Fall Nadine Anklage ohne Kinderleiche


Sie schlugen sie, fügten ihr Verbrennungen zu, ließen sie hungern, davon ist der Staatsanwalt überzeugt. Deshalb stehen die Eltern der einjährigen Nadine vor Gericht - obwohl die Leiche des Mädchens nie gefunden wurde.

Vor dem Landgericht in Hildesheim hat am Dienstag der Prozess gegen die Eltern der verschwundenen einjährigen Nadine aus Gifhorn wegen Körperverletzung mit Todesfolge und Kindesmisshandlung begonnen. Die von Staatsanwalt Wolfgang Scholz verlesene Anklage wirft dem 32-jährigen Vater Daniel M. vor, die im Oktober 2000 geborene Tochter über Monate hin geschlagen, ihr "in gefühlloser Weise" Verbrennungen zugefügt und sie nicht mit Nahrungsmitteln versorgt zu haben. Daran sei das nicht einmal zwei Jahre alte Kind im Sommer 2002 gestorben.

Das Motiv der Misshandlungen beschrieb der Staatsanwalt mit den Worten: "Der Ehemann ging davon aus, Nadine stamme nicht von ihm, sondern aus einer außerehelichen sexuellen Beziehung." Der 30-jährigen Mutter Susanne M. legt er zu Last, der kleinen Nadine nicht geholfen zu haben. Sie habe nichts unternommen, "um die Übergriffe von dem völlig wehrlosen Kind abzuwenden und dadurch ihr Leben zu retten". Den Angeklagten droht den Angeklagten bei einer Verurteilung jeweils eine Haftstrafe zwischen drei und 15 Jahren.

Eltern streiten alles ab

Die Eltern des Mädchen bestritten jede Verantwortung am Tod ihrer Tochter. An einem Freitag im Januar 2003 habe er Nadine in ihrem Zimmer plötzlich schreien gehört, ließ Daniel M. erklären. Seine Frau und er hätten angenommen, sie sei von der Leiter ihres Hochbetts gefallen, hätten aber keine Verletzungen festgestellt. Am nächsten Morgen habe seine Frau ihn dann mit den Worten geweckt: "Ich glaube, Nadine lebt nicht mehr."

"Aus Sorge und Angst, das Jugendamt könnte uns die übrigen Kinder wegnehmen, haben wir Nadines Tod verschwiegen", hieß es in der Erklärung. Die 30 Jahre alte Mutter stützte diese Version. Sie hätten um das tote Kind getrauert und sie nach vier Tagen im Harz in der Nähe eines Parkplatzes vergraben und damit beerdigt. Die Leiche wurde bisher trotz intensiver Suche nicht gefunden.

"Furchtbar großes Loch in unserer Familie"

Die Eltern, die zunächst nicht aussagen wollen, betonten in ihren Erklärungen, dass sie ihre Tochter sehr geliebt hätten. "Nach dem Tod von Nadine gab es ein furchtbar großes Loch in unserer Familie", ließ der Vater mitteilen. "Wir waren Gott sehr dankbar, dass er uns wieder eine Nadine geschenkt hat." Im November 2003 war die Tochter zur Welt gekommen. Diese wurde nicht beim Standesamt gemeldet. Und als die ältere Tochter zur Schule angemeldet werden musste, präsentierten die Eltern die 2003 geborene Tochter.

Die Behörde wurde misstrauisch. Die Mutter offenbarte sich daraufhin einer Bekannten, die sich an die Polizei wandte. Damit wurde der Fall Ende Oktober 2006 aufgedeckt. Der insgesamt auf zwölf Tage angesetzte Prozess sollte am Dienstagvormittag mit der Vernehmung der ersten Zeugen fortgesetzt werden. Insgesamt sollen 46 Zeugen und 3 Sachverständige gehört werden.

DPA/AP AP DPA

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