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stern-Gespräch

Gruppenvergewaltigung in Freiburg: "Die Männer befanden sich offenbar in einem Krieg gegen das weibliche Geschlecht"

In Freiburg vergingen sich mehrere junge Männer an einer 18-Jährigen. Kein Einzelfall. Ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Rolf Pohl über das Phänomen der Gruppenvergewaltigung.

Interview: Ingrid Eißele

Sozialpsychologe Rolf Pohl im Interview über Gruppenvergewaltigung

Der Sozialpsychologe und Männlichkeitsforscher Rolf Pohl, 67, lehrte bis 2017 an der Universität Hannover.

Der Freiburger Fall: Am Samstag, dem 14. Oktober 2018, kurz nach Mitternacht, verlässt eine 18-Jährige gemeinsam mit einem 21-Jährigen die Freiburger Diskothek "Hans Bunte Areal". Die Disco befindet sich in einem Industriegebiet im Norden der Stadt (Foto l.). Bei einer nahe gelegenen Baumgruppe soll der 21-Jährige die junge Frau dann vergewaltigt und später einigen Männern in der Diskothek gesagt haben, dass draußen eine wehrlose Frau liege. Daraufhin soll die 18-Jährige von mehreren weiteren Tätern vergewaltigt worden sein. Bis zum Montagabend hatte die Polizei neben dem Hauptverdächtigen, einem Syrer namens Majd H., sieben Verdächtige festgenommen, nach zweien wurde noch gefahndet. Sieben der Festgenommenen sind Syrer, einer ist Deutscher.

Herr Professor Pohl, was war Ihr erster Gedanke, als Sie erfuhren, dass in Freiburg mehrere Männer bei einer Diskothek eine Studentin vergewaltigt haben?

Ich dachte: Hoffentlich keine Ausländer – das ist sonst wieder ein gefundenes Fressen für Populisten.

Genauso war es aber. Sieben Syrer und ein Deutscher sitzen in Haft, mindestens zwei weitere Verdächtige werden noch gesucht. Sie sollen die Frau vier Stunden lang missbraucht haben.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit sexueller Gewalt, doch die Grausamkeit und Empathielosigkeit bei derartigen Taten macht mich immer wieder fassungslos.

Wenn man in den vergangenen Jahren von solchen Verbrechen hörte, dann fanden sie meist in anderen Ländern statt, in Indien zum Beispiel.

Gruppenvergewaltigungen gab es schon immer, und zwar in den verschiedensten Weltgegenden, sie kommen besonders oft in Kriegen vor. Auch im Bosnienkrieg in den 90er Jahren haben sie bekanntlich stattgefunden.

Im Krieg geht es den Tätern oft darum, den Gegner physisch oder moralisch zu zerstören. Kann man das mit einer Vergewaltigung im friedlichen Freiburg vergleichen?

Ja, denn auch hier befanden sich Männer offenbar in einer Art Kriegszustand, in einem inneren Kriegszustand gegen das weibliche Geschlecht an sich.

Das müssen Sie erklären.

Es geht in solchen Männerbünden auch darum, die eigene heterosexuelle Männlichkeit zu beweisen, die sich als überlegen versteht – auf Kosten der Frau, die auf ihren Körper reduziert wird.

Die Zahlen: Das Bundeskriminalamt führt seit Jahrzehnten eine eigene Statistik über "Vergewaltigung durch Gruppen". Pro Jahr gibt es etwa 400 bis 600 Verdachtsfälle, dazu werden auch "überfallartige" Angriffe gezählt. Die Gesamtzahlen sind seit dem Jahr 2010 rückläufig, vergangenes Jahr gab es 380 Verdachtsfälle. Einzige Ausnahme: 2016 kam es zu einem Anstieg auf 749 Fälle, bedingt vor allem durch die Übergriffe in der Silvesternacht. Während der Anteil der deutschen Tatverdächtigen sinkt, steigt der Anteil der – im BKA-Sprachgebrauch – "Nichtdeutschen" weiter an, in den vergangenen zwei Jahren auf mehr als die Hälfte. 2017 gab es 256 ausländische Tatverdächtige, davon 123 Flüchtlinge. Als Gruppe gelten im Strafrecht mindestens drei Personen.

Die Zahlen: Das Bundeskriminalamt führt seit Jahrzehnten eine eigene Statistik über "Vergewaltigung durch Gruppen". Pro Jahr gibt es etwa 400 bis 600 Verdachtsfälle, dazu werden auch "überfallartige" Angriffe gezählt. Die Gesamtzahlen sind seit dem Jahr 2010 rückläufig, vergangenes Jahr gab es 380 Verdachtsfälle. Einzige Ausnahme: 2016 kam es zu einem Anstieg auf 749 Fälle, bedingt vor allem durch die Übergriffe in der Silvesternacht. Während der Anteil der deutschen Tatverdächtigen sinkt, steigt der Anteil der – im BKA-Sprachgebrauch – "Nichtdeutschen" weiter an, in den vergangenen zwei Jahren auf mehr als die Hälfte. 2017 gab es 256 ausländische Tatverdächtige, davon 123 Flüchtlinge. Als Gruppe gelten im Strafrecht mindestens drei Personen.

Im vergangenen Jahr gab es laut Bundeskriminalamt 380 Verdachtsfälle von Gruppenvergewaltigung, tendenziell ist die Zahl eher rückläufig. Doch während die Tatverdächtigen früher meist Deutsche waren, liegt der Anteil der "Nichtdeutschen" nun bei mehr als 50 Prozent. Haben Sie eine Erklärung?

Hier ist dringend vor Pauschalurteilen zu warnen. Viele glauben, dass junge Männer aus anderen Kulturkreisen geprägt sind durch Macho-Vorbilder, mit denen sie aufgewachsen sind – und dass sie sich deshalb über alle Regeln und Gesetze unserer Gesellschaft hinwegsetzen. Aber es sind sehr viele mit einem rückschrittlichen Frauenbild groß geworden, und trotzdem vergewaltigen sie nicht. Man darf nicht vergessen, dass die Zahl der Täter winzig ist im Vergleich zur Zahl der Migranten – wir sprechen von einzelnen Menschen.

Trotzdem: Es ist auffällig, dass der Anteil der "Nichtdeutschen" an den Tatverdächtigen vergleichsweise hoch ist. Woran kann das liegen?

Es gibt keine klare Kausalität, vor allem gibt es nicht die eine Ursache, die alles erklären würde, also etwa die Nationalität oder die Herkunftskultur. Man muss zum Beispiel auch einbeziehen, dass manche der Täter hier ohne das disziplinierende Umfeld ihrer Familie leben. Dass sie es mit Werten aus zwei Kulturen zu tun haben, die sich teils widersprechen – was am Ende beide weniger verbindlich erscheinen lässt. Und dass bei Zurückweisung oder Diskriminierung eher ein Rückgriff auf Macho-Vorbilder stattfindet als in einer Umgebung, in der sich ein junger Mann akzeptiert fühlt.

Das Wuppertaler Landgericht verurteilte Anfang Oktober sechs Jugendliche, die ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt haben, der Haupttäter war erst 15. In Essen müssen sich fünf Angeklagte, der jüngste 17 Jahre alt, verantworten, die Mädchen in den Wald verschleppten und missbrauchten. Wie kann es sein, dass selbst 15-Jährige solche Taten begehen?

Das Entscheidende ist die Gruppendynamik, und die wirkt natürlich auch auf Teenager. Einer prescht vor, da will der andere nicht zurückstehen. Allein wäre er dazu wahrscheinlich nicht fähig. Die wurden ja nicht als Monster geboren. Doch Empathie, Moral und Schamgefühl werden unter dem männlichen Gruppendruck außer Kraft gesetzt.

Freiburg: Polizei sucht nach Gruppenvergewaltigung weitere Verdächtige

Warum sagt keiner: Hört auf damit?

Es kommt durchaus vor, dass Einzelne eigentlich ablehnen, was da vor ihren Augen passiert. Sie haben Schamgefühle, aber der Kameradschaftsdruck, die Loyalität mit der Gruppe ist größer.

Braucht es einen Anführer?

Es gibt auch Gruppen ohne Anführer, die haben dann eine verbindende Idee, die sie antreibt, in Kriegen etwa den Hass auf den Gegner. Aber ob mit oder ohne Anführer: Entscheidend ist die Gruppe. Sie gibt dem Einzelnen das Gefühl, der Größte zu sein, auch wenn er sich sonst nur als mickrige Existenz empfindet. Der Narzissmus des Einzelnen wird in einen kollektiven Narzissmus verwandelt und damit grandios überhöht.

Geht es bei einer solchen Vergewaltigung um Macht? Oder um pervertierte Luststeigerung?

Es gibt zwar die weitverbreitete These, es gehe bei solchen Exzessen vor allem oder ausschließlich um Macht, aber tatsächlich geht es bei sexueller Gewalt immer um beides. Wenn man das jugendliche Alter vieler Täter sieht, scheint mir allerdings noch ein dritter Faktor eine Rolle zu spielen. Bei Jugendlichen gibt es die mit der Sexualreifung verbundene Unsicherheit: Was bin ich, wo will ich hin, bin ich heterosexuell, bin ich schwul? Diese Unsicherheit ist niemals stärker als in der Pubertät. Schon in den 40er Jahren fand Kinsey heraus, dass 70 Prozent der befragten amerikanischen Collegestudenten mindestens einmal homosexuelle Experimente unternommen hatten. Das Spiel mit gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeit gehört eigentlich zur normalen Entwicklung von Jugendlichen, ehe sich die sexuelle Identität herausschält. Für viele Jungen darf so etwas aber auf keinen Fall sein.

Die Vergewaltigung wäre nach dieser Lesart also eine Demonstration: Schaut her, ich bin ein "richtiger Kerl"?

Genau. Und Heterosexualität muss besonders dann bewiesen werden, wenn Männer sehr eng körperlich zusammen sind. In Jugendgruppen zum Beispiel oder auch beim Militär. Da müssen viele ihre Heterosexualität fast schon zwanghaft unter Beweis stellen.

Die amerikanische Psychologin Karen Franklin, die 25 Gruppenvergewaltigungen analysiert hat, verglich die Reaktionen der Täter mit dem Hochgefühl nach einem sportlichen Sieg.

Das ist Teil dieses grandiosen Narzissmus, der blendet jede Realität aus.

Der Angeklagte im September 2017 vor Gericht

Warum werden die Opfer derart gedemütigt?

Als Psychologe sehe ich es so: Die Frau wird für das Begehren bestraft, das sie im Mann auslöst. Denn der heterosexuelle Mann ist nirgendwo weniger autonom als in der Sexualität, er ist abhängig von der Frau. Das stellt das Bild von starker Männlichkeit grundlegend infrage.

Was genau ist nach diesem Erklärungsmodell die Angst der Täter?

Sich nicht als männlich zu beweisen, zu versagen. Das Gefühl, ausgeliefert und kontrolliert zu sein, widerspricht ihrem Bild von starker Männlichkeit. Sie holen sich durch die Demütigung der Frau im Rudel die Kontrolle zurück und können nur so ihre sexuelle Lust genießen.

Klingt sehr archaisch: der Mann als Jäger, die Frau als Beute.

Hier geht es weniger um Biologie oder Evolution als um die Folgen einer Kultur der männlichen Überlegenheit. Kontrolle zu erlangen ist eine der wichtigsten Quellen für Gewalt. Nicht die Männlichkeit ist in der Krise, sondern Männlichkeit an sich ist ein Krisenmodell ...

Eine gewagte These ...

Das Muster haben wir in allen Gesellschaften, in denen es eine männliche Vorherrschaft gibt. Da läuft etwas grundlegend schief im Begehren des anderen Geschlechts, und das zeigt sich in der permanenten Abwertung des Weiblichen. Überall wird der Körper als verfügbar und damit als potenzielles Opfer des männlichen Zugriffs präsentiert, vor allem in der Werbung und im Internet. Ich beobachte mit Sorge Grundschüler, die noch keine Ahnung vom Küssen haben, aber schon wissen, was Pornografie ist. Die große Aufgabe wäre, Jugendlichen zu zeigen, wie sich Sexualität auf Augenhöhe entwickeln kann.

Tragen nicht doch auch religiöse oder kulturelle Traditionen bei zur Gewalt gegen Frauen? In einer Studie des Bundesfamilienministeriums über Gewaltphänomene bei muslimischen Jugendlichen heißt es zum Beispiel: "Traditionell werden muslimische Jungen zu körperlicher und geistiger Stärke, Dominanz und selbstbewusstem Auftreten – im Hinblick auf die Übernahme von männlichen Rollenmustern – erzogen." Zeige ein Jugendlicher diese Eigenschaften nicht, "wird er als Frau und Schwächling bezeichnet".

Das kann ein Nährboden für Übergriffe sein, aber ich warne davor, sie pauschal einer muslimischen Kultur zuzuordnen. Man darf nicht vergessen, dass auch andere Kulturen diesen Nährboden haben. Wir alle sind längst nicht so weit, wie wir glauben. Das sieht man an anderen Formen sexueller Gewalt, besonders in Beziehungen. Und zurzeit beobachten wir ja auch eine wachsende Bewegung, die versucht, das traditionelle Männerbild wieder zu stärken, mit dem Mann als Vorstand der Familie.

Wen meinen Sie damit?

Rechtspopulisten, christliche Fundamentalisten, Männerrechtler, die gegen alles sind, was mit Emanzipation zu tun hat. Da wird eine heile Welt der klassischen Kleinfamilie projiziert, die es so nicht gegeben hat.

Gibt es eine Rückkehr des Machos?

Ja. Bei der Bundeswehr gab es zum Beispiel Anfang des Jahrtausends eine Öffnung und Liberalisierung des traditionellen soldatischen Bildes. Doch mit den Kriegseinsätzen und den Bedrohungen ist der archaische Krieger wieder da, die Abwertung von Frauen nimmt wieder zu.

Aber auch Beschützerinstinkte von Vätern. Die fragen sich, ob sie sich Sorgen machen müssen, wenn die 18jährige Tochter allein unterwegs ist. Wie geht es Ihnen selbst?

Dass Frauen sich angewöhnen, nachts bestimmte Wege und Plätze zu meiden, finde ich empörend. Aber noch empörender ist: Das gibt es schon lange, nicht erst, seit wir Einwanderer haben. Und wir haben uns alle längst daran gewöhnt.

Text gegen sexuellen Missbrauch: Dieses Gedicht einer jungen Inderin müssen Sie hören