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Anschlag auf Berliner Bahnnetz: Wie angreifbar ist die moderne Großstadttechnik?

Um 3.00 Uhr nachts loderten die Flammen aus dem Kabelschacht. Der Anschlag erwischte Berlin heftig. Züge fuhren nicht. Telefone blieben stumm. Die mutmaßlich linksextreme Tat zeigt, wie verwundbar die Infrastruktur von Großstädten sein kann.

Vermutlich waren es nur ein paar Liter Benzin und Diesel, vermischt mit einigen Chemikalien. Die Polizei spricht bei solchen Mixturen von Brandbeschleunigern. Der Wert beträgt wenige Euro - der Schaden, den der Brandanschlag auf Strom- und Telefonkabel der Bahn am Montag in Berlin anrichtete, geht wohl in die Millionen. Das Verkehrschaos nervte zehntausende Berliner. Deutlich zeigt die mutmaßlich linksextreme Tat, wie verletzbar die großstädtische Infrastruktur sein kann, wenn Terroristen oder andere Gewalttäter Knotenpunkte der Energieversorgung oder Steuerungszentralen der modernen Kommunikation erwischen.

Ob die Bahn bei dem groß angelegten Umbau ihres wichtigen Umsteigebahnhofes Ostkreuz geschlampt hat oder die Attentäter einfach Glück hatten, ist bislang nicht geklärt. Noch ermittelt die Kriminalpolizei. Außer einem Bekennerschreiben von Linksextremen im Internet (Titel: "Kurz.Schluss"), das die Polizei für authentisch hält, und Benzinspuren gibt es noch nicht viele Erkenntnisse. Eine kurze Recherche im Internet offenbart aber, wie leicht die Täter in diesem Fall eine Schwachstelle der hochkomplexen Bahntechnik und damit der ganzen Großstadt finden konnten.

Auf einem #link;www.gerdboehmer-berlinereisenbahnarchiv.de/die-aktuelle-Seite/Um bau-BOK/20070304-010889.html;privaten Foto# im Internet aus dem Jahr 2007 sieht man eine frisch gebaute Konstruktion aus Metallstreben. Gut zugänglich führt sie während der Jahre des Bahnhofumbaus über die Straße. Früher lagen die Kabel unterirdisch. Unter dem Bild steht die Erläuterung eines Eisenbahnfans über die Baustelle: "Die Kabelbrücke für die Versorgungsleitungen vor der Netzleitstelle Markgrafendamm". Die Größe des Kabelschachtes lässt ahnen, dass hier nicht nur ein paar alte Telefonleitungen laufen sollten.

Im Gegenteil, das Feuer vom Montag zerstörte wichtige Nervenstränge der modernen Metropole: Starkstromkabel für die S-Bahn, Leitungen zur Signalsteuerung und Internetverbindungen. Auch die Internetseite der Bahn fiel für Stunden aus. Die Linksautonomen konnten gleichzeitig ihre Rechtfertigungsthesen über Atomtechnologie, Waffenexporte und die Bahn im Web verbreiten.

Ballungsräume, erst recht in der hoch technisierten Welt, lassen sich nicht komplett gegen Angriffe schützen. Ein Restrisiko gebe es in Großstädten immer, meint Bundespolizei-Sprecher Sven Drese. "Sowas wird ja niemand irgendwo in Buxtehude versuchen." Diese Erkenntnis sei nicht neu, räumt auch die Bahn ein. "Wenn Sie es mit extremer krimineller Energie zu tun haben, ist hundertprozentige Sicherheit fast unmöglich", sagt ein Sprecher. Das 34 000 Kilometer lange Bahnnetz lasse sich trotz 3700 Wachleuten, Zäunen und verstärktem Brandschutz an sensiblen Anlagen "nicht lückenlos schützen".

Unternehmen wie Energiekonzerne haben es da leichter. "Das Stromnetz ist in Berlin sehr sicher, allein weil 97 Prozent der Leitungen unterirdisch verlaufen, sagt die Vattenfall-Sprecherin Barbara Seifert. Stromausfälle würden wegen der zahlreichen Verzweigungen nur kleine Bereiche lahmlegen. Auch die Berliner U-Bahn verweist auf ihre dezentrale Struktur. Ein Sprecher gibt aber zu: "Man kann nicht sagen, das kann nie passieren."

Stärker gefährdet sind die knapp gestrickten Netze von kleineren Telefonunternehmen. Die Standorte der wichtigen Vermittlungsstellen werden zwar geheim gehalten. Sehr große Firmen wie die Telekom sehen sich auch auf der sicheren Seite, weil sie Ausfälle in Netzen durch Umleitungen überbrücken.

Linksextreme Brandanschläge auf Autos und immer wieder auf die Bahn gehören in Berlin seit Jahren fast zum Alltag. Das Thema spielt auch im beginnenden Wahlkampf der Hauptstadt eine Rolle.

Andreas Rabenstein und Jutta Schütz, DPA / DPA
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