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Carla van Raay: Nonne, Nutte, Schriftstellerin

Der Vater missbrauchte sie, mit 18 Jahren ging sie ins Kloster, später wurde sie Callgirl - nun hat die Australierin Carla van Raay ein Buch über ihr Leben geschrieben, die Geschichte eines Traumas.

Von Albert Eikenaar

Es geschah immer nachts, im pech-schwarzen Dunkeln. Wie ein Geist kam er zu ihr geschlichen, nur im Pyjama bekleidet, legte er sich zu ihr ins Bett. Er küsste sie, mit seinem übel stinkenden Mund. Seine harten Bartstoppeln verletzten ihre Haut. Fliehen konnte sie nicht. Er hielt sie fest - bis zum Ende. Und das feuchte Ende kam erst, wenn er ein glitschiges Ding in ihren Mund steckte. Was war es? Seine Zunge? Sie wusste es nicht.

Erst 3 Jahre alt ist Carla van Raay, als der Albtraum anfängt. Diese Folter hört auf, als die Familie aus der niederländischen Stadt Tilburg nach Australien emigriert. Der Vater - ein zum Niederländer naturalisierter Deutscher - rührt seine älteste Tochter plötzlich nicht mehr an. Das bedeutet keine Befreiung für die dann 12-jährige Carla. Es verunsichert sie eher. Sie fühlt sich verstoßen. Trotz des Ekels, trotz des Hasses himmelte sie ihren Vater an. Sie war sein auserkorenes Mädchen.

Carla van Raay - inzwischen 67 Jahre alt und Australierin - hat ihre Lebensgeschichte gebeichtet. Offenherzig, niemals obszön erzählt sie über das orale Verhältnis mit ihrem Vater. In Australien und den Niederlanden wurde ihre Story zum Bestseller. Für Carla - lang, blond, schlank - bedeutete das Schreiben eine Art Vergangenheitsbewältigung. Lange Zeit quälte sie die Frage, ob sie selbst schuld an dem Übergriff des Vaters gewesen war.

Auf der Suche nach "Selbstakzeptanz" tritt sie als 18-Jährige einem Klosterorden bei. Auch dort wird sie ungewollt mit Sex konfrontiert. Dass es so etwas wie lesbische Liebe gibt, dass Frauen masturbieren, weiß sie als Postulantin nicht. Sie unterdrückt ihre Gelüste. Das hilft nicht viel. Spontan bekommt sie ab und zu einen Orgasmus. Begierde weckt der Anblick von Schwester Alice. "Wenn ich in der Kapelle betete und sie sich dazu setzte, zitterte mein Körper von einer herrlichen Extase". Von den Klostersittten, der auferlegten Demut versuchte Carla sich zu distanzieren. Es kam zum Krach. Sie sah nur eine Lösung: aussteigen.

Mit 31 Jahren fing sie mit einem "normalen" Leben an. Die Eingliederung in die Gesellschaft fällt schwer. Eine Ehe mit James muss ihr dabei helfen. Mit ihm bekommt sie ihre erste Tochter Caroline.James entpuppt sich als Langweiler. Sie fragt sich: ist das alles? Antwort bekommt sie von Aaron. Sie ist 34 - er 19. "Im Bett mit ihm fühlte ich eine tiefe Passion. Das löste eine totale Wende aus". Carla begriff, dass sie sich mit ihrem Mann James auf der falschen Schiene befand. Eine Scheidung folgte. Endlich frei spürte sie einen Nachholbedarf an körperlicher Wärme. "Durch meine 14 Tage mit Aaron wusste ich, dass ich sexsüchtig war".

Carla wählt freimütig einen Beruf, bei dem ihr nichts im Wege steht, selbst Sex zu genießen. Die einstige Braut Jesu wird Callgirl. Als "Gottes Hure" startet sie bei einer Begleitagentur. Der schnelle Seriensex gefällt ihr nicht. Sie vermarktet ihre Intimität lieber getarnt als "Gesellschaftsdame", in aller Ruhe. Dass sie mal Nonne war reizt Männer extra. Als die ersten Fältchen auftauchen, nennt sie sich Masseuse. Diese Variante des Berufs schlaucht sie noch stärker. Ihre Hingabe geht dabei verloren. Die Lust verschwindet. Sie konnte eines Tages dem treuen Kunden "Phil" nicht mehr zum Höhepunkt verhelfen. Zwar bekam er einen Orgasmus, aber er fühlte sich doch nicht befriedigt. Es fehlte ihm ihre Zuneigung, wie früher. "Nie werde ich seinen traurigen Blick vergessen".

Für Carla löste das ein schmerzhaftes Signal aus. Ihre angebliche Liebe war nur noch ein vorgegaukelter Ersatz. "Nachdem Phil sich verabschiedet hatte, sollte mein Leben nie wieder dasselbe sein", schreibt Carla. Ihre Batterie war leer. Plötzlich kamen ihr die "alten Freier" zum Hals heraus. Sie konnte ihre Leiber nicht mehr ertragen. Der Eklat bedeutete das Aus für ihre Prosti-Karriere. Erneut ging sie auf die Suche nach sich selbst, besuchte Therapeuten. Dabei fand sie endlich die einfache Wahrheit heraus: "Ich trage keine Schuld für die Schandtaten meines Vaters. Allerdings bestimmte er mein ganzes Leben - als Nonne, als Nutte". Sie hat ihm verziehen.

Die deutsche Erstausgabe von "God’s Callgirl" erschien am 1. Oktober im Droemer-Knaur Verlag, München unter dem Titel: "Einmal Hölle und zurück. Mein Leben als Heilige und Hure." Preis: 8,95 Euro

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