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Debatte um Einbrecher: "Es gibt keine Nation, die zu Einbrüchen neigt"

Einbrecher sind vor allem osteuropäische Banden, die nur zum Klauen über die Grenzen kommen? Kann sein, aber empirisch bewiesen ist das nicht. Dafür müssten erst einmal mehr Täter geschnappt werden.

Von Christoph Henrichs

Einbrecher im Visier: Wer verbirgt sich hinter den Schattengestalten?

Einbrecher im Visier: Wer verbirgt sich hinter den Schattengestalten?

Wissen ist Macht? Dann ist der Staat gegenüber Einbrechern ziemlich machtlos. Hunderttausende Bürger werden in Deutschland jährlich Opfer von Wohnungseinbrüchen. Man könnte gewiss mehr Taten verhindern, wüsste man mehr über Lebenssituation und Motiv der Täter. Doch Ermittler und Wissenschaftler wissen wenig, viel zu wenig.

Viele Vermutungen über "den typischen Einbrecher" bedienen Vorurteile und Klischees. Sind die Übeltäter etwa osteuropäische Banden, die auf hochprofessionelle Weise die Wohlstands-Deutschen ausnehmen? Ist die höhere Zahl der Wohnungseinbrüche ein Kollateralschaden der offenen EU-Grenzen?

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN) hat mehrere tausend Einbruchsfälle analysiert. Die ernüchternde Antwort geben sie in einem Fachartikel, der im Mai erscheinen wird: "Wir wissen es nicht und werden es auch vorerst nicht erfahren." Das nimmt einigen Medien den Wind aus den Segeln. Sie hatten die Zahlen, die der Artikel angibt, als vermeintlich allgemeingültige Aussagen über die Täter herausposaunt. Einbrecher seien demnach zu 50 Prozent deutsch, zu 93,6 Prozent männlich und zu 31,3 Prozent drogen- oder spielsüchtig. Doch bei der Interpretation der Daten gibt es drei gewaltige Probleme.

Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ

1. Die deutschen Behörden schnappen nur sehr selten tatverdächtige Einbrecher und bestrafen noch weniger, 2014 kam es bei gerade einmal drei Prozent aller Fälle zu einer Verurteilung. Die Niedersächsischen Kriminologen konnten für ihre Studie über die Täterprofile nur verurteiltete Einbrecher nutzen. Am Ende blieben ihnen 62 Einzelfälle. Bei jüngst in Deutschland verübten 150.000 Einbrüchen pro Jahr lässt diese Zahl kaum Rückschlüsse auf typische Täterprofile zu.

2. Die Forscher haben für ihre Studie eine Stichprobe aus den Statistiken von nur fünf deutschen Städten gezogen. Damit sind die Ergebnisse nicht repräsentativ für ganz Deutschland.

3. Die Fälle, die der aktuellen Berichterstattung zugrunde liegen, sind schon gut abgehangen: Sie entstammen der Kriminalitätsstatistik aus dem Jahr 2010.

Nation, die zu Einbrüchen neigt? So ein Quatsch!

Der Diplom-Soziologe Arne Dreißigacker, Autor der Teilstudie, erklärt, warum sein Institut die Zahlen trotzdem veröffentlicht: "Wir wollen das Problem aufzeigen, dass zu wenig beweiskräftig ermittelt werden kann." Denn die geringe Aufklärungsrate von Einbruchsdelikten ist schlichtweg alarmierend. Wie will der Staat etwas gegen die Straftaten unternehmen, wenn er nicht weiß, wer sie begangen hat und warum?

Die Große Koalition versorgt die Bundespolizei mit mehr Geld, um organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Das könnte zielführend sein, wenn die Zahl der organisierten Einbruchsbanden tatsächlich zunimmt. Einen empirischen Anhaltspunkt gibt es dafür, wie auch für die Herkunft der Täter, nicht. "Es gibt keine Nation, die zu Einbrüchen neigt", sagt Dreißigacker, "so etwas zu behaupten ist Quatsch".

Das Motiv ist wichtig, nicht die Herkunft

Aus wissenschaftlicher Sicht sei es auch gar nicht relevant, ob ein Einbrecher rumänische Wurzeln hat oder nicht. Viel wichtiger, so Dreißigacker, sei das Motiv: Warum werden die Täter kriminell? Die Frage nach der sozialen Situation von Einbrechern ist viel entscheidender. "Das beste Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung ist Sozialpolitik", sagt denn auch die innenpolitische Sprecherin der Linkspartei, Ulla Jelpke. Und auch Wilfried Joswig, Geschäftsführer des Verbands für Sicherheitstechnik, vermutet hinter der Zunahme der Einbrüche "vor allem soziale Gründe, weil die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht".

Das KfN wird in einigen Monaten eine Gesamtstudie herausgeben, die sich nicht nur mit den Tätern, sondern auch mit den Opfern und den Ermittlern auseinandersetzt. Sie soll als erster Anhaltspunkt dienen; in einem relativ unerforschten Feld der Einbruchskriminalität. Bis dahin fordern die Forscher eins: "Mehr Zurückhaltung gegenüber stigmatisierenden Generalisierungen."