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Internationale Medien zu Özil "Özil geht, weil er nicht länger der Botschafter dieses an sich selbst leidenden Landes sein will"

Mesut Özil bei der EM 2016
Mesut Özil bei der EM 2016
© Christian Charisius / DPA
Der Rücktritt aus der Nationalmannschaft von Mesut Özil schlägt weltweit Wellen. Medien in Großbritannien, Spanien, Schweiz und Österreich kommentieren.

Reaktionen der internationalen Presse nach dem Rückzug von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft.

Großbritannien

"Guardian": "Özil ist der Inbegriff des Migranten, der nicht reinpasst. Seine Eltern kommen aus der Schwarzmeerstadt Zonguldak, wuchsen aber im westdeutschen Gelsenkirchen auf. Er ist ein Superstar bei Arsenal, der seine Antwort auf einen deutsch-türkischen Streit auf Englisch twittert. Indem sie von ihrer gegenseitigen Kritik zehren, um die in der Mitte zu isolieren, zeigen die Reaktionen der Hardliner auf beiden Seiten eine Symbiose. Deutschland und die Türkei ähneln sich darin, dass in beiden Ländern Ideen von "Rasse" und "Blut" weiterhin die Nation definieren."

"Telegraph": "Mit der extremen Rechten in Frankreich, die sich beschwert, dass 15 Spieler der 23-köpfigen Mannschaft des Landes afrikanische Wurzeln (meist in den ehemaligen französischen Kolonien) haben, sowie Lukaku, der auf die Vorurteile hinweist, mit denen er in Belgien zu kämpfen hatte (auch Großbritannien hat bedeutende Probleme mit einem abwegigen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit), zeigt der Fußball nicht den Weg für die Politik sondern geht in ihren Flammen auf."

"Daily Mail": "Mesut Özils Rückzug aus dem internationalen Fußball ist das tragische Ende einer glorreichen Karriere (...) einer der besten Mittelfeldspieler Deutschlands wurde von einem Symbol der Integration zu einer Gestalt der toxischen öffentlichen Debatte."

Österreich

"Kurier": "Es ging am Ende nicht mehr darum, dass Özil sich im türkischen Wahlkampf mit einem Autokraten fotografieren ließ, der Gegner seiner Politik einsperren lässt. Vielmehr warf man Özil vor, kein echter Deutscher zu sein, sich nicht mit seinem Geburtsland zu identifizieren. Plötzlich war Nationalismus der übelsten Sorte im Spiel, der, wie eigentlich immer, am Ende in Rassismus umschlug."

"Standard": "Um Erdogan geht es aber vor allem auf den zweiten Blick. Vielmehr geht es um gekränkten Nationalstolz, eine beleidigt geführte Integrationsdebatte und um blanken Rassismus. Nicht weniger. Mit dem Foto zertrümmerten Özil und Gündogan jene Integrationsluftschlösser, deren Fundament vielmehr Assimilation ist."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": "Sportler in anderen Ländern mögen hin und wieder ähnliche Erfahrungen machen. Aber die Art und Weise, wie die deutsche Öffentlichkeit ihre Athleten vereinnahmt und verurteilt, ist eine besondere. Als drei Schweizer Nationalspieler bei der WM die Doppeladler-Geste machten, ein bekanntes Zeichen albanischer Nationalisten, gab es im Land zwar eine hitzige Diskussion. Die hat sich aber vergleichsweise schnell beruhigt, und alle Beteiligten spielen nach wie vor für die Schweiz. (...) Ein wichtiger Grund für die deutsche Übertreibung ist das gebrochene Nationalgefühl. Die Deutschen hadern bis heute mit sich und ihrer Geschichte, mehr als jedes andere Volk. Sportliche Erfolge erlauben ihnen eine Form des Stolzes, die sie sich sonst verbieten. Das erste Mal geschah es beim "Wunder von Bern" (das der Politologe Arthur Heinrich später zur "wahren Geburtsstunde der Bundesrepublik" erklärte), und es wird mit Özils Abschied nicht enden. Allerdings ist die Rolle des kickenden Stolzproduzenten heute komplizierter. Helmut Rahn musste 1954 nur das Tor treffen. Seine Nachfolger sollen neben dem Platz auch noch die vorbildlichsten Vertreter jenes postnationalen "cool Germany" sein, das das Land seit seinem Sommermärchen zu sein glaubt. Özil ist Weltklasse darin, gegen einen Ball zu treten. Er geht nicht, weil er das verlernt hätte, sondern weil er nicht länger der Botschafter dieses an sich selbst leidenden Landes sein will. Man kann es ihm nicht wirklich verübeln."

"Tagesanzeiger": "Jetzt steht dieser Spieler für die bange Frage von Grünen-Politiker Özdemir, ob Deutschtürken künftig noch einen Platz im deutschen National-Team finden würden. Und er steht für sein dumpfes Gefühl, trotz aller sozialen Dienste, die er für das Land erbrachte, auf Ablehnung zu stoßen. Und auf Rassismus."

Spanien

"El País": "Die Vorwürfe des Fußballers zeigen, dass die Grundlage der ethnischen und kulturellen Integration, die das Bild des Siegers von 2014 zeigen sollte, nicht wirklich solide ist. Der Aufstieg der extremen Rechten, die sich in den 90 Sitzen zeigt, die die AfD bei den Bundestagswahlen 2017 gewann, scheinen die bittere Sicht des Fußballers zu stützen."

fin DPA

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