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Deutscher Schulpreis 2007: "Vertraut auf die Lehrer"

Aus seinem Bundesland kommt der Gewinner des Deutschen Schulpreis 2007. Im Interview mit stern.de spricht Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann über kreativen Unterricht und neue Freiheiten, die noch nicht genutzt werden.

Herr Busemann, was sagen Sie zum Deutschen Schulpreis?

Das ist eine wunderbare Einrichtung. Ich hoffe, das wird eine Traditionsveranstaltung. Der Preis hat eine ganz klare Signalwirkung. Dabei geht es nicht um Schulstrukturfragen. Sondern um eigenverantwortliche, kreative Schulen, die guten Unterricht machen.

Drei Schulen aus Niedersachsen waren nominiert, zwei Gesamtschulen, eine Grundschule. Die Robert-Bosch-Gesamtschule aus Hildesheim hat den ersten Preis bekommen.

Da sind wir stolz drauf in Niedersachsen. Ich fühle mich dadurch in unserer Schulpolitik bestärkt, die auf Eigenverantwortlichkeit setzt. Seit Anfang des Schuljahres sind alle Schulen in Niedersachsen eigenverantwortlich. Das sind die Lehren aus Pisa: Vertraut auf die Lehrer. Gebt ihnen mehr Spielraum, befreit sie von Gesetzen und Erlassen.

Muss es mehr Leistungsanreize für Lehrer geben, zum Beispiel mehr Geld für besonders gute Pädagogen?

Leistungsanreize auf allen Ebenen sind förderlich. Bei Geld wird es durch das Beamtenrecht problematisch. Deutsche Lehrer verdienen im internationalen Vergleich relativ gut, nur bei Schulleitern könnte es etwas mehr sein. Wir sollten das Beamtenrecht so flexibilisieren, dass Schulen ein eigenes Budget bekommen, damit sie guten, engagierten Lehrer was draufgeben können - ohne andere zu benachteiligen.

Müssen Lehrer noch Beamte sein?

Lehrer müssen nicht zwingend verbeamtet sein. Aber insgesamt bin für die Beibehaltung einer flexibleren Verbeamtung. Wenn wir Lehrer als Angestellte nur noch befristet einstellen, könnten wir einen Engpass bekommen, weil es zu wenig Interessenten gibt. Ich würde lieber gute und fleißige Leute besonders honorieren.

Die Siegerschule aus Hildesheim ist eine Ganztagsschule. Wird es jetzt mehr Ganztagsschulen in Niedersachsen geben?

Das muss man bei uns nicht einfordern. Als ich vor fünf Jahren Kultusminister wurde, gab es in Niedersachsen 150 Ganztagsschulen, jetzt sind es 550.

Aber das meiste sind offene Ganztagsschulen, das heißt, die Teilnahme ist freiwillig. Am Nachmittag gibt es Töpferkurse.

Ja, die meisten sind freiwillig. Töpferkurse - das finde ich nicht fair. Da wird sehr viel kreativ gemacht. Meine These ist: Ist das Angebot gut, wird es angenommen. Dann muss es keine Zwangsverpflichtung geben. Das gilt auch für die Frühförderung im Kindergarten.

Lernen braucht Zeit - den ganzen Tag. Nur wenn die Schulen mehr Zeit bekommen, können sie den starren 45-Minuten-Takt ablegen. Das zeigt das Beispiel aus Hildesheim.

Das Gesetz zur Eigenverantwortlichkeit gibt den Schulen in Niedersachsen bereits diesen Spielraum. Ob der Unterricht 45 Minuten dauert oder 90 Minuten - das liegt bei den Schulen. Es kann sein, dass es da noch Ängste bei den Lehrern und Schulleitern gibt, die neuen Freiheiten auch zu nutzen. Viele fühlen sich unter Druck, durch die Eltern, durch das Kultusministerium. Aber die Schulen bestimmen selber das Tempo der Reformen. Deshalb ist es gut, wenn vorbildliche Schulen gezeigt werden, die sich bereits auf den Weg gemacht haben.

In Niedersachsen dürfen keine neuen Gesamtschulen gegründet werden. Wie passt es da in ihr politisches Konzept, dass eine Gesamtschule die beste Schule Deutschlands ist?

Es wäre schade, wenn man aus dem Deutschen Schulpreis eine Schulstrukturdebatte ableiten würde. Die Jury und die Stifter wollen sich nach meiner Meinung nicht in das politische Tagesgeschäft einmischen. Es geht nicht um Schulstrukturen.

Aber es fällt auf, dass unter den nominierten Schulen viele Gesamtschulen sind. 2006 wurde ebenfalls eine Gesamtschule aus Niedersachsen ausgezeichnet. Die Jury betont immer wieder, dass heterogene Schulen, also Schulen mit starken und schwachen Schülern, besonders erfolgreich sind.

Das Hauptproblem des deutschen Schulwesens ist die soziale Auslese. Nicht gelöst ist die Frage, wie wir Migranten-Kinder oder Schülere aus sozialen schwachen Schichten fördern. Das ist nicht so sehr ein Problem der Schulform, das haben uns Iglu und Pisa gezeigt. Sondern es ist eine Frage des Förderns. Was mir auffällt ist, dass Gesamtschulen da etwas engagierter sind und eher bereit sind, an Wettbewerben teilzunehmen. Meine Aufforderung gilt deshalb allen Schulen: Nicht immer nur mosern, sondern selber machen und bewerben!

Werden Sie in Zukunft neue Gesamtschulen zulassen?

Nach der Wahl im Januar wollen wir das Schulgesetz entsprechend verändern. Dann werden wir prüfen: Wo ist Bedarf? Wo können wir erweitern? Wo gründen wir neu?

Letztes Jahr wurde beim Deutschen Schulpreis die Gesamtschule Franzsches Feld aus Braunschweig ausgezeichnet. Sie kritisieren die Schule seit Monaten öffentlich. Warum?

Die Schule ist durchaus im Gesamtergebnis in Ordnung. Aber sie hat einen sehr hohen Anteil an Kindern mit Gymnasial- und Realschulempfehlung und wenig Kinder mit Hauptschulempfehlung. Da habe ich vor Ort den Schulträger mal drauf hingewiesen.

Die Schule weist den Vorwurf, des "Creaming-Effekts" zurück. Sie sagt, sie, halte sich an die Vorgaben der Stadt und nehme die Schüler genau nach dem Schlüssel auf, den sie zugewiesen bekommt. Und sie hat viele Integrations-Schüler, die einen besonderen Förderbedarf haben. Das Franzsche Feld pickt sich also nicht die besten raus und hat es dadurch besonders einfach, gute Leistungen zu zeigen.

Nein, nein. Am Franzschen Feld gibt es ein bestimmtes Losverfahren und man nutzt nicht alle Plätze voll aus. Da muss ich als Kultusminister Schule und Schulträger schon mal darauf hinweisen dürfen.

Aber wenn immer wieder Gesamtschulen ausgezeichnet werden, stellt es doch das dreigliedrige Schulsystem in Frage.

Entscheidend ist nicht die Strukturfrage, sondern, wie man eine gute Schule macht. Gute Schulen sind kreativ, eigenständig und machen individuellen Unterricht. Alle guten Schulen sollen sich beim Deutschen Schulpreis bewerben.

Interview: Catrin Boldebuck