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Armut: Hartz IV, Drogen, geplatzte Träume: Begegnung mit den Mietern eines Göttinger Hochhauses

Gebäude wie das Iduna Zentrum in Göttingen gibt es überall in Deutschland. Einst ein Symbol des Fortschritts, erzählen seine Bewohner heute Geschichten des Scheiterns. Und eines zähen Überlebenswillens.

Göttingen: Begegnung mit Mietern eines problembehafteten Hochhauses

1975 wurde das Iduna Zentrum in Göttingen eröffnet. 18 Stockwerke, 407 Wohnungen, vier Aufzüge, zwei Treppenhäuser. Einer der Bewohner ist Steve. Er lebt seit zwei Jahren hier.

Wenn der Winter kommt und seine Finger in der Kälte steif werden, wenn er hier vor dem Supermarkt sitzt und Gitarre spielt oder in seinem Buch liest, wenn er die abgebrochene Suppenkelle vor sich hinstellt und auf ein paar Münzen hofft für Tabak oder Kirschwein oder Brot, dann freut sich Steve noch ein bisschen mehr auf die Schlaraffentage. Meistens wartet Steve auf die zwar länger, als sie dann selbst dauern, aber die Schlaraffentage, die kommen. Zuverlässig. Jeden Monat.

Manchmal fangen sie erst am 30. an, wenn das Wochenende blöd liegt. Meistens am 29. oder 28. Ganz selten gehen sie auch schon am 27. los. Und dann ist das Geld vom Amt da, und die Schlaraffentage können endlich beginnen. Für Steve heißt das: raus aus der Tür, zwei Stockwerke nach unten, 400 Meter Fußweg, vorbei am Backstein der Gerichtsgebäude, über die Ampel, PIN eingeben, bangen, hoffen, freuen, 424 Euro, Hartz IV. Ein Ritual.

37073 Göttingen

Ein bisschen was von dem Geld zahlt Steve jeden Monat für einen Kredit ab, 20 oder 30 Euro. Den Kredit hat er vor zwei Jahren aufgenommen, damit er die Kaution zusammenbekam. Die Wohnung eines Freundes war frei geworden. Der musste ins Gefängnis. Körperverletzung, Diebstahl, "ein bisschen was von allem". Traurig, einerseits. Andererseits: eine eigene Wohnung, mit Balkon, fünf Minuten vom Bahnhof, der Universität und der Innenstadt. Und so günstig, dass das Sozialamt die Kosten übernimmt. Das findet man nicht so leicht hier in Göttingen.

Warum er die Wohnung bekam, weiß Steve ganz genau. Es liegt an dem Haus, in dem seine 34 Quadratmeter liegen. Ein Haus, wie es das so ähnlich in jeder größeren deutschen Stadt gibt. Und das viel erzählt. Von geplatzten Träumen und vom Überlebenswillen. Über das Scheitern von Architektur und das Scheitern von Menschen. Es ist ein verblichener Betonklotz mit zwei Treppenhäusern, vier Aufzügen, 18 Stockwerken, 407 Wohnungen. Adresse: Maschmühlenweg 4–6, 37073 Göttingen. Offizieller Name: Iduna Zentrum. Benannt nach der Versicherung, die das Haus Anfang der 70er Jahre in Auftrag gab. Spitznamen: Villa Kuntergrau, Hotel zur lockeren Schraube. Gebaut als Wohnraum für junge Familien und Studenten, als Geldanlage für die Göttinger und als Prestigeprojekt für die Stadt. Damals wurde das frisch eröffnete Iduna Zentrum als Attraktion auf Postkarten gedruckt. In Göttingen sprach man von der tollen Aussicht und der Lage und dem Schwimmbad im Untergeschoss. Ein Ort, an dem Menschen ihre Träume verwirklichen könnten.

Für Wolfgang sollte das Iduna Zentrum eine Zwischenstation sein. Mittlerweile lebt er mit seinen Büchern seit fast 20 Jahren im Haus. 

Für Wolfgang sollte das Iduna Zentrum eine Zwischenstation sein. Mittlerweile lebt er mit seinen Büchern seit fast 20 Jahren im Haus. 

Das Schwimmbad gibt es schon lange nicht mehr. Heute trifft man hier vor allem Menschen, deren Träume nie in Erfüllung gingen. Stattdessen hoffen die meisten darauf, dass der Monat schnell zu Ende geht.

Da gibt es die Mitglieder der Roma-Clans, die am liebsten unter sich bleiben. Da gibt es die Dealer, die auch mal ein Messer ziehen, wenn ein Journalist lästige Fragen stellt. Da gibt es ein paar Studenten und Azubis, die Exoten im Haus. Und da gibt es im Erdgeschoss: Junkies wie Maja. Im 15. Stock: Rentner wie Wolfgang. Und im zweiten Stock: Alkoholiker wie Steve. Sie alle heißen nicht wirklich so, weil sie ihre Namen in diesem Text nicht lesen wollen. Lieber wollen sie sprechen über das, was sie hierhergebracht hat.

Steve, zweiter Stock

Steve ist in Göttingen geboren und in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Er ging mit seinem Bruder zu den Pfadfindern, lernte Gitarre, Status Quo, Black Sabbath. Ging ins Schwimmbad und auf den Bolzplatz. Stritt mit seinen Eltern, vor allem dem Vater, dem "Akademikervater"; danach hatte er manchmal blaue Flecken. Um von zu Hause wegzukommen, ging Steve Bier trinken, auf Punkrockkonzerte und für zwei Jahre aufs Internat. Zurück kam er mit dem Abitur. Keine Glanzleistung, aber bestanden.

Sein Vater war enttäuscht. Medizin studieren konnte Steve damit nicht, wie es der Vater getan hatte und sein Bruder es später tun würde. Trotzdem: Steve studierte. Weil sein Vater das wollte. Steve studierte Mathematik. Weil er das mochte. Kein Geschwurbel, pure Logik. "Die reine Sprache", nennt er das. Irgendwann stieß er in dieser Sprache aber an seine Grenzen. Er wechselte den Studiengang, Geologie, Schwerpunkt Wasserwirtschaft.

Zu dieser Zeit saß er oft in der Universitätsbibliothek, schaute aus dem Fenster und sah auf das Iduna Zentrum. Sprach Steve, ein hagerer Mann von 20 Jahren mit langen Haaren und Lederjacke, damals über das Haus, in dem er 30 Jahre später wohnen würde, sprach er von dem Glück, das die Leute haben, die dort wohnen. Spricht Steve, ein hagerer Mann von 50 Jahren mit langen Haaren und Lederjacke, heute über sein Zuhause, spricht er von Bettwanzen und Mäusen, von "Camping mit Dach über dem Kopf". Oft werfen die Nachbarn über ihm ihren Müll aus dem Fenster. Dann liegt auf dem Vordach vor Steves Balkon ein kleiner Hügel, in dem Tauben nach Essbarem picken. Letztens fing der Hügel Feuer, und auf Steves Balkon brannten seine Klamotten ab. Keine Ahnung, wer das war. Kann jeder gewesen sein. Über ihm sind 15 Stockwerke. Hunderte Menschen, von denen er fast niemanden kennt.

Oft werfen die Nachbarn über ihm Müll aus dem Fenster. Letztens fing der Haufen Feuer.

Oft werfen die Nachbarn über ihm Müll aus dem Fenster. Letztens fing der Haufen Feuer.

Was Steve aber mag an diesem Haus: Es hat ein Dach, und er lebt darunter. Das ist nicht selbstverständlich für ihn, der oft auf der Straße schlief und nicht wusste, wohin. Der sich selbst "BKA" nennt, "bekennender Alkoholiker". Der seine Milch gern mit Amaretto trinkt oder zum Frühstück ein Bierchen und sich davor und danach eine Selbstgedrehte ansteckt. Dabei geht er gern ins Theater oder ins Kino, wenn er ein paar Euro übrig hat, zeichnet zu Hause mit Bleistift oder malt mit Aquarellfarbe und Öl. Liest ein gutes Buch, wenn er eines geschenkt bekommt oder ein Freund ihm eines borgt. Als Nächstes will er Dante lesen, die "Göttliche Komödie", kommentierte Ausgabe. Muss man gelesen haben. Steve sagt: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."

Solche Sätze sagt Steve häufig. Sätze, die seine Welt in eine Zeile gießen. Das ist schließlich das, was er am meisten gemacht hat in den vergangenen Jahren: sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sonst war da oft niemand. Zumindest nicht dauerhaft. Mit den Frauen lief es nicht so. Freunde kamen und gingen, ins Gefängnis, in die Entzugsklinik, in eine andere Stadt.

Sehnsucht

Zu seinen Eltern hat Steve seit vielen Jahren keinen Kontakt. Mit dem Vater war er sowieso nie zurechtgekommen. Aber seine Mutter, die fehlte ihm oft. Auch in der Zeit nach seinem Unfall, an dem 1995 sein Leben zerbrach. Als es in seiner Wohnung brannte, er aus dem zweiten Stock sprang, sich dabei beide Fersenbeine brach und über ein Jahr im Rollstuhl saß. Als er danach sein Studium abbrach, stattdessen schwarz Fliesen legte und Wände tapezierte und nicht mehr nur am Wochenende Bier trank.

Als er Sozialhilfe beantragte, weil seine Eltern ihm kein Geld mehr gaben. Damit kam er klar. Eine Geschichte kann er aber nicht vergessen. Ein Freund erzählte sie ihm vor ein paar Jahren. Dessen Mutter hatte sich mit Steves Mutter getroffen. Die Frauen sprachen über ihr Leben, ihre Kinder, ihren ganzen Stolz. Und Steves Mutter sagte: Ich habe einen Sohn. Der ist Arzt in der Schweiz. Sie meinte Steves Bruder. Über ihn selbst: kein Wort. Als er hörte, dass seine Mutter ihn verleugnet, starb ein Teil von Steve: die Sehnsucht nach zu Hause. Die Sehnsucht nach seiner Kindheit.

Meist bleibt man unter sich. Maja und Jan haben sich daran gewöhnt. Fast alle, die sie im Iduna Zentrum kennen, kennen sie aus der "Szene". Sie meinen: die Drogenszene. 

Meist bleibt man unter sich. Maja und Jan haben sich daran gewöhnt. Fast alle, die sie im Iduna Zentrum kennen, kennen sie aus der "Szene". Sie meinen: die Drogenszene. 

Steve ist nicht immer glücklich mit seinem Leben. Aber er hat sich daran gewöhnt. An die Schlaraffentage und die anderen Tage mit der Suppenkelle vor dem Supermarkt. An den Müll vor seinem Fenster und daran, dass seine Möbel nicht an der Wand stehen dürfen, seit der Kammerjäger wegen des Ungeziefers da war. Aber diese 34 Quadratmeter mit dem Metallhocker vor dem kleinen Röhrenfernseher und seinen Ölgemälden an der Wand, die kann ihm keiner wegnehmen. Steve sagt: "Hier kann ich bestimmen."

Anfang Februar hatte Göttingen im Fernsehen einen großen Auftritt. Sogar Steve hat das mitbekommen, obwohl er selten Krimis schaut. Die von Maria Furtwängler gespielte "Tatort"-Kommissarin wurde dorthin versetzt. Zu Beginn des Films gab es Kamerafahrten über die Stadt, die Altbauten, die Fußgängerzone, die St.-Johannis-Kirche, den Gänselieselbrunnen. Kleinstadtidylle. Schnitt. Ein verblichenes Hochhaus, zugemüllte Balkone. Schnitt. Eine heruntergekommene Wohnung. Ein Kind, das verlassen in der Küche sitzt. Schummeriges Licht. Jede Aufnahme brüllte: Brennpunkt! Hier möchten Sie nicht sein! Zu sehen war das Iduna Zentrum. Es heißt, dass die Hausverwaltung vor dem Dreh den Müll von den Vordächern entfernen ließ, woraufhin sich die Leute vom Film neuen Müll besorgten, weil sie dieses Bild eben brauchten. Das erzählt ja auch was.

Mehr als 200 Eigentümer

Genau wie die Dutzenden Autos ohne Kennzeichen, die auf dem Parkplatz vor dem Haus stehen und dann wie von Zauberhand verschwinden. Wohin, das wissen wohl nur die Mitglieder der Roma-Clans, denen Dutzende Wohnungen im Haus gehören. Aber die sprechen nicht. Nicht mit der Polizei und nicht mit Journalisten. Ein anderer Teil der Realität ist, dass manche Flure aussehen wie in jedem Durchschnittsblock der Republik und in anderen Fluren Menschen brüllen, Musik lärmt und der Gestank einem den Atem raubt. Dass in den Treppenhäusern manchmal benutzte Spritzen in Urinlachen liegen. Dass man im Aufzug auf den Boden und nicht in die Augen des Gegenübers blickt.

Als das Iduna Zentrum 1975 feierlich eröffnet wurde, ragten aus dem Komplex zwei große Brückenarme. Einer verband das Areal mit der Universität, der andere mit der Innenstadt. Hier sollte etwas zusammenwachsen. 1993 wurde die erste Brücke abgerissen, 2003 die zweite.

Wem das Iduna Zentrum gehört, weiß keiner so genau. Mehr als 200 Eigentümer sollen es sein. Zu den Eigentümerversammlungen kommen viele aber nicht mehr. Die haben sich damit abgefunden, dass das wohl keine gute Idee war, ihr Geld im Iduna Zentrum anzulegen.

Azubi Anton ist im Haus "der im Anzug". Für ihn ist das Leben hier ein Abenteuer.

Azubi Anton ist im Haus "der im Anzug". Für ihn ist das Leben hier ein Abenteuer.

In den Neunzigern, keine 20 Jahre nach der Eröffnung, bekam man hier eine Wohnung für ein paar Tausend Mark. Da stand das halbe Haus leer. Es kamen die, die vor dem Jugoslawienkrieg flohen, und die, die nichts anderes fanden. Heute ist das nicht viel anders. Nur dass die Wohnungen nicht mehr ganz so billig sind. Aber 30.000 oder 40.000 Euro für eine Einzimmerwohnung: Wo gibt es das schon in einer Stadt wie Göttingen, die ständig wächst?

Gut möglich aber, dass die Wohnungen deutlich teurer werden. Nicht weil saniert wird. Es geht um ein Schlupfloch. Viele der 407 Wohnungen sind gleich groß und haben den gleichen Grundriss, Einzimmerapartments mit 34 Quadratmetern. Und viele haben auch denselben Mieter: das Sozialamt. Das bezahlt bis zu 453 Euro Bruttokaltmiete für eine Einzelperson, der es eine Wohnung zur Verfügung stellt. Das haben viele Eigentümer erkannt. Also verlangen sie genau das: 453 Euro. In der Stadt fehlen Hunderte Wohnungen. Also nimmt das Sozialamt die, die es kriegen kann. Für die Eigentümer macht das bei 34 Quadratmetern mehr als 13 Euro den Quadratmeter, kalt. Im Iduna Zentrum gibt es deshalb einige der teuersten Wohnungen Göttingens.

Wolfgang, 15. Stock

Wenn Wolfgang, ein Mann von 71 Jahren, vom Iduna Zentrum spricht, spricht er von "Abstellräumen für Gescheiterte". Einen dieser Abstellräume bewohnt er selbst.

Auch der ist mit Bad und Küche 34 Quadratmeter groß. Aber überall stapeln sich Bücher, die die Wohnung in eine enge Schneise verwandeln. "Das ist ungefähr die Hälfte", sagt Wolfgang mit dem Stolz des Sammlers. Den Rest musste er bei einem Freund unterstellen, als er um die Jahrtausendwende aus seiner größeren Wohnung rausmusste. Dort im Haus wurde renoviert, Handwerker rückten an, zahlungskräftige Leute kauften Eigentumswohnungen.

Eigentlich hätte Wolfgang selbst zu diesen Leuten gehören sollen. Er war mal Mathelehrer wie sein Vater, sein großes Vorbild. Wolfgang studierte auf Gymnasiallehramt, im Begleitstudium Psychologie, er reiste viel, probierte sich aus, lief bei den Demos der 68er mit. Er schloss sein Studium ab, in Mathe eine Zwei, in Psychologie eine Eins. Das Referendariat machte er an einer Realschule und hatte das Gefühl, etwas bewirken zu können. Wolfgang war glücklich. Es war das Einzige, was er sein wollte: Lehrer.

Vor mehr als 40 Jahren druckte die Stadt das Gebäude stolz auf Postkarten

Vor mehr als 40 Jahren druckte die Stadt das Gebäude stolz auf Postkarten

Doch als er fertig war, Mitte der 70er Jahre, stellten die Schulen kaum noch Lehrer ein, und wenn, dann meist befristet. Wolfgang arbeitete ein paar Monate hier, ein paar Monate dort, mal in Göttingen, mal außerhalb. Die Jahre vergingen, Wolfgang wurde älter, seine Hoffnung auf einen unbefristeten Job schwand. Er verkaufte sein Auto, weil er es sich nicht mehr leisten konnte. Doch nun konnte er Stellenangebote auf dem Land nicht mehr annehmen, weil er nicht hinkam. Er bekam gar keine Angebote mehr, weil er zu alt war. Er bekam kein Arbeitslosengeld, weil er nie zwölf Monate am Stück fest angestellt war. Teufelskreis.

Seine Sorge wurde Gewissheit, dass das nichts mehr wird mit ihm und dem Lehrerberuf. Irgendwann zog er ins Iduna Zentrum.

Anfangs dachte Wolfgang, das sei nur eine Übergangslösung. Jetzt lebt er seit fast 20 Jahren hier. 300 Euro bleiben ihm im Monat zum Leben. Grundsicherung. Zweimal die Woche geht er zur Tafel und holt sich Lebensmittel. Am Anfang schämte er sich dafür, heute hat er sich daran gewöhnt. Auch daran, dass sein Konto zu oft zu früh zu leer ist. Wolfgang sieht das pragmatisch. "Geld ist nicht so wichtig", sagt er. Er will sich auf das Positive konzentrieren. Den Großteil seiner Zeit verbringt er in der Wohnung, stöbert in Büchern, schraubt an Computerteilen, archiviert DVDs oder schreibt verschnupfte Leserbriefe an Redaktionen, die positiv über Israel oder die USA berichten. Im Iduna Zentrum selbst hat er kaum Kontakt. Wolfgang sieht das so: "Ich bin verantwortlich für mich. Die sind verantwortlich für sich." Einsam fühlt er sich nicht.

Methylendioxypyrovaleron

Manchmal allein, das schon. Zwei Freunde hat Wolfgang in seinem Leben. Der eine wohnt 70 Kilometer entfernt auf dem Land, der andere in Aachen. Gesehen hat er beide seit Jahren nicht. Der in Aachen ist Millionär und hat ihm mal angeboten: "Sag Bescheid, wenn du Geld brauchst." Hat Wolfgang nie gemacht. Ist schade, dass sie sich so selten sehen. Aber ihm geht es doch trotzdem gut.

Nur manchmal wird Wolfgang wehmütig. Wenn er zurückdenkt an den Tod seines Vaters. Oder an seine Kindheit. Als kleiner Junge lief er zu den Überführungen, um im Dampf der Lokomotiven zu verschwinden. Mit 10 zog er nach Japan und mit 14 nach Kairo, weil sein Vater dort als Lehrer Arbeit fand. Er sah andere Kulturen, hörte andere Sprachen. Er bekam seinen ersten Kuss, traf seine erste große Liebe, ritt mit ihr zu den Pyramiden und fuhr mit seinem VW-Bus durch die Wüste. Mit 18 ging er zurück nach Deutschland, schrieb seiner Freundin fast täglich einen Brief, besuchte sie in den Semesterferien, bis die Liebe nach sechs Jahren an der Entfernung zerbrach. In den 47 Jahren danach hat Wolfgang ein solches Gefühl nicht mehr erlebt. Mit der Liebe sieht er es heute so pragmatisch wie mit dem Geld: So wichtig ist das nicht. "Lieber keine als irgendeine."

Der 26. Februar 2013 war ein guter Tag für Göttingen. Vor allem für die Polizei. Die Beamten durchsuchten 14 Wohnkomplexe und Lager, nahmen Dealer fest, fanden bündelweise Bargeld, teure Autos, massenweise Drogen, vor allem Heroin. In der Zeitung stand: "Polizei sprengt internationalen Drogenring". In den Monaten danach fanden die Polizisten bei ihren Kontrollen immer seltener Heroin. Ein Erfolg.

In den Einzimmerwohnungen ist nur Platz für eine kleine Kochnische. Auch bei Wolfgang. Oft macht er sich Eintöpfe aus dem Gemüse, das er sich bei der Tafel holt. Sein einziger Luxus: die selbst gedrehten Zigaretten und das Espressopulver.

In den Einzimmerwohnungen ist nur Platz für eine kleine Kochnische. Auch bei Wolfgang. Oft macht er sich Eintöpfe aus dem Gemüse, das er sich bei der Tafel holt. Sein einziger Luxus: die selbst gedrehten Zigaretten und das Espressopulver.

Bis dieses neue weiße Pulver auftauchte. MDPV, Methylendioxypyrovaleron. So nannten es die, die den Stoff früher erforschten und für zu gefährlich hielten, um ihn in der Medizin einzusetzen. "Badesalz", "Monkey Dust", "Cloud Nine", vor allem: "Flex". So nennen es die, die den Stoff heute verkaufen oder konsumieren.

In kurzer Zeit verbreitete sich das Flex in der Göttinger Drogenszene. Manche schnupften oder rauchten es, andere machten das, was sie vom Heroin kannten: Sie erhitzten Pulver in einem Löffel und spritzten es sich in die Blutbahn. Viele nahmen zu viel, blieben tagelang wach, nicht einen oder zwei, eher mehrere Tage, und versanken im Wahn. Es dauerte nicht lange, bis sich die neue Droge auch für den Rest der Göttinger bemerkbar machte. Ein Mann stand in einem Polizeirevier, riss einem Beamten die Pistole aus dem Halfter und schoss zwei Polizisten ins Bein. Er hatte Flex im Blut. Ein anderer rannte im Affenkostüm durch die Fußgängerzone und bedrohte Passanten. Flex im Blut. Wieder ein anderer zerlegte mit einem Fleischklopfer seine Wohnung, als er gegen imaginäre Einbrecher kämpfte. Flex im Blut. Männer und Frauen drohten, in den Tod zu springen, andere taten es. 2016 stürzte sich einer im Wahn aus dem achten Stock des Iduna Zentrums. Flex im Blut.

Nirgendwo in Deutschland ist die Substanz wiederholt aufgetaucht. Nur hier in Göttingen. Wieso, weiß keiner. Aber das Flex ist ein Teil dieser Stadt geworden, die so wirkt, als gebe es hier keine Probleme. Und das Flex ist auch ein Teil des Iduna Zentrums geworden. Im elften Stock wohnt der Dealer, der gern mal seinen Stoff streckt, damit er sich die eigene Sucht leisten kann. Im sechsten gibt es den Junkie, den die anderen suchen, weil er sie um Geld und Stoff geprellt hat. Im vierten lebt der andere, der sich alles drückt von Flex bis Heroin. Im zweiten gibt es Steve, den Alkoholiker, der hat das Zeug auch mal probiert und gemerkt, dass es nichts für ihn ist. Und im Erdgeschoss sitzt die, die sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich davon loszukommen.

Maja, Erdgeschoss

Der 12. Juli 2019 ist für Maja der Tag. An irgendeinem Punkt muss ein neues Leben ja beginnen. Und welcher Tag wäre dafür besser geeignet als der Geburtstag, Majas 50. Dann soll es ein für allemal vorbei sein mit diesem Quatsch, der sie oft fast das Leben gekostet hat. Was wäre auch die Alternative? Maja sagt: "Zwei Quadratmeter auf irgendeinem Friedhof."

Schon viel zu lange haben Substanzen ihr Leben bestimmt, Heroin, Benzos, Flex und jetzt Polamidon, ihr Substitut. Jeden Tag fährt sie in die psychiatrische Abteilung der Uniklinik. Ist eigentlich schnell gemacht, wären da nicht die verfluchten Kantsteine. Ohne ihren Jan würde sie das kaum schaffen mit dem Rollstuhl. Jan schiebt sie in den Bus und in den langen Flur der Klinik. Mittlerweile bekommt Maja nur noch einen Milliliter ihres Substituts. Früher waren es 14, dann 9, dann 7, dann 4, dann 2, dann 1. Zweimal im Monat muss Maja eine Urinprobe abgeben, um zu beweisen, dass sie nichts nebenher nimmt. Seit ein paar Monaten sind die Tests negativ. Davor hat sie es oft nicht geschafft. Diese Jahre haben sie überhaupt erst hierhergebracht: ins Iduna Zentrum nach Göttingen. Und in den Rollstuhl.

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Maja wuchs auf dem Land auf. Mit vier konnte sie reiten. Sie liebte Tiere, war ein fröhliches Kind, auch wenn sie oft allein war. Sie sagt: "Ich war Einzelkämpferin." Die meiste Zeit verbrachte sie bei den Großeltern. Mit den Eltern war es schwierig. Mit Freunden auch. Sie machte ihren Realschulabschluss, fing eine Lehre als Kauffrau bei der Bundesbahn an. Die hatte ihr der Vater besorgt, der auch bei der Bahn arbeitete. Gefällt der Tochter doch sicher auch. Tat es nicht. Maja schmiss die Ausbildung, heiratete aus Protest mit 19 ihren Freund, den der Vater nicht mochte. Sie bekam mit 20 einen Sohn, mit 22 eine Tochter. Glücklich war Maja aber nur selten. Dafür stritt sie sich zu oft mit ihrem Mann. Es gab Tage, an denen sie ein blaues Auge unter einer Sonnenbrille versteckte. Als Maja sich von ihm trennte, räumte ihr Mann das gemeinsame Konto leer, und sie stand da mit zwei Kindern und ohne Geld. Das Jugendamt schaltete sich ein. Maja verlor ihren Sohn, verlor ihre Tochter. Sie fuhr Taxi, begann zu kiffen und trank immer mehr. Sie probierte LSD, Speed, Ecstasy, lernte Jan kennen und setzte sich den ersten Schuss Heroin. Am Wochenende danach wieder. Und an dem danach und dem danach. Irgendwann fühlten sich die Tage zwischen den Wochenenden an wie eine Grippe. War kein Nachschub in Sicht, mischte sie Schmerzmittel mit Alkohol. Damit das elende Gefühl verflog.

Mit der Zeit entzündeten sich immer häufiger Majas Adern. Erst die an den Armen, dann an den Beinen, den Füßen, den Händen, an der Hüfte. Dann verbog sie sich wie ein Schlangenmensch auf der Suche nach einer intakten Vene. "Nadel-Yoga" nennt Maja das. Im Herbst 2013 bildete sich an ihrer linken Hüfte eine Aussackung und wurde immer größer. Maja wurde operiert und bekam eine künstliche Vene. Zweieinhalb Monate lag sie im Krankenhaus, bekam ein Substitut zum Schlucken. Ihr Körper erholte sich, ihre Venen auch. Als sie entlassen wurde, sagte ihr Arzt: "Such dir von mir aus eine andere Stelle, aber lass die Finger von den Beinen." Viereinhalb Stunden danach stieß sich Maja eine Nadel in die rechte Hüfte und lag kurz darauf wieder im Krankenhaus. Wieder eine Aussackung. Wieder eine OP, wieder sollte Maja eine künstliche Vene bekommen. Diesmal aber kamen die Ärzte zu spät. Als Maja aufwachte, hatte sie dort, wo vorher ihr rechtes Bein gewesen war, einen Stumpf. Einige Monate später zog sie mit Jan in die 34 Quadratmeter im Iduna Zentrum.

Nichts für 08/15-Deutsche

Maja schämt sich für vieles. Dass sie so oft rückfällig wurde. Dass sie sich immer wieder selbst belog und die Menschen um sich herum. Ärzte, Therapeuten, Freunde, Jan und auch ihre Kinder. Zu denen hat sie seit Jahren keinen Kontakt, sie wollen es nicht. Ihre Tochter ist Altenpflegerin, ihr Sohn medizinischtechnischer Assistent. Hat sie bei Facebook gelesen. Es macht sie ein bisschen stolz.

Manchmal fragt sich Maja, was ihre Kinder erzählen, wenn sie nach ihrer Mutter gefragt werden. Ob sie sagen, dass sie tot ist? Wenn alles klappt mit dem Entzug, würde Maja ihnen gern davon erzählen. Aber erst wenn sie sicher ist, dass es geklappt hat. Sie versucht den Leuten aus der Drogenszene aus dem Weg zu gehen. Sie will nicht in Versuchung kommen. Aber das ist schwer. Denn die Szene wohnt ja im selben Haus. Manchmal klopft jemand an Majas Tür, setzt sich einen Schuss auf ihrer Couch. Oft hat sie dieser Anblick rückfällig werden lassen. Mittlerweile schafft sie das, ein halbes Jahr schon. Maja sagt: "Sonst wird das nichts mit den 90." So alt würde sie gern werden. Im Iduna Zentrum? "Muss nicht sein."

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Seit Neuestem hat das Iduna Zentrum einen Prinzen. Der "Prinz von Iduna" trägt Anzug, einen Siegelring und eine Kette mit einem Kreuz daran. Anton, ein lang aufgeschossener Kerl von 20 Jahren, hat sich das Prinzsein nicht aus gesucht. Seine Kumpel haben ihn so genannt, als er für seine Ausbildung aus dem kleinen Kaff seiner Jugend hier in den sechsten Stock zog. "Der Junge, der ins Ghetto geht", haben seine Freunde gesagt. Und als die Jungs aus dem Ghetto ihn das erste Mal sahen, fragten sie Anton: "Hey, bist du Gerichtsvollzieher?" Die tragen doch auch Anzüge.

Anton weiß, dass er auffällt. Er mag dieses Anderssein. Im Iduna Zentrum ist er der im Anzug. In der Berufsschule der, der es wagt, hier zu wohnen. Ist nichts für 08/15-Deutsche, sagt er. Aber wenigstens keine Spießergegend. In seinen 34 Quadratmetern kann er die Musik aufdrehen, und keiner beklagt sich. Die Wohnung hat ihm sein Vater gekauft. Hat nicht die Welt gekostet. Und jetzt, wo die Böden abgeschliffen und die Wände tapeziert sind, sieht sie aus, wie erste eigene Wohnungen oft aussehen: großer Fernseher, große Lautsprecher, Spielkonsole.

Schlaraffentage

Für Anton ist das Iduna Zentrum ein großes Abenteuer. Und wenn es ihm hier irgendwann nicht mehr gefällt oder er in eine andere Stadt oder ein anderes Land ziehen will, kann er das. Das können die meisten anderen nicht, die im Iduna Zentrum wohnen. Sie sind hier gelandet, weil es anderswo keinen Platz für sie gab. Das ist bei Maja so, bei Wolfgang. Und auch bei Steve.

Den hat Anton letztens im Aufzug getroffen. Steve hatte seine Gitarre dabei und war auf dem Weg zum Supermarkt. Zum Rewe, nicht zum Netto. Beim Netto ist oft nichts zu holen. Da trifft er nur wieder all die anderen, die dieselben Sorgen haben wie er. Die gemeinsam mit ihm warten. Auf die nächsten Schlaraffentage.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Fanny H. 
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