen sterben. Das kann ich nicht nachvollziehen."

Simon, ihr wollt Menschen auf dem Mittelmeer retten und sitzt stattdessen mit der "Sea-Watch 3" im Hafen von Malta fest. Was ist los?

"Die offizielle Begründung, die wir von der maltesischen Hafenbehörde hören, lautet: "Investigation Of Status" – Überprüfung des Status. Dafür gibt es keine rationale Erklärung. Das ist mir in meiner langjährigen Laufbahn als Schiffstechniker noch nicht untergekommen. "Investigation Of Status" ist auch nur eine leere Worthülse. Das ist kein festgelegter Begriff, der von Hafenbehörden zur Überprüfung von Schiffen angewandt wird. Das ist ganz klar politisch motiviert. Die Behörden Maltas wollen uns und andere NGOs, die die gleiche Arbeit wie wir machen, im Hafen behalten. 

Wer ist Schuld an der Situation?

Am Ende des Tages ist es ein europäisches Problem. Ganz klar. Es wäre nicht ausreichend, die Schuld alleine bei Malta zu suchen. Europa übt Druck auf Malta aus. Und trotzdem: Hier vor Ort und für uns konkret ist es aktuell die maltesische Hafenbehörde, die uns nicht weiterfahren lassen will.

Das macht mich traurig und wütend zur gleichen Zeit

In den letzten Tagen sollen mehr als 200 Personen – darunter Frauen und Kinder – im Mittelmeer ertrunken sein. Ihr konntet nicht helfen. Wie geht’s dir damit?

Das macht mich traurig und wütend zur gleichen Zeit. Traurig, weil unser Schiff "Sea-Watch 3" alle erforderlichen Zertifikate wie die Klassifikationszertifikate – eine Art "TÜV" für Schiffe – vorliegen hat. Wir sind voll ausgestattet mit allen möglichen Rettungsmitteln, um zu verhindern, dass Menschen im Mittelmeer sterben. Daran gehindert zu werden, unsere Rettungsmission durchzuführen, macht mich wütend. Und andererseits bin ich auf die Entscheidungen und die Personen, die diese Entscheidungen fällen, wütend. Diese Entscheidungsträger nehmen in Kauf, dass Menschen sterben. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Wie ist die Stimmung an Bord eures Schiffes?    

Die Stimmung ist natürlich gesunken. Alle sind enttäuscht, dass wir nicht auslaufen dürfen. Da ist auch eine Menge Frust und Wut dabei. Wir werden davon abgehalten, Seenotrettung zu leisten. Trotz der Situation unterstützen sich hier alle an Bord. 

Was mich aber auch beschäftigt, ist die Diskussion um das "Lifeline"-Schiff. Da wurden 234 Menschen in Seenot gerettet! Aber auf politischer und gesellschaftlicher Ebene begegnen uns Ablehnung und Hass. Als die "Lifeline" letztendlich einlaufen durfte, sind ein paar von unseren Crewmitgliedern auf einen Aufsichtspunkt gegangen, um zu sehen, wie das Schiff einfährt. Dort wurden sie von rechten Demonstranten angegriffen. Das wurde glücklicherweise schnell von der örtlichen Polizei unterbunden. Es wird einfach versucht, unsere wichtige Arbeit zu behindern. Da stellt sich mir die Frage: Was ist falsch daran, Menschen zu retten? Rechte Aktivisten haben vor wenigen Tagen auch eine Karte im Internet veröffentlicht, die zeigt, wo sich unser Schiff und die anderen Schiffe größerer NGOs befinden. Die wollen damit zeigen: "Da sind sie. Das sind die Leute, gegen die wir uns wehren müssen.'"

Wie gehst du mit Vorwürfen, ihr würdet mit eurer Arbeit indirekt Schleppern helfen, um? Was entgegnest du Kritikern?

Egal, auf welcher Seite der Debatte man steht, man sollte die Diskussion niemals auf dem Rücken der Geflüchteten austragen. Man kann dazu stehen, wie man will. Ob diese Menschen jetzt das Recht haben, nach Europa einzureisen, ist für mich eine ganz andere Frage. Kein Mensch, der nach einem Leben ohne Krieg und Verfolgung strebt, sollte dafür sterben müssen. Ich persönlich finde, dass keiner das Sterben von Menschen billigend in Kauf nehmen sollte, weil seine persönliche Meinung ist: "Die gehören hier nicht her". Dass wir Schleppern indirekt helfen würden, wurde übrigens jüngst in einer Studie der Universität London widerlegt. Unabhängig davon, ob Schiffe von Hilfsorganisationen sie aufnehmen oder nicht, Menschen versuchen das Mittelmeer zu überqueren.

Fühlt ihr euch als Spielball politischer Debatten?

Weil wir nicht auslaufen dürfen und weil das Teil einer Symbolpolitik ist, würde ich die Frage bejahen. Hier stehen ganz offensichtlich politische Interessen vor Menschenleben.

Was erwartest du von der deutschen Politik?

In unserem Fall erwarte ich von der deutschen und der europäischen Politik, dass sie ihre Verantwortung wahrnimmt. Einer meiner Kollegen läuft hier mit einem coolen T-Shirt durch die Gegend. Darauf steht: "EU, I'm doing your job". Wir sind hier, weil die EU ihre Verantwortung nicht wahr nimmt.