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Die Kinderarztkolumne: Was hat das Kind?: Von einem Mädchen, das Riesen sah

Hier erzählen Kinderärzte von ihren spannendsten Fällen – wie dem des kleinen Mädchens, das immer wieder starke Kopfschmerzen und Halluzinationen und schlussendlich große Ähnlichkeit mit einem weltbekannten Geschichtenerzähler hatte.

Kleines Mädchen sitzt verängstigt auf dem Boden

Wenn Kinder seltene Symptome aufweisen, kann das zunächst für alle Beteiligten eine beängstigende Situation sein (Symbolbild)

Getty Images

Nichts ließ zunächst an eine ungewöhnliche Erkrankung denken, als jenes neunjährige Mädchen an einem Wintertag in die Notfallambulanz des St.-Lucas-Andreas-Krankenhauses in Amsterdam kam. Mit kluger und ernster Miene berichtete mir die Patientin, dass sie nach dem Gymnastikunterricht in der Schule plötzlich unter Kopfschmerzen gelitten habe. Sie hatte einen Moment lang nur unsicher gehen können und stark beschleunigt geatmet. Als das Mädchen mit seinen Eltern bei uns in der Klinik eintraf, waren sämtliche Symptome bereits wieder verschwunden.

Die körperliche Untersuchung ergab keine Anzeichen für ein Leiden. Auch in der Familie waren keine vergleichbaren Symptome aufgetreten. Ich vermutete, dass die beschleunigte Atmung zu den Beschwerden geführt hatte, als Folge der körperlichen Anstrengung. Und schickte das Mädchen samt Eltern nach Hause – mit der Bitte, sich erneut bei uns vorzustellen, falls die Beschwerden wieder auftauchen sollten.

Zwei Wochen später kam die Patientin wieder. Diesmal berichtete sie, dass sie seit jenem Tag immer wieder unter Kopfschmerzattacken leide – und während dieser Attacken merkwürdige Visionen habe. Ich betrachtete das zierliche Mädchen mit den langen, dunklen Haaren genau. Nein, die Patientin machte nicht den Eindruck, dass sie mit ihrer kindlichen Fantasie seltsame Symptome erfand. Im Gegenteil: Sie wirkte stark verängstigt. Daher beschloss ich, sie in unsere Kinderklinik aufzunehmen.

Sie rief "Nein, lass mich! Nein!"

Vier Tage lang beobachteten wir sie. Und wurden Zeugen äußerst merkwürdiger Attacken, die immer ähnlich abliefen: Die Augen des Mädchens richteten sich plötzlich neben oder über die anwesenden Personen; ein Blickkontakt war in diesen Momenten nicht herzustellen. Oft hielt sich die Patientin die Hände vor die Augen oder über den Kopf, wie um sich vor etwas zu schützen. Sie wirkte verstört und rief: "Nein, lass mich! Nein!" Nach maximal fünf Minuten kam sie wieder zu sich. Und berichtete mir, dass während der Attacken alle anwesenden Personen riesenhaft in die Höhe oder Breite wuchsen und oft abstruse Formen annahmen. 

In vier Tagen traten fünf solcher Attacken auf. Litt das Kind an einer Psychose? Ich zweifelte. Nach den Anfällen war das Mädchen völlig klar im Kopf, konnte seine Visionen sogar zeichnen. Ratlos bat ich einen Neurologen, sich die Patientin anzusehen. Der Kollege kam zu dem Schluss, dass sie an Migräne litt. Solche Visionen kommen – wenn auch nur selten – bei dieser Erkrankung vor. Das erschien mir schlüssig, denn die Tante des Mädchens hatte ebenfalls Migräne. Also begannen wir eine Therapie mit Tabletten und entließen das Kind aus der Klinik.

Das Mädchen litt am Alice-im-Wunderland-Syndrom

Doch einige Wochen später kehrte das Mädchen zurück. Die Behandlung hatte nicht geholfen – im Gegenteil: Inzwischen litt die Patientin an fünf Anfällen pro Tag. Ich ließ daraufhin ihr Blut auf eine Infektion mit Epstein-Barr- und Coxsackie-Viren prüfen, um eine Hirnentzündung auszuschließen – fand jedoch keine Anzeichen dafür. Im Kernspintomogramm ergab sich auch kein Hinweis auf einen Hirntumor. Ich ließ ein EEG durchführen, eine Untersuchung, bei der die elektrische Aktivität verschiedener Hirnbereiche gemessen wird. Prompt fanden wir Auffälligkeiten im rechten Stirnlappen, die auf eine Epilepsie hindeuteten.

Schon der Kollege aus der Neurologie hatte erwähnt, dass solche Visionen nicht nur bei Migräne vorkommen, sondern manchmal auch bei Epilepsie-Patienten. Das Mädchen litt an einem Alice-im-Wunderland-Syndrom, benannt nach dem im Jahr 1865 erschienenen Kinderbuch. Der Autor Lewis Carroll hatte womöglich an ähnlichen Symptomen gelitten. Und könnte das als Inspiration für seine berühmte Erzählung genommen haben.

Wir begannen eine Epilepsie-Behandlung – nach zwei Tagen waren die Attacken vollständig verschwunden. Und ich fühlte mich in meinem Grundsatz bestärkt, meine Patienten ernst zu nehmen, auch wenn sie mit höchst merkwürdigen Symptomen zu mir kommen.

DR. PETRA ZWIJNENBURG, 45, hat es sonst eher selten mit Riesen zu tun: Sie arbeitet als Kinderärztin und Fachärztin für klinische Genetik an der VU-Universitätsklinik in Amsterdam, Niederlande 

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