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Hambacher Forst: Der Wald fällt

Für die Räumung des Hambacher Forstes schlagen die Räumtrupps breite Schneisen in den Wald. Naturschützer fürchten, dass so irreparable Schäden entstehen - selbst wenn die offizielle Rodung verhindert werden kann.

Von Rolf-Herbert Peters

Schweres Räumgerät im Hambacher Forst

Schweres Räumgerät im Hambacher Forst: Schneisen, die teils so groß sind wie Fußballfelder, werden zu jedem Baumhaus geschlagen, berichten Eingeweihte.

Getty Images

Montag, kurz vor 16 Uhr. Über dem grünen Zelt der Mahnwache, die knapp 500 Meter vom Hambacher Forst entfernt postiert ist, baumelt die bunte "Peace"-Fahne müde am Mast. Rund 50 vorwiegend junge Menschen stehen in der sengenden Sonne und diskutieren. Ein paar dösen im Schatten der Bäume, die die Landstraße säumen. Manche tragen Rasta-Frisuren, andere sehen in ihren Polo-Shirts aus wie Bankangestellte, die gerade von der Arbeit kommen. Ein Mann hat nur noch eine blaue Unterhose am Leib, seinen Körper hat er mit Kampfsprüchen gegen die Braunkohle bewehrt. 32 Grad zeigt das Thermometer im Bulli, der hinter dem Zelt parkt. Hier zweifelt niemand daran, wer schuld ist an der Hitzewelle mitten im September: und die "verdammte Braunkohle", gegen deren Abbau viele seit Jahren auf die Straße gehen.

Fäkalien zählen zu den beliebten weichen Waffen

Der Stromkonzern ist für sie so etwas wie der Teufel persönlich. Die Essener wollen die letzten fast 500 Hektar des Hambacher Forstes, der im rheinischen Braunkohlerevier liegt, roden lassen, um weiter Kohle abbauen zu können. Das soll verhindert werden. Dafür haben Aktivisten vor über sechs Jahren den Wald besetzt und sich in Baumhäusern verschanzt. Seit vergangenem Donnerstag werden sie von der mit Gewalt aus den Kronen gepflückt, ihre Bauten werden zerstört. Heute war das Baumhausdorf "Gallien" dran. 28 der rund 50 Bauten seien geräumt und 19 zerstört, meldete die Polizei am Nachmittag. Und eine Sitzblockade von rund 30 Demonstranten habe man aufgelöst.

Nicht weit von der Mahnwache entfernt befindet sich das Lagezentrum der Widerständler. An der Straße steht ein weißer Kanister mit der Aufschrift "Urin" wie eine Warnung. Zufall? Im Forst zählen Fäkalien zu den beliebten weichen Waffen der Aktivisten gegen die Räumtrupps. In Kübeln werden sie auf die Staatsgewalt gekippt. "Das kannste als Symbol für die ganze Scheiße sehen, die RWE hier anrichtet", sagt ein Mann in Schwarz.

Mahnwache beim Hambacher Forst

Mahnwache beim Hambacher Forst: Hier zweifelt niemand daran, wer schuld ist an der Hitzewelle mitten im September: RWE und die "verdammte Braunkohle".

stern

An Biertischen sitzen Braunkohlegegner und planen die nächsten Aktionen. Ein Solidaritätskonzert wird es heute Abend geben, eine weitere Massendemonstration wollen sie auf die Beine stellen. Vergangenen Sonntag waren Tausende gekommen. "Bei 7500 haben wir aufgehört zu zählen", sagt Michael Zobel, Naturführer und Waldpädagoge, der seit fast fünf Jahren Sonntagsspaziergänge gegen den Braunkohletagebau im Hambacher Forst organisiert.

Niemand darf mehr in den Hambacher Forst

Um kurz nach Vier machen sie sich wieder auf den Weg. Immer mehr Menschen verlassen die Mahnwache, überqueren die Straße und betreten den Feldweg, der zum Forst führt. Eine Staubwolke liegt über dem Land. In der Entfernung sehen sie, wie sich schwer bewaffnete Polizisten aufreihen und Polizeiautos gestartet werden. Je näher die Demonstranten kommen, desto mehr Beamte schwärmen aus. Niemand darf mehr in den Wald, auch nicht Waldführer Zobel. Seit fünf Tagen hat die Staatsgewalt das Areal abgeriegelt. Die Demonstranten setzen sich auf eine Wiese vor die Polizisten. In der Entfernung hören sie das Warnpiepsen der schweren Räumfahrzeuge, die sich noch immer durch die Baumhauskolonie schlagen. Der Ton schmerzt. Etwa 100 Widerständler leben noch in den Bäumen. Wie gerne würden die Demonstranten hinein in den Forst, um ihnen Getränke und Nahrung zu bringen und Mut zu machen. Ein paar versuchen es über ein freies Feld, werden aber gleich von der Polizei gestoppt.

"Wenn der Wald stirbt, stirbt auch der Mensch", sagt eine Italienerin, die ein paar Wasserflaschen und eine modische Sonnenbrille trägt. Am Tag fünf der Räumung ist ihr, wie vielen anderen, ziemlich mulmig zumute. Sie beschwören zwar alle hier immer noch, die Abholzung verhindern zu können -  aber die wenigsten glauben noch daran, den Wald retten zu können. Die wuchtigen Räumfahrzeuge leisten ganze Arbeit, nicht nur bei den Aktivisten. Schneisen, die teils so groß sind wie Fußballfelder, werden zu jedem Baumhaus geschlagen, berichten Eingeweihte.

Der Wald fällt also, noch bevor die offizielle Rodung begonnen hat. Naturschützer Zobel fürchtet, dass ihm damit ein nie wieder zu reparierender Schaden zugefügt wird: "Und die RWE-Manager sitzen zu Hause und reiben sich lachend die Hände."

Video: Proteste im Hambacher Forst dauern an
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