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Aus der Community

Selbstoptimierung: Wie das Bedürfnis nach Individualität uns alle gleich langweilig macht

Die Arme voll Tattoos, auf Youtube über Ernährung reden und spontane Aufnahmen der stylischen Wohnung posten. Wir alle streben danach, so individuell wie möglich zu sein und scheinen uns dabei selbst zu verlieren.

von NEON-Community-Mitglied "Eisbrecher"

Frau auf Stuhl

Ganz besonders beliebt: spontane Aufnahmen von einem stylischen Zimmer (Symbolbild)

Unsplash

Die meisten Leute sind so sehr damit beschäftigt, individuell zu wirken, dass sie sich selbst dabei völlig verlieren. Lisa Müller von nebenan hat sich neulich ein riesen Tattoo stechen lassen, jetzt ist sie plötzlich cool. Auch der Typ ein paar Häuser weiter, der inzwischen fast fünfzig ist, rennt plötzlich in Leder- und Latex-Kleidung herum. Die Mutter meiner Freundin, die nun endlich in ihrem verdienten Ruhestand ist, hat jetzt einen pinken Bob Haarschnitt. Klar, das sind alles nur Äußerlichkeiten. Eigentlich nicht erwähnenswert und auch nicht besonders dramatisch. Wenn da nicht diese Widersprüche wären: Wie von Geisterhand implantierte Gedanken und Handlungen, die so gar nichts mit dem früheren Menschen zu tun haben.

Ganz besonders beliebt: stylische Wohnungen fotografieren

Auch ich youtube jetzt und gebe Ernährungstipps. Von meinem Hintergrund aus Maggigewürz und Tütensuppen lasse ich mich dabei nicht beirren. Noch viel beliebter: stylische Wohnungen fotografieren. Da wird die Kuscheldecke lässig über die Lehne drapiert und stundenlang eine Torte gebacken und verziert – rein zufällig steht dann alles mit einem Kaffee auf dem Tisch. Schnell werden noch ein paar Schnittblumen in den Hintergrund gestellt und - Knips!  - ein angeblicher Schnappschuss der Wohnung. Die Bildunterschrift lautet meistens: "Heute Morgen ganz spontan fotografiert, verzeiht die Unordnung."

Aus Normalität wird heute ein Affentanz gemacht

Von außen betrachtet scheint es amüsant. Von Individualität ist es in meinen Augen jedoch meilenweit entfernt. Eine Einrichtung sieht der anderen zum Verwechseln ähnlich. Um ganz genau zu sein sieht nämlich alles aus, wie aus dem Katalog. Schön ist es, keine Frage. Doch nicht nur mir gefällt das, sondern vielen – sehr, sehr vielen. Mich beschleicht das Gefühl, dass aus den normalsten Dingen der Welt mittlerweile ein Affentanz gemacht wird. Wie drücke ich einen Pickel aus? Da findet sich bestimmt ein Tutorial im Internet zu. Leute fotografieren ihre Fenster. Denn ja, sie freuen sich, sie geputzt zu haben und lassen jeden daran teilhaben. Echt jetzt?! 

Wenn das wenigsten noch etwas Künstlerisches hätte. Irgendeinen Nutzen, irgendeine eine visuelle Botschaft. Sicher gibt es schon viele solcher Texte, doch die Frage bleibt: Was ist schlimm daran, 0815 zu sein? Ich bin gerne mal langweilig und finde es anstrengend, anders sein zu wollen. Wenn ich auf Fleisch verzichte, wenn ich Geld spende, wenn ich etwas für die Umwelt tue, wenn ich einer Oma über die Straße helfe, dann mache ich das, weil ich denke, dass es etwas Gutes ist. Ich mache es aber garantiert nicht, weil ich damit angeben will, was für ein besonderer Mensch ich bin. 

Der ganze Selbstoptimierungskram artet teilweise so sehr in Stress aus, dass ich mich frage, ob wir noch von einem optimalen Selbst sprechen können? Inwiefern es dabei noch um Selbstverwirklichung geht. Ist es nicht viel eher ein "wie schaffe ich es, mehr anders und toller zu sein als du?" 

Entweder dafür oder dagegen – das ist doch albern  

Auch ich dachte mal an ein Tattoo. Ich hab aber keins, weil auch ich es bin, die nicht ein Leben lang dasselbe Bild an einer Wand angucken mag. Das ist jedoch nur meine persönliche Meinung. Was andere Leute auf ihrer Haut tragen ist, in ihrer Freizeit machen und wie sie ihre Wohnung gestalten, ist mir wurscht. Ich möchte es nur nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen. Es findet kein wirklicher Dialog statt: Entweder ich bin dafür oder dagegen – das ist doch albern. Ich möchte mir einfach nicht eine Meinung überstülpen lassen, denn ganz gewiss ist nicht immer nur alles schwarz oder weiß. In den Zwischentönen, unter den drapierten Decken der Leute, gibt es weitaus mehr zu entdecken.

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gho
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?