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stern-Stimme: Teslas Fabrik wird zum Stresstest - und zeigt, was Deutschland dringend lernen muss

Das Problem beim Bau der neuen Tesla-Fabrik ist nicht, dass Politiker und Behörden in Brandenburg etwas verschlafen oder vergeigen. Das Problem ist: Sie machen beim Bau der Gigafactory alles richtig – und trotzdem droht die Blamage. Was lehrt uns das?

Horst von Buttlar über die Tesla-Baustelle in Brandenburg

Horst von Buttlar über die Tesla-Baustelle in Brandenburg

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Das Ringen um die Zukunft Deutschlands findet immer öfter in kleinen Wäldchen statt, und die Herausforderung dieser Zukunft liegt irgendwo zwischen dem Hambacher Forst und Grünheide, zwischen 200 Hektar altem Buchenwald im Braunkohlerevier und 90 Hektar Kiefernwald im brandenburgischen Nirgendwo. Einmal sollte abgeholzt werden für eine Vergangenheit, die aufhören muss, einmal für die Zukunft, die wir hinbekommen müssen.

Bei beiden spüren wir die Macht der Projektion, der Symbolik dieses Ringens: In Hambach sahen wir die Revierwunden des Tagebaus, die Last der Braunkohle, die böse RWE; in Grünheide die Verheißung der Gigafactory, die Vision eines Elektropioniers, 12.000 Arbeitsplätze, die drohen, in den märkischen Sand gesetzt zu werden.

Wieder einmal zog dieser Tage der Zukunftswiderstand vorbei wie einem großen Karnevalszug: Protestbürger, aufgebrachte Anwohner, Waldameisen, Zauneidechsen und Umweltgruppen, von denen man bis dato noch nie gehört hatte. Daneben Bürgermeister, Landräte und Minister, die ein 360-Grad-Verständnis in alle Richtungen stammeln. Das Schild "Nein Danke!" ist in Deutschland zur zweiten Staatsflagge geworden.

Sogar Zauneidechsen sollen eingefangen werden

Heute morgen kam die ersehnte Nachricht: Tesla darf auf dem Gelände seiner geplanten Fabrik weiter Bäume roden. Ein Stopp hätte das gesamte Projekt gefährdet, denn ab Sommer 2021 sollen dort 500.000 Elektroautos gebaut werden. Halleluja!

Tesla lebt uns offenbar eine Geschwindigkeit und Zukunftsdrang vor, die wir nicht mehr gewohnt sind und für Deutschland zum Stresstest wird. Denn es geht ja nicht darum, dass der Elektropionier eine Sonderbehandlung bekommen soll oder jemand in Brandenburg etwas verschlafen oder vergeigt hat.

Das Spektakel um die Tesla-Fabrik ist deshalb so bemerkenswert, weil die Beteiligten eigentlich alles richtig gemacht haben. Minister und Bürgermeister setzen sich ein und entscheiden schnell, möglichst viele werden angehört und eingebunden, sogar die meisten Grünen und Naturschützer stellen sich nicht schützend vor die "ökologisch wertlosen" Kiefern, sondern vor das Projekt. Auch Tesla hat bisher alles richtig gemacht, erfüllt Auflagen, will weniger Wasser verbrauchen als die angekündigten 400.000 Liter pro Stunde, will Waldameisen umsiedeln und Eidechsen einfangen.

Die Bürokratie im Fitnesstudio

Grünheide lässt uns stutzen, den Atem anhalten und Kopf schütteln, weil so klar ist, was richtig ist und getan werden, und dennoch geht es nicht ohne Theater. Und anders als in Hambach, wo es vor allem um Symbolik ging, geht es in Grünheide ums Ganze und Grundsätzliche. Deutschland ringt nämlich seit Jahren um seine Investitionsfähigkeit, und muss hier zeigen, dass wir noch Fabriken bauen und große Projekte realisieren können. Und deshalb steht unsere Bürokratie gerade wie auf einem Laufband im Fitnesstudio, bei dem die Geschwindigkeit doppelt so hoch ist, wie zuträglich wäre. 

Auch ohne das symbolische Ringen um die ökologische Zukunft und um die Frage, ob Elektromobilität nun die ganze oder nur ein Teil der Lösung ist, ist diese Fabrik doch vor allem eines: eine der größten Industrieansiedlungen in Deutschland seit Jahren, zumal im Osten. Für solch eine Fabrik muss Donald Trump ein halbes Dutzend Staaten erpressen.

Tesla will dort einmal mehr Mitarbeiter beschäftigen als Porsche und BMW in Leipzig zusammen, und selbst wenn man den Schaum von den Ankündigungen und Visionen abwischt, ist es frappant: Wir schnüren große Milliardenpakete für den Strukturwandel im Osten, suchen händeringend nach Behörden, die man dort ansiedeln kann – und dann droht bei solch einem Projekt die Blamage.

Klimaschutz vermengt sich mit Kapitalismuskritik

Gut also, dass es weitergeht. Aber nicht, weil es Tesla ist und Elon Musk ein Held , sondern weil hier investiert wird und Arbeitsplätze entstehen.

Das Spektakel ist denn auch ein Zeichen dafür, wie sehr sich Klimaschutz, Veränderungsprotest und allgemeine Kapitalismuskritik vermengen. In Grünheide versammelten sich bald Naturschützer, Kohle- und Windkraftgegner, natürlich Vertreter der AfD und BaumbesetzerInnen, die zu Protokoll gaben, gegen die "kapitalistische Kackscheiße" sich an Kiefern zu ketten. Sie wissen: Sie bekommen ihren Auftritt im Fernsehen, Radio und auf Social Media. Der Fall Grünheide offenbart auch einmal mehr das Problem der Verbandsklage – das gut gemeinte Gesetz ist zu einer mächtigen Waffe geworden, die nahezu überall ein Projekt verzögern oder verhindern kann.

Vergleichende Reklame mit fragwürdigen Testbedingungen sind in den USA nicht unüblich.

Gut also, dass dieses Protestgebräu nicht überall mehr die Agenda setzt. Man muss dieses irrationale Überall-dagegen-sein auch trennen von Anwohnern, die natürlich keinen Lärm, Beeinträchtigung und Veränderung wollen, kommen sie nun von Windrädern, Stromleitungen oder Fabriken. Hier muss man werben, einbinden, überzeigen.

Man darf gespannt sein, wann sich das nächste Mal der Vorhang hebt, zum nächsten Akt im Theater um unsere Zukunft.

  • Horst von Buttlar