Unesco prangert mangelnde Bildungsgerechtigkeit in Deutschland an

Unesco-Gebäude in Paris
Unesco-Gebäude in Paris
© AFP
Deutschland liegt bei der Bildungsgerechtigkeit hinter anderen europäischen Staaten zurück. "Fast vier von fünf Kindern aus wohlhabenden Haushalten, aber weniger als eines von drei Kindern aus benachteiligten Haushalten erhalten eine Gymnasial-Empfehlung", heißt es im am Mittwoch veröffentlichten Weltbildungsbericht der Unesco. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund seien in der beruflichen Ausbildung überrepräsentiert. Der Bericht erkennt an, dass "jüngere Reformen in Deutschland das Ziel verfolgten, benachteiligte Gruppen besser zu unterstützen". 

Im Vergleich zu anderen Ländern verteile Deutschland Schülerinnen und Schüler "deutlich früher" auf verschiedene Schulformen, nämlich im Alter von etwa zehn Jahren. "Die Entscheidungen werden stark vom sozio-ökonomischen Status der Eltern beeinflusst", betonen die Autoren des Berichts. Selbst wenn sie eine Gymnasial-Empfehlung erhalten, entscheiden sich 17 Prozent der Kinder aus benachteiligten Familien gegen den Besuch eines Gymnasiums. 

Im Jahr 2022 entschied sich mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler aus Familien mit geringem Einkommen für eine Haupt- oder Realschule. Umgekehrt besuchten 68 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus wohlhabenderen Familien ein Gymnasium. 

Bei gleicher Leistung wechselten Kinder aus privilegierten Familien häufiger nachträglich auf ein Gymnasium als Kinder aus ärmeren Familien.

Eine besonders betroffene Gruppe sind laut dem Unesco-Bericht Menschen mit Migrationshintergrund. Die Bildungsverläufe von Zugewanderten werden demnach stark vom Alter bei ihrer Ankunft in Deutschland geprägt. Von denjenigen, die vor dem sechsten Lebensjahr eingewandert sind, schafft etwa die Hälfte einen Berufsabschluss oder das Abitur. Bei denen, die bei ihrer Ankunft in Deutschland zwischen 14 und 18 Jahre alt waren, sind es nur noch 38 Prozent. 

Im europäischen Vergleich  lag der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Deutschland mit Abitur unter dem Durchschnitt: 2024 erreichten etwa 76 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland einen Abschluss, der sie für eine Universität qualifiziert. Dies sind etwa neun Punkte weniger als der EU-Durchschnitt. 2002 hatte Deutschland nur vier Punkte unter dem EU-Durchschnitt gelegen. 

Weltweit stieg nach Angaben der Unesco die Zahl der Kinder und Jugendlichen ohne Zugang zu Bildung im siebten Jahr in Folge weiter an. Sie liege inzwischen bei 273 Millionen. Weltweit sei jedes sechste Kind von Bildung ausgeschlossen. Nur zwei von drei Jugendlichen erreichten einen Sekundarschul-Abschluss. Hauptgründe dafür seien das Bevölkerungswachstum, Krisen und sinkende Bildungsetats.

"Der neue Unesco-Weltbildungsbericht ist ein Weckruf", erklärte die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer. Es sei entscheidend, Benachteiligungen früh abzubauen und öffentliche Mittel so einzusetzen, "dass sie dort ankommen, wo der Unterstützungsbedarf am größten ist". Sie verwies auf das Startchancen-Programm, das Schulen mit besonderen Herausforderungen unterstütze.

Besonders dramatisch sei die Situation in Konfliktregionen, heißt es in dem Unesco-Bericht weiter. Jedes sechste Kind weltweit sei davon betroffen. Millionen von Kindern könnten wegen anhaltender Konflikte keine Schule besuchen, ohne dass dies in offiziellen Statistiken erfasst werde. 

Der Zugang zu Bildung wurde 1948 als Menschenrecht festgeschrieben. Die Unesco zählt die Förderung von Bildung, wissenschaftlicher Zusammenarbeit und kulturellem Verständnis zu ihren Aufgaben. Sie führt zudem Listen des Weltkultur- und Naturerbes.

AFP