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P. Köster: Kabinenpredigt: Warum Özils Rücktritt für DFB-Präsident Grindel wirklich gefährlich ist

Mesut Özils Rücktrittserklärung zeigt den Dilettantismus der DFB-Funktionäre, allen voran von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Zugleich sendet Özil ein fatales Signal an Hunderttausende von Einwandererkindern, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Lange hatte Mesut Özil geschwiegen. Seit er Mitte Mai gemeinsam mit Ilkay Gündogan auf Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan erschienen war, hatte er nur ein paar dürre und nichtssagende Social-Media-Posts veröffentlicht, ansonsten aber stumm zugeschaut, wie er und Gündogan bei Freundschaftsspielen ausgepfiffen wurden, sich vor allem um seine Person eine bemerkenswert einfältige Diskussion entsponn, wie sich Werbepartner distanzierten und wie er nach der desaströsen WM von Verbandsfunktionären zum Hauptschuldigen für das Vorrundenaus gemacht wurde.

Nun hat Özil sein Schweigen gebrochen. Und das, was er in drei langen Posts auf Facebook zu sagen hatte, ist der bittere Schlussakt einer zerrütteten Beziehung. Die Erklärung ist geeignet, die Nationalmannschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern und Funktionäre aus dem Amt zu fegen. Denn es ist die schonungslose Abrechnung eines Spielers, der noch bis vor kurzer Zeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Integrationsmaskottchen des DFB herumgereicht worden ist und der in den letzten Wochen systematisch ausgegrenzt wurde.

Mesut Özil im Fokus - auch bei den DFB-Verantwortlichen

Mesut Özil tritt mit einem lauten Knall ab

DPA

Erdogan-Bilder waren PR für einen Autokraten

Wer will, kann sich in den Text verbeißen. Darin etwa, dass Mesut Özil selbst in all den Wochen nahezu fehlerlos agiert haben will. Kein Wort verliert er darüber, dass er seine Beweggründe für die Bilder mit Erdogan auch früher ausführlicher hätte darlegen können. Und die Rechtfertigung für den Fototermin kommt argumentativ dünn daher. Schon richtig, dass Özil Fußballer und kein Politiker ist, wie er betont, aber ihm musste klar sein, dass diese Bilder politisch genutzt werden, als willkommene PR für den Autokraten im Wahlkampf. 

Kein Wunder also, dass die "Bild"-Zeitung in Özils Erklärung schnell eine "teils wirre Jammer-Abrechnung“ entdeckte. Getroffene Hunde bellen, denn die "Bild" durfte sich nämlich durchaus mitgemeint fühlen in Özils Medienschelte. Das Boulevardblatt hatte früh den unbarmherzigen Ton der Debatte bestimmt. "Özils und Gündogans schäbige Propaganda" hieß es dort am Tag danach, in der Fußball-Öffentlichkeit herrsche überall "Wut. Entsetzen. Fassungslosigkeit".

Grindel muss viele Brandherde löschen

Aber die Kritik an einigen Medien, an rassistischen Äußerungen von Politikern und auch an den hysterischen Absetzbewegungen von Sponsoren wie Mercedes-Benz sind letztlich nur Nebenschauplätze in Özils Abrechnung. Nicht einmal mit den rassistischen Anfeindungen mancher Anhänger will er sich allzu lange aufhalten. Seine Wut trifft stattdessen und nicht zu Unrecht den obersten DFB-Repräsentanten, Präsident Reinhard Grindel. Den charakterisiert er als eitlen und rücksichtlosen Funktionär, der nicht nur aktiv eine frühe Beilegung der Debatte verhindert, sondern auch hinterher versucht habe, Özil aus der Nationalelf zu drängen.

Nun kann es sich Grindel einfach machen und die Vorwürfe empört zurückweisen. Oder er wird, und das ist angesichts des bisherigen Agieren des Funktionärs die wahrscheinlichere Variante, versuchen, die Affäre einfach auszusitzen. Doch das wird nicht funktionieren. Denn Özils Attacke ist nur eine von vielen Brandherden, die Grindel derzeit zu löschen hat. Das ist die Aufarbeitung des WM-Desasters, die der DFB nur schleppend betreibt und von rätselhaften Ergebenheitsadressen an den Bundestrainer begleitet wird. 

Dilettantische Diplomatie in Russland durch Grindel

Und da ist die Bewerbung um die Euro 2024, die die deutsche Delegation unter Führung von Grindel in Russland durch unsensibles Auftreten und dilettantische Diplomatie unnötig in Straucheln gebracht hat. Man muss sich das harsche Urteil des früheren DFB-Pressesprechers Harald Stenger ("Grindel war und ist der schlechteste DFB-Präsident, den ich je erlebt habe“) nicht zu eigen machen, um dennoch festzustellen, dass es eine grundlegende Erneuerung braucht und die ganz oben anfangen muss.

Viel wichtiger jedoch ist etwas anderes, was weit über Frankfurter Personalien hinausreicht. Nämlich die Diskussion darüber, wie offen der Fußball und seine Institutionen wirklich für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ist. Wie mit Mesut Özil umgegangen worden ist, ist ein fatales Signal für hunderttausende Einwandererkinder, die hierzulande Fußball spielen. Die allermeisten haben in ihrem Alltag auf vielfältige Art Ausgrenzung erlebt. Was bedeutet es für sie, wenn mit Mesut Özil ein begnadeter Fußballer und ein globaler Star ausgerechnet in der Nationalmannschaft die gleichen Erfahrungen macht?

Darüber gilt es zu reden. Mit oder ohne DFB-Präsident.

Statement zum Treffen mit Erdogan: Twitter-User reagieren auf Özils Erklärung: "Das Özil-Statement hakt an einem gefährlichen Punkt"

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