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Kommentar

"Lifeline": Schäm dich, Europa! Menschen in Not dürfen nicht zum Spielball der Politik werden

Hunderte Flüchtlinge sitzen auf dem Rettungsschiff "Lifeline" fest. Vor der Küste Europas geraten verzweifelte Menschen in Gefahr – und wir schauen zu. Als Europäer kann man sich dafür nur schämen. Ein Kommentar.

Ein Schlauchboot vor dem Rettungsschiff "Lifeline"

Was läuft schief in Europa, wenn Menschen tagelang auf See im Stich gelassen werden?

DPA

Wann hat Europa eigentlich begonnen, Menschen nur noch als Fracht, als Gefährdung, als Problem zu betrachten? Und warum sind in unserer aktuellen politischen Diskurskultur Diskussionen über Grundsatzfragen und das Setzen von öffentlichkeitswirksamen Zeichen wichtiger als das Wohl von Hunderten Menschen?

Seit Tagen wartet das von einer deutschen Hilfsorganisation betriebene Schiff "Lifeline" darauf, in einen EU-Hafen einlaufen zu können. Axel Steier, einer der Mitgründer der Seenotretter, sagte der Nachrichtenagentur AFP: "Europa guckt zu, wie die Leute auf dem Boot dahin vegetieren." Kapitän Claus-Peter Reisch fügte in einer Videobotschaft hinzu: "Es scheint, als ob die Weltpolitik auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen werden soll."

Captain Claus-Peter Reisch reports on the situation on board:

Gepostet von LIFELINE am Samstag, 23. Juni 2018

Rund 230 Migranten sitzen auf dem Schiff fest. Die Situation sei, sagt der Kapitän, stabil. Jedoch auf niedrigstem Niveau. Es herrschen katastrophale Zustände, auf dem Mittelmeer droht zudem schlechtes Wetter.

Vor unseren Augen könnten Menschen in Lebensgefahr geraten oder sterben, weil ein politischer Streit in der EU im Allgemeinen und zwischen CDU und CSU im Speziellen eine Lösungsfindung verhindert.

Eine Debatte ist notwendig, hilft aber nicht kurzfristig

Nun ist es zwar so, dass man mehrere gute Gründe erkennen kann, weshalb eine europaweite Debatte über eine gemeinsame Flüchtlingspolitik und die mögliche Aufnahme oder auch Abweisung der Menschen dringend notwendig ist. Und ja, es ist ein Problem, dass Hilfsorganisationen – bewusst oder unbewusst – zu Helfern von skrupellosen Schmugglern werden, weil Schleuserbanden mittlerweile auch ganz gezielt möglichst katastrophale Boote und Schiffe für die Überfahrt auswählen: in der Hoffnung, dass Retter den in Seenot geratenen Menschen anschließend den Zutritt nach Europa erleichtern. Und natürlich wäre es besser, mittel- bis langfristig die Ursachen zu bekämpfen, die dazu führen, dass Menschen die Flucht als letzten Ausweg betrachten.

Nur: All diese Erkenntnisse helfen den Menschen auf diesem Schiff nicht. Auch nicht den 17 deutschen Besatzungsmitgliedern an Bord.

"Solidarität ist immer noch ein verbreitetes Gefühl"

Ähnlich gestaltete sich die Situation des Containerschiffs "Alexander Maersk", das nach viel zu langer Wartezeit nun endlich in Italien anlegen konnte. "Wir werden diese Menschen mit der gleichen Menschlichkeit wie immer aufnehmen", sagte der Bürgermeister der Stadt Pozzallo, Roberto Ammatuna. "Heute ist ein wichtiger Tag, weil es sich (...) gezeigt hat, dass die Solidarität immer noch ein verbreitetes Gefühl ist."

Es ist eine Aussage, die wie ein schwacher Trost klingt, wenn man bedenkt, dass Menschen zum Spielball politischer Debatten geworden sind. Und dafür sollte sich ganz Europa schämen. Seit Jahrzehnten verschließen die Regierungen die Augen vor konstruktiven Lösungsansätzen, während westliche Großkonzerne in Asien und Afrika munter billig Ware produzieren lassen, die dann in Europa teuer konsumiert werden. Noch immer – oder: wieder – sind dabei nationale Egoismen wichtiger als ein zentraler Wert, den sich die EU eigentlich auf die Fahnen schreiben wollte: Solidarität.

Man kann in dieser Diskussion die ganz große Frage aufwerfen, ob die westliche Welt wirklich glaubt, die dauerhafte Phase von Stabilität und Frieden in Zeiten der nahezu vollständigen Gloablisierung aufrecht erhalten zu können, ohne endlich an echten Lösungen für die Krisenregionen der restlichen Welt zu arbeiten, die mehr sind als kurzfristige Notfallhilfen.

Es gibt aktuell wenig Gründe, sich als Europäer gut zu fühlen

Doch wichtiger und einfacher wäre es, kurzfristig eine Nummer kleiner, einfach menschlicher zu denken. Und zu erkennen, dass Debatten nie auf Kosten notleidender Menschen ausgetragen werden sollten. Wenn diese Einsicht nicht bald Einzug in die Politik erhält, gibt es aktuell wenig Gründe, sich als Europäer gut zu fühlen.

Anmerkung der Redaktion: Die "Lifeline" darf in Malta anlegen. Dies wurde einige Stunden nach Publikation dieses Kommentars bestätigt.