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Meinung

Rassismus-Debatte nach Özil-Rückzug: An die Minderheiten in Deutschland: Wir dürfen jetzt auf keinen Fall mit der Gesellschaft brechen

Özils Rücktritt von der Nationalmannschaft entfacht eine neue Debatte um Rassismus in Deutschland. Viele Menschen hierzulande teilen seine Erfahrungen - doch anstatt sich von der Gesellschaft zu distanzieren, sollten wir vor allem jetzt zu ihr stehen.  

Kommentar an die Minderheiten in Deutschland: Wir dürfen jetzt auf keinen Fall mit der Gesellschaft brechen

Der Umgang mit Mesut Özil war ein Rückschritt, aber kein Reset-Knopf - kommentiert Tolgay Azman (kl. Foto), stellvertretender Chefredakteur von stern.de

Als Thilo Sarrazin vor acht Jahren seinen Bestseller " schafft sich ab" veröffentlichte, damit einen ganzen Diskurs vergiftete und Menschen mit Migrationshintergrund vor den Kopf stieß, war mir klar: Eine Partei, die diesen Menschen in ihren Reihen duldete, war für mich kein politisches Zuhause mehr. Also gab ich mein Parteibuch zurück und verließ die SPD. Ich brach mit der Partei. 

Von da an versuchte ich für lange Zeit, unangenehme Themen wie Diskriminierung und Rassismus weitestgehend zu umschiffen. Jahre glaubte ich fest daran, Rassismus in meinem Leben im Gröbsten entgehen zu können, wenn ich es nur schaffen würde, als Sohn türkischer Einwanderer weit genug in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Mitte der Gesellschaft – das bedeutet für mich eine Identifikation mit dem Land, in dem ich lebe. Eine Teilhabe an Öffentlichkeit und Kultur. Mit einem guten und Status würde sich das Problem schon von alleine erledigen, dachte ich. 

Der Fall Özil zeigt, dass das eher eine Wunschvorstellung war. Es kann jeden treffen. Fragwürdiges Foto hin oder her - als "Ziegenficker" oder "Türkensau" bezeichnet zu werden, ist weit unter jeder menschlichen Würde. Das gilt für einen Taxifahrer genau so wie für einen der größten Fußballspieler unserer Zeit.

Unsere Gesellschaft misst mit zweierlei Maß

Diese Worte treffen nicht nur türkischstämmige Mitbürger, sie treffen Menschen jeglicher Herkunft. Meine Freunde mit polnischen, arabischen oder nigerianischen Wurzeln fühlen sich davon genau so angesprochen. Auch sie sind früher oder später der "Ziegenficker". Auch sie sind die "Türkensau". Die Begriffe sind leicht austauschbar.

Die meisten von ihnen versuchen, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, fühlen sich aber oft unter Generalbeobachtung: Es herrscht ein Rechtfertigungszwang für Dinge, mit denen sie überhaupt nichts zu tun haben. Ihnen ist es unangenehm, wenn Menschen, die so aussehen wie sie, in der U-Bahn zu laut sind. Sie halten die Luft an, bevor sie bei einschlägigen Themen in die Kommentarleisten auf Facebook schauen.

Wenn sie mit herausragenden Leistungen brillieren, sind sie oft "Ausnahmetalente" - tun sie hingegen Unrecht, so stehen sie exemplarisch für ihre gesamte Community. Das ist anstrengend. Es verlangt viel ab. Auch die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie sehr wir als Gesellschaft mit zweierlei Maß messen. Die Kritik an Özil ist völlig gerechtfertigt. Seine Uneinsichtigkeit hinsichtlich der Verantwortung, die man mit einem deutschen Nationaltrikot trägt, ist fragwürdig. Aber rechtfertigt es, ihm sein Deutschsein abzuerkennen?

Es sind Momente wie diese, die einen mit der Gesellschaft und bestehenden Institutionen brechen lassen. Doch solch ein Fazit zu ziehen, so naheliegend es sein mag, ist genau der falsche Weg.

Der Umgang mit Mesut Özil war ein Rückschritt, aber kein Reset-Knopf: Gerade jetzt müssen wir handeln

Heute weiß ich, dass meine Entscheidung vor acht Jahren nicht die richtige war. Anstatt zu gehen, hätte ich bleiben und meinen Standpunkt verteidigen sollen. Mehr denn je hätte ich sagen müssen: Ich bin Deutscher, ich bin Teil dieser Gesellschaft. Das lasse ich mir nicht von jemand anderem vorschreiben. Statt auf meinen Platz am Tisch zu verzichten, hätte ich den Diskurs mitgestalten sollen.

Das gilt auch heute. Zwei Tage nach Özils Rücktritt und dem massiven Echo erkennt man schnell: Wir sprechen nur über die Punkte, die uns trennen. Wir betonen unsere Unterschiede und die Probleme, die wir in unserer breit gefächerten Gesellschaft haben. Ignoranz und fehlende Empathie dominieren. Wir ziehen immer tiefere Gräben zwischen uns.

Wir übersehen dabei aber gerne all die Fortschritte, die wir als Gesellschaft schon erzielt haben. Der Umgang mit Özil war ein Rückschritt, aber kein Reset-Knopf. Gerade jetzt ist es wichtig, Rassismus anzusprechen. Wir sollten dumme Witze über Knoblauchtürken und diebische Polen nicht ertragen, sondern ihnen entgegentreten. Wir müssen Brücken schlagen und miteinander auch viel tiefer in einen Dialog treten.

Wir dürfen der Gesellschaft vor allem jetzt nicht den Rücken kehren. Denn nur die Teilhabe an ihr gibt uns die Chance, sie zu einer besseren zu machen.

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