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"Vergewaltigung durch Betrug": Israelisches Gericht verurteilt Palästinenser

Sie hatten Sex in einem Treppenhaus, einvernehmlich. Dennoch wurde Sabor Kaschor zwei Monate nach dem Schäferstündchen verhaftet und zu 18 Monaten Haft verurteilt - weil er seiner israelischen Partnerin verschwieg, dass er Palästinenser ist.

Eine kurze Affäre im Treppenhaus hat in Israel eine Debatte um Lügen für Sex ausgelöst

Eine kurze Affäre im Treppenhaus hat in Israel eine Debatte um Lügen für Sex ausgelöst

Lügen für Sex - das passiert jeden Tag überall auf der Welt. Israel ist aber das vermutlich einzige Land, in dem man dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden kann. So geschehen gerade im Fall eines 30-jährigen Palästinensers, der seiner israelischen Spontanbekanntschaft den Eindruck vermittelte, er sei ebenfalls Single und jüdisch. Seine Verurteilung zu 18 Monaten Haft und 10.000 Schekel (2000 Euro) Geldstrafe hat nun in Israel eine Diskussion ausgelöst, ob der Fall rassistisch gehandhabt worden sei und der Staat sich aus derlei intimen Dingen heraushalten sollte.

Was war geschehen? Sabor Kaschor, verheiratet und zweifacher Familienvater, wurde im September 2008 in der Jerusalemer Innenstadt von einer jungen Frau angesprochen, als er gerade sein Motorrad geparkt hatte. Er stellte sich als "Dudu" vor - ein weit verbreiteter jüdischer Spitzname. Von Frau und Kindern sagte er nichts. Innerhalb einer halben Stunde hatten die beiden im Treppenhaus eines Bürogebäudes Sex. Zwei Monate später wurde er verhaftet: Die Frau hatte ihn beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. In der vergangenen Woche erging das Urteil: Haft und Geldstrafe für "Vergewaltigung durch Betrug" - ein Tatbestand, den es so vielleicht nur in Israel gibt.

Missverständnis oder bewusste Lüge?

Er ermöglichte es dem Gericht, zu dem Schluss zu kommen, dass die Frau zwar dem Sex zugestimmt habe, aber nur, weil Kaschor ihr den Eindruck vermittelt habe, er sei wie sie ein jüdischer Single. "Wenn sie nicht gedacht hätte, der Beschuldigte sei ein alleinstehender jüdischer Mann, dem es um eine ernsthafte Liebesbeziehung geht, hätte sie nicht mitgemacht", sagte Richter Svi Segal in der Urteilsbegründung. Das Gericht müsse die Öffentlichkeit vor gerissenen Individuen schützen, die unschuldige Opfer verführten.

Kaschor legte Berufung ein und ist bis zu einer Entscheidung des höchsten israelischen Gerichts weiter unter Hausarrest - wie seit zwei Jahren schon. Er hat sich öffentlich zu dem Fall geäußert, über die Klägerin sind nur die Initialen M.T. bekannt - Vergewaltigungsfälle werden in Israel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Im Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Kaschor, er habe der Frau nie gesagt, dass er Jude sei. "Ich sagte, mein Name sei Dudu und sie fragte, ob ich Single sei und ich sagte, ich sei alleinstehend", erzählt er in akzentfreiem Hebräisch in seiner Ostjerusalemer Wohnung. "Ich sagte nicht, dass ich ein Jude sei." Den hebräischen Spitznamen habe er seit seiner Kindheit. Seiner Frau habe er keine Details über die Affäre erzählt. Die Ehe halte.

"Lügen gehört zur Natur menschlicher Beziehungen"

Die Leiterin einer Beratungsstelle für Gewaltopfer, Dana Pugatsch, sagt, das Gesetz gehe zu weit. "Ich denke schon, dass Frauen Schutz brauchen", sagt die Leiterin des Noga-Zentrums. "Aber ich denke, das Strafrecht sollte sich nicht in jedem Fall angewendet werden. Notlügen und Schwindeleien sollten irgendwie geduldet werden. Lügen gehört leider zur Natur menschlicher Beziehungen, und man kann nicht jede Lüge juristisch verfolgen. Es dürfte aber schwer sein, die Grenzen zu definieren. Mann sollte in jedem Fall Logik anwenden." Allerdings weist Pugatsch darauf hin, dass der Fall nicht deswegen vor Gericht landete, weil er Palästinenser und sie Israelin war. "Auch nicht weil er vorgab, Jude zu sein, sondern weil sie sagte, sie sei vergewaltigt worden." Gericht und Verteidigung einigten sich dann auf den minder schweren Tatbestand "Vergewaltigung durch Betrug". "Das scheint eine gefährliche Entscheidung zu sein", sagt der Rechtsprofessor Sejev Segal, der juristische Fälle für die Zeitung "Haaretz" analysiert. "Das Recht sollte sich nicht in den heiklen Bereich zwischen Mann und Frau hineinbegeben." Für den Historiker Tom Segev handelt es sich um einen Fall, "in dem es offensichtlich nicht um Vergewaltigung sondern Betrug geht, und es riecht nach Rassismus".

Amy Teibel, APN / APN
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