HOME
stern-Gespräch

Strafvollzug: Sieben Jahre Gefängnis: "Ich habe jede Minute ans Ausbrechen gedacht"

In fünf Gefängnissen saß dieser Mann insgesamt sieben Jahre lang ein. Mehrmals versuchte er zu fliehen. Einmal gelang es ihm. Ein Gespräch über das Leben im Knast und das Glücksgefühl der Freiheit.

7 Jahre Gefängnis: "Ich habe jede Minute ans Ausbrechen gedacht"

Der Ausbrecher nennt sich heute "$ick". Für den Fotografen stellte er die Flucht aus dem Gefängnis noch einmal nach

Aus der Berliner Vollzugsanstalt Plötzensee verschwanden nach Weihnachten neun Häftlinge: Fünf kehrten vom Freigang nicht zurück, vier flüchteten filmreif durch ein Loch in der Mauer. Inzwischen sind die Ausbrecher alle zurück, andere mehr aber abhandengekommen – und so stellt sich die Frage: Wie leicht ist es, auszureißen? "$ick", der seine Geschichte nur unter Pseudonym erzählt und geduzt werden will, hat während seiner Knastjahre zweimal versucht zu fliehen. Einmal hat es geklappt. Man kann sagen: Er hat Erfahrung.

Was hast du gedacht, als du von den Ausbrüchen in Berlin gehört hast?

Das ist doch ganz normal, Standard. Dass Leute vom Freigang nicht wiederkommen, passiert dauernd. Wenn sich da nicht welche durch die Wand geflext hätten, dann hätte darüber niemand gesprochen. Allein in meinen drei Jahren im Jugendvollzug Hameln sind 25 Freigänger abgehauen. So ging das in allen Knästen, in denen ich war.

Wie hast du deinen ersten Tag hinter Gittern in Erinnerung?

Das war in Hannover. Ich habe einen letzten Blick auf die Straße erhaschen können, bevor sich das riesige Tor langsam schloss. Ich dachte: Hier kommst du nie wieder lebend raus. Machst noch paar Tage, dann stirbst du einfach.

So schlimm?

Schlimmer. Ich wurde wegen Diebstählen und Drogendelikten festgenommen, war voll heroinabhängig, körperlich ein Wrack, übermüdet. Und einen schlechteren ersten Eindruck vom Vollzug als in der JVA Hannover kann man nicht bekommen. Es war dreckig, es herrschte extrem gestresste Stimmung. Wenn um 17 Uhr die Essensglocke ging, warfen alle Häftlinge ihre Reste von der letzten Ausgabe aus den Fenstern. Dann kamen unendlich viele Krähen angeflogen, große, fiese Krähen. Gruselig.

Wie lange warst du dort?

Ich bin nach ein paar Wochen nach Hameln gekommen. Das war eher Schullandheim.

Wann hast du ans Fliehen gedacht?

Sofort. An einer Stelle in Hameln war die Mauer keine Mauer, sondern: Wassergraben, Zaun mit Nato-Draht, Brombeerhecke, noch mal Zaun mit Nato-Draht. Sah übel aus. Aber dahinter war die Landstraße, du sahst da normale Leute mit normalem Leben. Mir war klar: Die erste Möglichkeit, hier rauszukommen, ist meine!

Also hast du Ausschau gehalten?

Ich habe ein paar gescheiterte Versuche beobachtet. Einer wollte an der Stelle abhauen, leider in T-Shirt und kurzer Hose. Er hat es über den Graben geschafft, mit einer Decke über den ersten Zaun, rannte einfach durch die Hecke, voll am Schreien, und ist dann mit den Unterarmen im zweiten Zaun hängen geblieben. Er hatte keine zweite Decke dabei. Ich hab gemerkt: Das war doch keine gute Stelle.

Hattest du eine bessere Idee?

Ich wollte über die Mauer. Ich habe in der Werkstatt gearbeitet, da hatte ich eigentlich alles, was man für eine Flucht brauchte. Ich habe mir aus Stahl einen Anker gebaut, den ich über die Mauer werfen wollte. An den habe ich ein Kabel geknotet, um hochklettern zu können.

Was? Man kann als Häftling einen Anker bauen, ohne dass das auffällt?

Du darfst dir das nicht so vorstellen, als wenn man 24 Stunden unter Beobachtung wäre. Innerhalb der Mauern hat man schon Freiräume. Ich hatte nur eins nicht bedacht: Der scheiß Anker war echt schwer.

Hat also nicht geklappt?

Wenn du aus dem Zellenfenster auf die Mauer guckst, sieht die gar nicht so krass aus. Wenn du aber mit der Nase davorstehst, fällt dir auf, wie hoch sieben Meter sind. Jetzt wirf mal einen Zehn-Kilo-Anker darüber. Der flog nicht mal bis zur Hälfte, bevor er mir scheppernd wieder vor die Füße fiel. Ich war am Heulen vor Wut. Ich hatte mich ja schon draußen gesehen.

Und das hat keiner gemerkt?

Zum Glück nicht! Aber der nächste Versuch war nicht zu übersehen.

Erzähl!

Wir saßen zusammen in meiner Zelle, hatten selbst angesetzten Schnaps gesoffen, gekifft und Rohypnol eingeworfen, ein starkes Beruhigungsmittel. Irgendwann kamen wir auf die Idee, das Bett kaputt zu treten und mit den Seitenteilen die Gitter vom Fenster aufzubiegen. Wir haben aber nicht richtig durchgepasst. Wir überlegten noch, uns mit Butter einzuschmieren, aber darauf hatte im Drogenrausch dann doch keiner Bock. Die verwüstete Zelle gab natürlich Ärger.

Hast du dann eingesehen, dass man nicht so einfach aus dem Gefängnis kommt?

Im Gegenteil. Ich habe jede Minute ans Ausbrechen gedacht. Ein halbes Jahr nach dem zweiten Versuch habe ich einen Mithäftling erwischt, wie er an einem Fenster stand, sein Arm bewegte sich schnell hin und her. Ich dachte erst, der wichst sich einen. Stellte sich heraus, der hat an den Gittern gesägt. Der hatte einen perfekten Plan, über Wochen Stück für Stück vorbereitet. Wir haben den so lange belabert, bis er gesagt hat: Ihr könnt mitkommen.

Wie sah der Plan aus?

An der Mauer drehen nachts immer Beamte ihre Runden, die haben wir so abgepasst, dass wir knapp hinter ihnen waren.

Warum so nah?

An der Gefängnismauer gibt es Gänse, die Lärm machen, wenn sich vor ihrem Gehege etwas bewegt, eine lebende Alarmanlage. Die machen aber auch Lärm, wenn die Beamten vorbeilaufen – das wollten wir nutzen. Wir sind denen einmal um die ganze Anstalt gefolgt, hintereinander, wie eine sechsköpfige Entenfamilie. 45 Minuten lang. Wir konnten deren Gespräche hören.

Und wie seid ihr dann über die Mauer gekommen?

Mit einem Anker, aus Alu. Da hat der Kollege ein bisschen weiter gedacht als ich vorher. Wir saßen nach zwei Minuten alle oben auf der Mauer wie die Cowboys auf dem Pferd, drehten den Anker um und kletterten seelenruhig in die Freiheit.

Wie fühlte sich das an?

Unbeschreiblich. Voll traurig eigentlich, aber das war eins der schönsten Gefühle, das ich je hatte. Du stellst dir im Knast jeden Tag vor, wie sich Freiheit anfühlt. Wenn sie dann da ist – das ist so viel Glück auf einmal. Dieses Gefühl kannst du nicht künstlich herstellen.

Und dann, auf der Flucht?

Bin ich aufs Feld gerannt und habe in den Himmel geguckt. Und dann ab in die Stadt, um Drogen zu nehmen, zu feiern und zu ficken. Das ganze dumme Zeug, nach dem mir nach einem Jahr Haft so war.

Kann man das genießen? Wird man auf der Flucht nicht total paranoid? An jeder Ecke könnte ein Polizist stehen und einen festnehmen.

Eigentlich ja. Aber was glaubst du, wieso ich überhaupt Heroin genommen habe? Damit ich nichts fühle. Irgendwann war es mir auch egal, ob die mich wieder kriegen, der Nachholbedarf war gedeckt.

Als der Kick der Freiheit verflogen war – wie lange hat deine Flucht gedauert?

Immerhin elf Wochen, am längsten von uns allen! Nur einer wurde nie wieder gesehen, wahrscheinlich ist er direkt ins Ausland verschwunden. Jeder, der nicht total vollsteckt mit Kohle und so seine Flucht über Jahre finanzieren kann, kommt wieder. Ich dachte: Die kriegen mich, das ist klar – aber hoffentlich dauert es.

Was passiert, wenn man nach der Flucht wieder ins Gefängnis kommt?

Strafrechtlich passiert nichts, weil der Freiheitsdrang eines Menschen nicht bestraft werden darf. Das Einzige, was sie dir hinterher ankreiden, ist die Sachbeschädigung, die du normalerweise begehen musst, wenn du keinen Schlüssel hast.

Das hört sich ja alles lustig an, aber du warst viermal in Haft, für insgesamt sieben Jahre. Schon mal dran gedacht, dass es richtig sein könnte, wenn Leute wie du im Gefängnis sitzen? Du warst ein Schwerverbrecher.

Ich habe geklaut wie ein Rabe, um mir Heroin zu kaufen. Das ist nicht toll, und ich will es nicht verharmlosen. Die Strafe damals habe ich selbst zu verantworten. Aber ich habe niemandem körperlich wehgetan.

Gewöhnt man sich an Haft?

Man findet sich so ab. Ich habe noch Sprüche russischer Mithäftlinge im Kopf: "Knast in Deutschland ist nicht Knast, das ist Sanatorium!"

Ach, komm!

Dreimal am Tag Essen, Sport, genug Drogen. Dir fehlt es da an nichts, außer an Frauen. Guck, mein Fernseher hier. Ich kriege den nicht zum Laufen. Im Knast hätte ich direkt Kabelfernsehen. Wäre gleich mal eine Verbesserung.

Ist das nicht eine Verharmlosung? Ziemlich schlichte Prahlerei?

Ich will das nicht glorifizieren. Ich war schwer drogenabhängig und kriminell. Das ist kein gutes Leben. Heute geht es mir viel besser, ich bin seit über zehn Jahren clean und in Freiheit. Ich sehe heute vieles anders. Ich will aber auch nicht so tun, als wenn es in Haft nur scheiße wäre. Wir haben schon einen sehr humanen Vollzug in Deutschland, man kann sich da gut einrichten, wenn man muss. Es gibt sogar Leute, die wollen da gar nicht wieder weg.

Im Ernst?

In Vechta saß ich mit einem, der war voll der Macker. Von dem hieß es immer, dass er den einen oder anderen zum Blasen nötigt. Den habe ich in Freiheit mal getroffen, da lag er mir heulend in den Armen. Im Knast war er Chef: Wenn einer nicht hörte, kriegte er eine gedrückt. Draußen ist das Leben viel komplizierter.

Gewalt gehört im Knast also offenbar einfach dazu. Der Starke gewinnt.

Im Grunde gelten die alten Straßenregeln: Verarsch niemanden, provozier niemanden, mach keine Geschäfte, von denen du nicht tausendprozentig weißt, dass sie funktionieren. Sonst klatscht es. Wenn du dich daran hältst, hast du Ruhe.

Wie gelangen eigentlich die ganzen Drogen ins Gefängnis?

In Zellophan gewickelt und mit Vaseline beschmiert, vaginal oder gestöpselt, je nachdem.

Gestöpselt?

Im Arsch. Auch wenn es Durchsuchungen gibt, stehen Häftlinge vor der Wahl: entsorgen oder stöpseln.

Und wie wird dann mit den eingeschmuggelten Drogen gehandelt?

Jede JVA hat ihre eigenen Strukturen. Bei uns waren die Russen immer vorne dabei, die waren echt mafiamäßig unterwegs. Mit denen legst du dich auch ums Verrecken nicht an. Sonst machen die dich fertig. Ich habe mal erlebt, wie die auf meiner Zelle einen Sittich kaputt gemacht haben.

Wen?

Einen Pädophilen. Sexualdelikte stehen in der Knasthierarchie ganz unten. Pädophile noch darunter. Die haben aus ihrem Tauchsieder ein Brandeisen gemacht und den damit gequält.

Und du hast nichts dagegen unternehmen können?

Die hatten mich vorher rausgeschickt. Das war Folter, verdammt! Guck mich an, ich bin voll der Lauch. Ich wollte mit Gewalt nie was zu tun haben. Aber es gibt Knastregeln, die gelten überall. Wenn die ganze Anstalt weiß, dass du einen Sittich auf der Zelle hast, und du unternimmst nichts, dann erwischt es irgendwann dich, weil du ein Sittichfreund bist. Insofern war ich froh, dass ich mich nicht selbst drum kümmern musste. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, als hätten die Beamten sich später sehr für die Brandwunden interessiert ...

Oh Mann.

Tja. Der Knast ist eine hässliche Schule.

Themen in diesem Artikel