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Eingeschleppte Spezies: Wie ein Fischer Berlins Ökosystem gegen den Louisianakrebs verteidigt

Berlin beherbergt eine neue Spezies - seit fast einem Jahr fühlen sich Flusskrebse in der Hauptstadt heimisch. Die Stadtverwaltung hat reagiert, denn die Einwanderer drohen, das ökologische Gleichgewicht zu zerstören.

Constantin Weeg

Ein Amerikanischer Flusskrebs im Berliner Tiergarten

Ein Amerikanischer Flusskrebs im Berliner Tiergarten. Um den Bestand der Krebse in den dortigen Gewässern zu verringern, hat nun ein Fischereibetrieb eine Fangerlaubnis bekommen.

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Procambarus clarkii klingt deutlich eleganter als Louisianakrebs. Dabei beschreiben beide Namen doch ein und dasselbe Tier. Noch nie gehört? Gut möglich - aber vermutlich schon probiert. Der Louisianakrebs ist in fast jedem deutschen Supermarkt im Kühlregal zu finden, wird gern mit Pasta oder Risotto serviert. Jetzt fühlen sich die Achtbeiner in der freien Berliner Wildbahn heimisch. 

Seit fast einem Jahr bevölkern die handgroßen Krebse den Neuen See im Tiergarten und den Britzer Garten in Neukölln. Damals, im August 2017, tauchten erste Exemplare auf Fußwegen und im Unterholz auf. Die Berliner trauten ihren Augen kaum - gilt der Flußkrebs doch als seltene, menschenscheue Tierart. Eigentlich. Der Louisianakrebs stammt ursprünglich aus dem Süden der Vereinigten Staaten und ist auch in Mexiko heimisch. Dort ist er weit verbreitet und als Delikatesse sehr beliebt. Die Ursprünge der deutschen Population vermutet Klaus Hidde, Fischer aus , in spanischen Aquakulturen. "Über Umwege gelangten die Krebse in die Aquaristik. Irgendwann wurden sie ausgesetzt". Dass das keinen Akt der Tierliebe, sondern eine leichtsinnige Gefährdung der hiesigen Fauna bedeutet, zeigt sich anhand explodierender Bestände. "Seit Anfang Mai haben wir mehrere tausend Krebse gefangen", erklärt Hidde, der die alleinigen Fangrechte besitzt.

Der Louisianakrebs überträgt die Krebspest

Der Populationsdruck in den Seen ist so groß, dass die Tiere gezwungen sind in andere Gewässer abzuwandern – und sich so weiter ausbreiten. Viele Krebse auf kleiner Fläche ergeben? Richtig, große Probleme. Der amerikanische Vetter der heimischen Krebsarten überträgt die Krebspest. Eine Pilzerkrankung, gegen die der Louisianakrebs selbst immun ist, die für andere aber tödlich endet. "Wir müssen unbedingt verhindern, dass die Tiere sich weiter ausbreiten. Dafür hat der Senat uns engagiert", sagt Hidde

Eine Mammutaufgabe, da Wasservögel, Abwässer und abgewanderte Tiere die Krebspest in angrenzende Gewässer verschleppen könnten – mit fatalen Folgen. In manchen Gegenden Europas wurden die einheimischen Krebsbestände beinahe ausgerottet. Das gesamte Ökosystem leidet unter der Ausbreitung des gefräßigen Einwanderers. Die dunkelroten Krebstiere vermehren sich mehrmals im Jahr und ernähren sich mit Vorliebe von Fisch- und Amphibienlaich, sodass auch deren Bestände einbrechen.


Fischer Hidde führt seinen Kampf mit harten Bandagen. Er besitzt das Krebsfischer-Monopol in den betroffenen Seen und vermarktet seine Fänge in Eigenregie. Etwas Gutes hat die Plage nämlich: Berliner Gastronomen reißen sich um die schmackhaften Krebse. Ein Kilo fangfrischer "Berlin Lobster" kostet auf dem Markt 29 Euro. "Diese Woche haben wir einen Drehtermin mit einem Sternekoch", erklärt Hidde, der sich über die rege Nachfrage freut. "Wahnsinn, wer alles über unsere Krebse berichtet". Sogar das japanische Fernsehen und der US-Sender CNN haben den pensionierten Bankkaufmann bei seiner Arbeit begleitet.

Fangsaison dauert bis Mitte November an

Noch bis Mitte November wird Klaus Hidde gemeinsam mit seinem Sohn die Reusen auslegen. Darin befinden sich an guten Fangtagen bis zu 200 der Berliner Hummer. "Im Tiergarten habe ich zwölf, im Britzer Garten sogar 20 Reusen platziert". Die Berliner Behörden sind dankbar für die professionelle Hilfe, denn andere Optionen zur Bekämpfung gibt es schlichtweg nicht. Zwischenzeitlich wurde sogar überlegt, die ein Jahr lang trockenzulegen.

Stattdessen wurden die Tiere im vergangenen Sommer eingesammelt, getötet und in Biogasanlagen verwertet. Damals vermutete man die Belastung mit Schwermetallen und Schadstoffen. Inzwischen liegt ein Gutachten vor, dass den unbedenklichen Verzehr garantiert. Das erlaubt Fischer Hidde den Verkauf, spielt ansonsten für ihn aber keine Rolle - er mag keinen Fisch.

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