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Der junge Hitler und ein Mercedes: Provokanter Werbespot ist Daimler zu heikel

Intelligente Fahrsysteme sollen Menschenleben schützen. Was aber, wenn Autos eine Seele hätten und den Lauf der Geschichte beeinflussen könnten? Ein provokantes Filmprojekt, das Mercedes nicht gefiel.

Der Lack auf Hochglanz poliert, die knackigen Flanken perfekt in Szene gesetzt. Sanft rollt der edle Wagen sauber über die matschigsten Feldwege der nebeldurchzogenen Pampa Oberösterreichs. Die Farben sind trotz Hochglanzästhetik grau und bräunlich. Beschaulich ist das Leben der dargestellten Dorfbewohner. Kinder toben in altbackenen Wollsachen. Mädchen tragen geflochtene Zöpfe und die Jungen Seitenscheitel. Ein Junge spielt vergnügt mit seinem Drachen. Der nagelneue Mercedes wirkt nicht nur wie am falschen Ort, sondern komplett aus der Zeit gefallen.

Der einminütige Kurzfilm ist kein Werbevideo, sondern das jüngste Werk des Regiestudenten Tobias Haase an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Ein Abschlussprojekt, das nach der Fertigstellung den Stuttgarter Autobauern vorgestellt wurde. Und bei der Präsentation durchfiel. Haase veröffentlichte den Film jetzt auf der Videoplattform Vimeo, versehen mit sehr deutlichen Hinweisen, dass es sich nicht um eine offizielle Mercedes-Werbung handle.

"Leider dürfen wir das Video nicht so zeigen, wie es ist", schreibt der Filmmacher auf seiner Homepage. "Mercedes ist nicht davon überzeugt, dass dies ein guter Spot für sie ist." Schuld daran ist das Ende, das so überraschend und bitter ironisch daherkommt, wenn der Wagen, der zuvor den Jungen überfahren hat, das Ortsschild von Braunau am Inn hinter sich lässt ... aber sehen sie lieber selbst:

Am Ende stellt Haase drei Fragen: Was wäre, wenn intelligente Fahrassistenzsysteme schon viel früher entwickelt worden wären? Sie noch besser funktionieren würden als gedacht? Und was wäre, wenn sie eine Seele hätten?

Ein provokanter Spot, der zwiespältige Reaktionen hervorgerufen hat - von "genial" bis "geschmacklos". Den Mercedes-Verantwortlichen war die Sache möglicherweise deshalb zu heikel, weil Daimler Benz während der Nazi-Zeit Teil der Rüstungsindustrie war. Hergestellt wurden seinerzeit Militärfahrzeuge, Panzer, Schiffs- und Flugmotoren - keine Spur von Vermeidungstechnologie. Andere Betrachter stören sich schlicht daran, dass mit dem Tod eines Kindes Werbung gemacht werden soll. Die Diskussion wird weitergehen.

ono/joe